Wenn der Radiomann auch filmen müsste

Sollen Radioredaktoren auch Fernsehbeiträge machen? Heute will der SRG-Generaldirektor entsprechende Pläne vorstellen. Ein Besuch beim Radio zeigt aber: Kameraarbeit darf man den Radioleuten nicht auch noch zumuten.

Newsdesk von Radio DRS: Hier sammelt die Nachrichtenredaktion die News, um sie an die Sender weiterzuleiten.

Newsdesk von Radio DRS: Hier sammelt die Nachrichtenredaktion die News, um sie an die Sender weiterzuleiten. (Bild: Adriana Bella)

Der Direktor unter Druck

Alles, was über die aktuellen Konvergenzpläne von SRG-Direktor Armin Walpen bekannt ist, gelangte über Indiskretionen an die Öffentlichkeit. Allein die Informationspolitik brachte Walpen in den letzten Wochen scharfe Kritik von vielen Seiten ein. Verschiedene Medien bezeichneten das Projekt bereits als Geheimplan. Dazu kam Kritik am Projekt selber, obwohl noch gar nicht bekannt war, wie weit Walpen TV und Radio überhaupt zusammenführen will. Zu guter Letzt hiess es, Walpen habe Fernsehdirektorin Ingrid Deltenre bereits im Voraus versprochen, sie zur neuen Superintendantin zu ernennen. Schelte musste Walpen von Bundesrat Moritz Leuenberger einstecken. Widerspruch kam auch aus der SRG selber.

Zahlen und Fakten

1000 Mitarbeiter beschäftigt das Schweizer Radio DRS insgesamt (Zahlen von 2007). Davon arbeiten 430 in Zürich, 300 in Bern, 190 in Basel. Die restlichen rund 90 Mitarbeiter arbeiten in den DRS-Regionalstudios in Aargau, Luzern und St.Gallen. Die Direktion ist in Basel. Für den Betrieb der Sender standen Radio DRS 185 Millionen Franken zur Verfügung. 91 Prozent der Bevölkerung in der Deutschschweiz hören täglich Radio. Den grössten Marktanteil erreicht DRS1 mit 40 Prozent. DRS3 hat einen Marktanteil von 15 Prozent und DRS2 von 5 Prozent. Zum Vergleich: Alle kommerziellen Schweizer Radios zusammen hatten im Jahr 2007 in der Deutschschweiz einen Marktanteil von 26 Prozent.

Bern, Schwarztorstrasse 21: Ein ganz gewöhnliches Stadthaus, Sandsteinbau, die Informationsabteilung von Schweizer Radio DRS. Hier werden die Informationssendungen aller Radio- DRS-Sender produziert. Dazu gehören nicht nur die klassischen Radionachrichten, sondern auch Hintergrundmagazine wie das «Rendezvous» oder das «Echo der Zeit».

Hier im Radiostudio könnte sich in der nächsten Zeit vieles ändern. Armin Walpen, Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft, möchte «Konvergenz» zwischen Radio und Fernsehen. Auf gut Deutsch: Er möchte die beiden Medien näher zusammenführen. Die Rede war schon von Fusion. Was genau der Direktor will, weiss allerdings noch niemand. Die Öffentlichkeit orientiert hat er nie. Dafür liess er die Gerüchteküche brodeln. Heute, nachdem der Verwaltungsrat der SRG bereits wichtige Entscheide getroffen hat, will der Chef die Katze aus dem Sack lassen: Er hat eine Medienkonferenz im Kalender eingetragen.

