Schweiz

Wenns ums Christentum geht, hört der Spass auf

Von Christian von Burg. Aktualisiert am 23.07.2009

Glaubensfreiheit ist für den Islam ein Fremdwort. Auch in der Schweiz sind Muslime, die zum Christentum wechseln, vom Tod bedroht. Eine Imam-Ausbildung in der Schweiz dürfte sich entsprechend schwierig gestalten.

In vielen Moscheen der Schweiz wünschten sich die Gläubigen Vorbeter, die den Koran ausreichend kennen.

In vielen Moscheen der Schweiz wünschten sich die Gläubigen Vorbeter, die den Koran ausreichend kennen.
Bild: Keystone

Der Islam versteht sich als die letzte und die einzig richtige Religion. Wer sich von ihr lossagt oder gar die Religion wechselt, ist vom Tod bedroht. Auch Muslime, die in der Schweiz wohnen, werden nicht verschont. Dem «Bund» liegt ein Papier vor, in dem ein Vater aus dem kurdischen Teil Iraks seinen Sohn offiziell zum Tod freigibt, weil dieser in der Schweiz zum Christentum konvertiert ist. Der Vater schreibt: «Ich distanziere mich von ihm. Gemäss dem islamischen Gesetz der Scharia muss man ihn töten. Wenn er mir nahe wäre, hätte ich ihn selber bestraft. Ich bitte die Verwaltung und die Massenmedien der Region Irak-Kurdistan, meine Entscheidung bekannt zu machen.»

Nicht nur für religiöse Hardliner ist der Abfall vom «richtigen Glauben» ein Problem. Auch scheinbar säkularisierte Muslime, die nicht zur Moschee gehen, Alkohol trinken und ihren Teenagern in Sachen Kleidern und Ausgang grossen Freiraum lassen, verstehen wenig Spass, wenn ihre Tochter einen christlichen Freund hat und sich zu seiner Religion hingezogen fühlt. Dem «Bund» ist ein solcher Fall bekannt, in dem die Eltern ihre 16-jährige Tochter bedroht, geschlagen und schliesslich für immer aus dem Haus geworfen haben.

Vor diesem Hintergrund wird klar, wie schwierig eine Imam-Ausbildung in der Schweiz werden dürfte, in der auch das Verständnis für andere Religionen und die Lebensumstände in der Schweiz gefördert werden soll (siehe «Bund» von gestern). Es wird kaum möglich sein, eine Theologie zu etablieren, die sich nicht auf Wahrheiten beruft, sondern zu hinterfragen wagt.

Gestrandet ist ein solches Projekt an der Universität Basel, wo ein Lehrstuhl geschaffen werden sollte – mit fünf Millionen Franken Sponsorengelder des Staates Kuwait und einer islamischen Stiftung. «Die Geldgeber wollen Kontrolle über die Lehrinhalte ausüben, wir die Unabhängigkeit der Universität wahren», sagt Beat Münch, Adjunkt des Rektors. Seit über drei Jahren herrscht jetzt Funkstille zwischen der Uni und dem Initianten, dem Kairoer Islam-Professor Elsayed Elshahed. Münch will das Projekt nicht als gescheitert bezeichnen, aber es sei «ein langer, schwieriger Weg» bis zu einer Imam-Ausbildung in der Schweiz.

Drohungen stets im Nacken

Für die jüdische Islamkritikerin Gisèle Littman aus Genf ist ein aufgeklärter Islam derzeit gar nicht möglich. Sie hat sich wissenschaftlich mit den Andersgläubigen unter muslimischer Herrschaft auseinandergesetzt und sieht sich bestätigt durch die Verfolgung zahlreicher progressiver Vertreter des Islams. «Wer die Tradition hinterfragt, wird von den Extremisten mit dem Tod bedroht.» Littman nennt etwa die Namen von Ayaan Hirsi Ali aus Somalia oder Nasr Hamid Abu Zaid aus Ägypten, die beide im Westen Zuflucht suchen mussten. Gemäss Littman ist es das erklärte Ziel der weltweiten Organisation der Islamischen Konferenz, auch die islamische Diaspora im Westen stärker einzubinden. Sie steht der Ausbildung von Imamen in der Schweiz deshalb sehr skeptisch gegenüber.

Moderate Muslime beunruhigt

Dabei wäre eine bessere Bildung für Schweizer Imame dringend nötig. Die meisten Moscheen haben kein Geld für einen vollamtlichen Imam und setzen in der Not auf Freiwillige oder Durchreisende. Diese Ersatz-Imame kennen den Koran schlecht, wie verschiedene Insider bestätigen, und in vielen Fällen predigen sie wenig Schmeichelhaftes über den Westen. Moderate Muslime sind beunruhigt über das, was sie teilweise zu hören bekommen. Auch in kirchlichen Kreisen wird hinter vorgehaltener Hand bezweifelt, dass die Muslime in der Schweiz für einen europäischen Islam bereit sind.

«Islam steckt in der Sackgasse»

Zuversichtlicher gibt sich Saida Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam. Für sie sind obige Einschätzungen «zu religiös geprägt». Jedes Jahr versammelten sich fortschrittliche Muslime aus der ganzen Welt, um «die Reform des Islams» voranzutreiben. Für Keller ist klar: «Der orthodoxe Islam steckt in einer Sackgasse.» Aber auch Keller muss eingestehen, dass Muslime, die so denken wie sie, eine klare Minderheit sind, «eine Minderheit, die sich verstecken muss». Umso wichtiger sei es, diese Minderheit zu stärken, indem man die Ausbildung von Imamen mit schweizerischem Hintergrund fördere.

Auch Muhammad Tufail von der Koordination Islamischer Organisationen der Schweiz begrüsst eine Ausbildung für Imame in der Schweiz. Aber bis es so weit sei, müsse es weiter möglich sein, gebildete Geistliche etwa aus Ägypten zu importieren. «Die sprechen kein Deutsch, dafür kennen sie den Koran», sagt Tufail. Er ärgert sich über die schweizerischen Behörden, die für solche Imame unterdessen keine Aufenthaltsgenehmigung mehr erteilten. Trotz allen fruchtbaren Kontakten, die er als Arzt in den letzten 50 Jahren in der Schweiz gehabt habe, ist für Tufail klar: «Der Islam lässt sich nicht europäisieren.» Christen und Muslime sollten sich gegenseitig respektieren, aber der Glaubenswechsel bleibe heikel – das sei auch so für Christen, die Muslime würden. Tufail wirbt gar für Verständnis für Muslime, die ihre Kinder verstossen oder zum Tod freigeben: «Für die Eltern ist der Abfall vom Glauben eine Katastrophe. Sie verlieren den Respekt der Gemeinschaft, werden ausgestossen und sehen sich als Versager.» (Der Bund)

Erstellt: 23.07.2009, 08:00 Uhr

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