Warum die Umfragen so falsch lagen
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So sah die letzte Umfrage aus
Es war gestern nicht der Tag des Claude Longchamp: Im SF-Abstimmungsstudio musste der Starpolitologe erklären, wieso er in Sachen Minarett-Initiative so spektakulär versagt hat, dass es weh tut. Longchamps letzte SRG-Umfrage sah vor gut zwei Wochen 37 Prozent Ja-Sager und 53 Prozent Ablehner. Gestern sagten aber über 57 Prozent Ja.
«Wir haben eine Differenz», räumte Longchamp im TV ein. Er nannte drei Gründe: Die Schlussmobilisierung sei einseitig gewesen. Anders als üblich hätten sich die 10 Prozent Unentschiedenen auf die Ja-Seite geschlagen. Und drittens hätten Leute in der Umfrage nicht die Wahrheit gesagt. Er gehe aber nicht davon aus, dass es viele waren. Andere sehen das anders. «Die Leute drücken sich insbesondere bei emotional aufgeladenen Abstimmungen am Telefon vorsichtig aus. Politisch korrekter, als sie wirklich denken», sagt der Zürcher Soziologieprofessor Kurt Imhof. Diesmal sei das «in krassem Mass» der Fall gewesen. Es handle sich «nicht um die Leute, die 100 Prozent überzeugt sind. Hingegen um jene, die nicht sicher sind, wie sie abstimmen wollen.»
«Die Leute trauten sich nicht»
Ähnlich sieht es der Zürcher Politologe Michael Hermann. «Das Phänomen der sozialen Erwünschtheit hat zugeschlagen: Die Leute trauen sich nicht, ihre wahre Meinung zu sagen, wenn sie das Gefühl haben, das sei unkorrekt und werde vom Befrager abgelehnt.» Hermann sieht das Abstimmungsergebnis als Rache von unten: «Die Elite - Intellektuelle, Parteien, Journalisten - hat kommuniziert: Wer diese Initiative bejaht, ist ein wenig doof und intolerant.» Als Beispiel nennt Hermann die TV-Satiriker Viktor Giacobbo und Mike Müller: «Beim Minarett kam eine elitäre Haltung zum Tragen: Das Anliegen wurde, auf Schweizerdeutsch,‹vernütiget›.»
Haben die Medien versagt? Hermann: «Sie waren nicht politisch korrekt. Sie beschönigten nicht. An sich ein Fortschritt. Trotzdem schwang unterschwellig mit, dass die Initiative blöd ist. Quasi unter der Würde der Journalisten.» Imhof differenziert: «Die klassischen Medien mit noch existierenden Ressortstrukturen sorgten für Hintergrund sowie Pro- und Contra-Beiträge. Sie verwiesen in ihrer überwiegenden Mehrheit auf die Untauglichkeit der Initiative hinsichtlich ihrer Ziele. Onlinemedien hingegen orientierten sich an Klickraten sowie an Zuschriften der Leser. Sie berichteten plötzlich über angebliche Hassprediger, die in der Schweiz auftauchen.» Die Meinungsforscher allerdings hätten von Onlinemedien lernen können: «Wo es Artikel über die Initiative gab, hagelte es Lesereinträge. Das Gros war für die Initiative.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.11.2009, 11:51 Uhr
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