Schweiz
Weshalb die Unternehmer die SBB-Billetts verteuern wollen
Von Daniel Friedli, Bern. Aktualisiert am 14.04.2009 18 Kommentare
Artikel zum Thema
Die Finanzierung der Schweizer Verkehrswege ist ein Dickicht aus Subventionen, Fonds und Vorschüssen, in dem selbst Experten bisweilen den Überblick verlieren. Eines aber ist allen schmerzlich klar: In welchen Topf auch immer man greift – es ist nicht mehr genug Geld da, um alle erwünschten Ausbauten auf Strasse und Schiene zu finanzieren.
Die Wirtschaft will dies nun ändern. «Das System ist so undurchsichtig geworden, dass eine politische Steuerung fast nicht mehr möglich ist», moniert Martin Kaiser, Infrastrukturexperte beim Wirtschaftsdachverband Economiesuisse. Er hat errechnet, dass die Autofahrer heute den öffentlichen Verkehr mit zwei Milliarden Franken pro Jahr quersubventionieren. «Das trübt den Blick für die Kostenwahrheit und setzt falsche Anreize.»
Economiesuisse fordert darum einen klaren Schnitt, der die Finanzierung auf folgende Grundsätze zurückführt: Die Strassen werden von den Strassenbenützern bezahlt, die Schienen von den Profiteuren der Bahn. Gebaut werden soll zudem nur, was volks- und betriebswirtschaftlich Sinn macht und ohne Schulden finanzierbar ist.
Billettaufschlag von sieben Prozent
Folgen hätte dies vor allem für den nächsten Schritt beim Bahnausbau, dem Projekt Bahn 2030. Denn ohne Strassengelder müssten dort jene einspringen, die den Ausbau bestellen und benützen: die Kantone, die Bahnen und die Reisenden.
Konkret sieht Economiesuisse vor, dass sich die Kantone mit bis zu 440 Millionen Franken pro Jahr an der Finanzierung beteiligen. Die geplanten Bauten hätten vor allem regionalen Nutzen, sagt Kaiser. Deshalb müssten sich auch in erster Linie die Standortkantone daran beteiligen. Zudem drohten den Kantonen auch unter dem heutigen System Mehrkosten, weil sie letztlich für die Löcher in der Strassenkasse aufkommen müssten.
Einen Beitrag in ähnlicher Höhe hätten die Bahnunternehmen zu leisten. Sie sollen das Geld auftreiben, indem sie ihren Betrieb optimieren und die Kunden stärker zur Kasse bitten. Kaiser geht davon aus, dass ein Billettaufschlag von sieben Prozent zu Gunsten der Infrastruktur durchaus drinliegt. «Entweder ist der Bahnausbau ein wirkliches Bedürfnis, für das man etwas zu zahlen bereit ist, oder dann muss man mit dem leben, was man hat», sagt er. Schliesslich könnte auch der Bund einen Beitrag von 400 Millionen Franken leisten, allerdings über das ordentliche Budget und nicht länger aus separaten Fonds.
Politisch droht Economiesuisse mit diesen Ideen freilich in die Sackgasse zu laufen. Theoretisch möge das gut tönen, doch umsetzen lasse es sich nicht, sagen selbst bürgerliche Verkehrspolitiker wie Ständerat Rolf Büttiker (FDP). Und Ratskollege Peter Bieri (CVP) hält entgegen, Projekte wie der dritte Juradurchstich oder der Zimmerbergtunnel seien durchaus von nationalem Interesse. Da könne man die Finanzierung nicht einfach den Kantonen anhängen. «Solche Ideen kann man lancieren, wenn man das ÖV-System nicht kennt», bilanziert George Ganz, der Geschäftsführer der kantonalen Baudirektoren.