«Wir haben sie bereits»

Der Newsraum im Berner Radiostudio. Drei grosse Schreibtische. Der grösste gehört der Nachrichtenredaktion. Neun Redaktoren sitzen an Bildschirmen Sie stellen die Neuigkeiten aus aller Welt für die vier DRS-Radiosender zusammen. Links und rechts vom Tisch kleine Häuschen, Tonkabinen, ausgestattet mit Mikrofonen, Lämpchen, Schalthebeln. Ab und an verschwindet einer vom grossen Tisch in die Kabine, liest die Nachrichten ins Mikrofon. Leuchtet die grosse Lampe, heisst das: Ein Sprecher ist auf Sendung. «Wir produzieren hier einfach Nachrichten, immer live», sagt Rolf Hieringer, Chef der Nachrichtenredaktion. Wo das Gesprochene hingeleitet wird, braucht hier niemanden zu kümmern: «Die verschiedenen Sender können uns zuschalten oder nicht, je nach ihrem Programm.» 500 Nachrichtenbulletins schickt das Team Woche für Woche «On air», wie es in der Sprache der Radioleute heisst, im Halbstundentakt – manchmal nur für DRS4 News, manchmal für alle vier Sender.

Im selben Büro am Tisch nebenan sitzen die Onlineredaktoren. Man steht in ständigem Kontakt mit dem Nachrichtenteam. Das ist seit einem Jahr so.

Der Nachrichtenchef konstatiert: «Wir haben hier bereits Konvergenz.» Was ironisch klingt, ist ernst gemeint. Die «Annäherung» zwischen «Online» und «Nachrichten» ist nämlich bloss die Spitze der hier im Hause längst gelebten engen Zusammenarbeit.

Der Chef denkt laut

Da sind auch das Redaktionsteam vom «Rendezvous» und die Journalisten vom «Echo der Zeit». Die Nachrichtenblöcke für diese beiden Sendungen liefert ebenfalls das Nachrichtenteam, täglich. Das will abgesprochen sein. Redundanzen sind verpönt. So steht man auch hier in ständigem Kontakt. Der Nachrichtenchef denkt laut: «Ich kann mir kaum vorstellen, wo wir in diesem schon jetzt sehr komplizierten Geflecht von Redaktionen noch die Fernsehredaktionen eingliedern sollten.»

Eingebundene Experten

Ein Stockwerk weiter oben, leicht abgesondert, sind die sogenannten Fachredaktionen untergebracht; klassische Aufteilung: Inland, Ausland, Wirtschaft. Die Büros sind kleiner. Hier sitzen journalistische Experten. Ein Spezialist für Gesundheitspolitik etwa und einer für das Militär. Wer aber glaubt, dass wenigstens die 19-köpfige Inlandredaktion auf eigene Faust wirtschaftet oder die Auslandredaktion, der irrt. «Konvergenz auch hier», sagt Nachrichtenchef Hieringer lakonisch. Die Fachredaktionen haben nicht einmal eigene Sendungen. Sie beliefern die «Nachrichten» und die Hintergrundmagazine mit Spezialwissen und Beiträgen. Kooperation ist zwingend.

Gescheiterte Annäherung

Wäre es nicht sinnvoll, wenn mindestens die Fachredaktionen ihr Wissen ans Fernsehen weiterleiten würden? Die Antwort kommt prompt: «Wir haben das auch schon versucht. Doch es hat für die Journalisten zu schlechten Ergebnissen geführt. Das Problem war der Zeitdruck», sagt Hieringer. «Der Koordinationsaufwand war unverhältnismässig.»

Es gäbe, so der Nachrichtenchef, ein weiteres, ein grundsätzliches Problem bei einer institutionalisierten Zusammenarbeit: «Radio und Fernsehen sind von Grund auf ganz unterschiedlich.» Das Radio sei schnell, müsse schneller sein. Und es geniesse die höchste Glaubwürdigkeit beim Publikum, das belegten Studien, das soll so bleiben. Beim Fernsehen hingegen stehe das Visuelle im Vordergrund, das gute Bild. Der Nachrichtenchef: «Wenn ein Fachredaktor ein aktuelles Thema bearbeiten muss, damit es möglichst schnell ausgestrahlt wird, kann er doch nicht noch eine Kamera mitnehmen.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.03.2009, 08:28 Uhr

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