Wer ist schuld am Jungfrau-Drama?
Oberhalb des Rottalsattels ( 1 ) liegt der heikelste Abschnitt im Aufstieg zur Jungfrau. Ein zunehmend ansteigendes Firnfeld liegt vor den Berggängern. Auf das alpinistisch ungeübte Auge wirkt der Aufstieg steil, aber nicht übermässig. Der Eindruck täuscht: Der Winkel beträgt hier mindestens 45 Grad, stellenweise ist es weit steiler. Bei hartem Schnee oder gar Blankeis ist die Stelle extrem gefährlich. Wer hier ausrutscht, stürzt tausend Meter tief über eine Felswand auf den Rottalgletscher. Die Normalroute (2) quert das Firnfeld zu einem Felsgrat. Mitten in der Querung ist eine solide Eisenstange verankert. Der Bergführerverein Lauterbrunnen hat von hier bis zum Gipfel entlang der Normalroute Sicherungsstangen (3) montiert, und zwar schon vor Jahrzehnten. Trotz der Stangen kommt es hier weiterhin zu Bergtragödien.
Zu spät dran
Am 12. Juli 2007, einem Donnerstag, kamen kurz vor 10 Uhr morgens 14 Soldaten der Gebirgsspezialisten-Rekrutenschule aus Andermatt zu dieser Stelle. Die Soldaten, zwölf Rekruten und zwei militärische Bergführer, hatten schon einen anstrengenden Anstieg hinter sich. Es war der erste schöne Tag nach einer Schlechtwetterperiode, die zweimal hintereinander je 60 Zentimeter Neuschnee in die Berner Alpen getragen hatte. Die Soldaten hatten stundenlang im Tiefschnee gespurt, waren darum für einen Aufstieg auf den Jungfrau-Gipfel ziemlich spät dran. Was dann genau passierte, ist Gegenstand eines Prozesses vor dem Militärgericht 7 in Chur, der am Montag beginnt.
Tatsache ist, dass das Armeedetachement statt auf der Normalroute den Firn zu queren den Direktanstieg (4) wählte. Zwei Dreierseilschaften mit welschen Armeeangehörigen befanden sich Mitten im Steilhang, als eine Lawine niederging. Die sechs Rekruten Philippe Gay-Balmaz, Cédric Janz, Théophile Baillifard, Xavier Fellay, Bojan Buchs und Carlo Zurbriggen stürzten in den Tod. Eine Tafel mit ihren Namen ist jetzt am Felsgrat angebracht, über den die Normalroute führt.
Die sechs anderen Rekruten befanden sich zusammen mit den beiden Bergführern noch weiter unten. Sie mussten hilflos zusehen, wie ihre Kameraden abstürzten.
Spekulationen
Nach dem landesweiten Schock begannen die Spekulationen um den Unfallhergang. Den Anfang machte ausgerechnet die Armee. Nachdem sie in einer ersten Mitteilung geschrieben hatte, die Soldaten seien von einem Schneebrett in den Tod gerissen worden, wurde an einer Pressekonferenz ein überlebender Soldat präsentiert, der das Unglück als Mitreissunfall beschrieb. Das hätte die verantwortlichen Militärs entlastet. Sofort kamen an dieser These Zweifel auf. Der Lawinenexperte und Bergführer Werner Munter sagte dem «Tages-Anzeiger», «die aufsteigenden Soldaten haben die Lawine selbst ausgelöst». Im Oktober dann präsentierte der militärische Untersuchungsrichter Christoph Huber ein Gutachten des Schweizerischen Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF), das zum selben Ergebnis kam.
Damit kamen die beiden Bergführer ins Visier der Justiz. Gegen sie eröffnete der Untersuchungsrichter eine Untersuchung wegen fahrlässiger Tötung. Der Vater eines toten Rekruten bemühte sich allerdings auch darum, dass ebenfalls gegen den Schulkommandanten Franz Nager, den Chef Heer Luc Fallay und den damaligen Armeechef Christoph Keckeis ermittelt wird. Weder der Untersuchungsrichter noch der Auditor Maurus Eckert, der am Prozess die Anklage vertritt, fanden Anhaltspunkte.
Damit stehen am Montag allein die beiden Bergführer vor Gericht. Ihnen drohen Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren. Was die Anklage ihnen genau vorwirft, ist der Anklageschrift zu entnehmen, die erst am Montagmorgen veröffentlicht wird. Der Prozess in Chur dauert bis am Freitag. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.11.2009, 10:44 Uhr
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