In die falsche Richtung zielen die Vorschläge auch aus Sicht der Umweltverbände. Sie möchten ganz im Gegenteil die Autofahrer per Volksinitiative noch stärker in die Finanzierung des ÖV einbinden. Konkret sollen ihre Benzinsteuern künftig zur Hälfte für die Bahn verwendet werden. Dies ergäbe zusätzlich 800 Millionen Franken pro Jahr, um die Bahn 2030 zu finanzieren – ohne höhere Billettpreise, wie VCS-Chefin Franziska Teuscher betont.
Mehr Ideen als Geld
Im Bundeshaus dürften freilich beide Konzepte einen schweren Stand haben. Der Bundesrat jedenfalls hat bereits beschlossen, auch die Bahn 2030 über Abgaben aus dem Strassenverkehr mitzufinanzieren. Weil aber das Geld dazu nicht reicht, setzt auch er stärker auf das Verursacherprinzip. Den Autofahrern hat er eine Erhöhung des Treibstoffzolls um bis zu 22 Rappen in Aussicht gestellt, um unter anderem Engpässe im Autobahnnetz zu finanzieren. Und für den Bahnausbau erwägt er trotz der Skepsis von Verkehrsminister Moritz Leuenberger einen befristeten Zuschlag auf den Billetten.
Entschieden ist aber noch nichts, und so läuft der Ideenwettbewerb munter weiter. Peter Bieri etwa könnte sich vorstellen, den Preis für die Autobahnvignette auf 100 Franken zu erhöhen und mit diesem Geld weitere Bahnausbauten zu finanzieren. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.04.2009, 06:46 Uhr
18 Kommentare
Wenden wir das Verursacherprinzip doch mit aller Konsequenz an: Die Bahnbenutzer bezahlen der Bahn, die Autofahrer die Strassen. Und zwar jede. Bis ins letzte Quartier. Entlasten wir den "gemeinen Steuerzahler", der die Kantons- und Gemeindestrassen finanziert und belasten das zu 100% den Benutzern: Lassen wir den Markt entscheiden, welche Strassen es wirklich braucht! Antworten
Ok, Economiesuisse: die Bahn soll von "den Profteuren der Bahn" der finanziert werden. Bloss: Wie definiert man diesen Begriff? Auch wir Autofahrer gehören dazu, denn jeder Bahn-statt-Auto-Benutzer reduziert "unsere" Staus. Korrekt ist: der Autofahrer soll nicht immer mehr gemolken werden. Einen Beitrag darf er aber schon leisten. Antworten
Nimmt mich bloss wunder, woher die OeV Lobbyisten das Geld nehmen wollen, wenn die Milchkühe (Strassenverkehr) einmal ausgetrocknet sind und nichts mehr hergeben. Die grünen und linken Phantasten werden wohl nicht Ruhe geben, bis in der CH flächendeckend die Bahn während 24 h Tramfrequenzen anbietet und jedes "Büdeli" seinen eigenen Bahnanschluss hat. Koste es was es wolle . . . Antworten
jetzt schon sind die SBB: VIEL ZU TEUER die Trassee sind schon meist 100 Jahre alt - selbst eine Zugkomposition kostet ein paar Millionen; trotzdem ist eine Reise im Flugzeug pro km (das moderner und zig-zehn Millionen kostet) viel billiger - da es eben KONKURRENZ gibt auf den Strecken Fazit: die SBB muessen dringendst "kosten-nutzen" optimiert werden! Tarife: runter ! Antworten
Verteuert die Bahn doch nur. Verteuert alles. DIe Dreckschleudern auf unseren Strassen bezahlen ja längst die Kosten nicht. Ich bin kein Grüner aber das ist doch der Gipfel. Ein Liter Benzin müsste 10 Franken kosten damit die teuren Tunnels bezahlt werden könnten, etc. Dann verlange ich auch Maut für alle Strassentunnels in der Schweiz beispielsweise. Wär doch was? Antworten
Endlich kommt es mal auf den Teppich. Ich fahre gerne Bahn und schon lange viel zu günstig von der Finanzierung her. Nur das Problem ist die Bahn selbst, die Kosten sind leider im WELTWEITEN VERGLEICH viel zu hoch. Liebe SBB, als Eisenbahnfan, regelmässiger Nutzer und angefressener Modelleisenbahner, muss das Mal gesagt sein. Hauptproblem: Unternehmerisches Konzept und Leuenberger! Antworten
Wer verursacht eigentlich die Umweltbelastung mehr? Die Autos. Also warum zahlen die Autofahrer diese Kosten nicht selbst? Herr Economiesuisse, bitte ein bisschen ehrlicher und fairer!!! Zulasten der Autofahrer die ÖV ausbauen, das ist die Lösung, alles andere ist unfair!! Antworten
Grundsätzlich eine begrüssenswerte Idee. Allerdings habe ich als Landbewohner auch gewisse Ängste, dass es durch mehr Marktwirtschaft hauptsächlich die wenig profitablen Regionalstrecken trifft. Ich hoffe, dass erkannt wird, wie wichtig für diese Regionen ein funktionierendes ÖV-Netz ist - egal ob profitabel oder nicht. Antworten
Genau, alles nach dem Verursacherprinzip. Die Managerversager sollen den entstandenen Schaden aus der Finanzkrise mit ihrem Privatvermögen selbst berappen. Und die Economiesuisse soll sich auch daran beteiligen, denn sie haben bei diesem Trauerspiel als Vasallen der Hochfinanz mitgemacht. Antworten
Ich bin bereit den Ausbau des Strassennetzes zu bezahlen, Bahnbenützer sollen ihren Beitrag zur Bahn leisten. Der Autofahrer zahlt genug an die Bahn. Und den Grünen Fundi's sollte man endlich jegliche Dienstleistung wegnehmen, die mit dem Auto erbracht werden muss ! Ich kann mein Geschäft nicht ohne Auto durchführen, doch die "Grünen Kunden" sind die ersten die über hohe Preise und Auto motzen !! Antworten
Super! Die Kosten verursachen tun v.a. die Wirtschaft, die ihre fleissigen Ameisen zu sich an den Arbeitsplatz rufen, die Freizeitindustrie, die ihre Kundschaft anlockt, die Einkaufszentren, die die Heerscharen von Konsumenten versammeln, etc. Ich freue mich schon auf gratis Bahnfahren :-) Antworten
Es ist auch beim ÖV ökologisch und logisch, wenn die Transportkosten von denjenigen abgegolten werden, welche sie verursachen. Es ist ferner ökologisch und ökonomisch ein Unsinn, jährlich einige Tausend Kilometer mit der Bahn oder dem Auto von und zur Arbeit zu fahren. Hier ist endlich eine vernünftige Raumplanung gefragt, anstatt des endlosen Ausbaus der Verkehrsinfrastruktur! Antworten
Dass jene Leute zahlen, welche die Kosten verursachen, ist eigentlich die normalste Sache der Welt - ausser beim ÖV. Die Initiative der Umweltverbände ist übrigens ein trojanisches Pferd. Unter dem Vorwand der ÖV-Förderung (welche beim Stimmbürger meist gut ankommt) sollen dem Strassenbau dringend benötigte Finanzmittel entzogen werden. Antworten
George Ganz meint nur er wisse was gut ist und was ist, dabei ist er wohl ziemlich verblendet. Ich selbst bin für Folgendes: 1. Kostenverursacherprinzip anwenden (d.h. Bahnbillet rauf). Dies wäre umweltfreundlich, es würde weniger gereist 2. Umweltverschmutzung teuer strafen (Benzinpreis z.B. 5 Franken) auch dies wäre umweltfreundlich. Für die Wirtschaft wäre dies kurzfristig ein harter Schlag! Antworten





Markus Surkamp
Ich werde mit dem Chef reden, und ihm um 6% Lohnerhohung bitten, damit ich weiter zur Arbeit kommen kann. Mal schauen ob er ein wirkliches Bedürfnis hat, für das er etwas zu zahlen bereit ist, oder dann müssen wir beide mit dem leben, was wir haben. Antworten