Schweiz

Wie Parteien und Bundesräte ihre Lieblinge an die Postspitze bringen

Von Hubert Mooser. Aktualisiert am 29.01.2010 26 Kommentare

Bei der Besetzung von wichtigen Jobs bei der Post kommt es seit Jahren zu Pannen und Pleiten. Sind dafür Tauschhandel zwischen den Parteien und Günstlingswirtschaft von Bundesräten verantwortlich?

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War es ein Fehler, dass Moritz Leuenberger den hierzulande wenig bekannten Romand Claude Béglé durch den Bundesrat an die Spitze des Postverwaltungsrates lotste? Mitglieder der Verkehrskommission des Nationalrates werfen heute die Frage auf, ob man nicht einmal das gesamte Wahlverfahren für solche Spitzen-Jobs anschauen müsse. Denn es fällt auf, dass besonders die Post in den vergangenen 20 Jahren wegen personellen Flops immer wieder durchgeschüttelt wurde.

Anfang der Neunzigerjahre zum Beispiel, als die Post noch PTT hiess das Infrastrukturdepartement Eidgenössisches Verkehrs- und Energiedepartement EVED und von Adolf Ogi (SVP) geleitet wurde, ernannte der Bundesrat den Alusuisse Manager Dieter Syz, ein Freisinniger, zum PTT-Präsidenten.

Ein Headhunter für alle Fälle

Vermittelt hatte ihn ein Headhunter, Hubertus Tschopp, damals noch bei der bekannten PR-Agentur Egon S. Zehnder unter Vertrag. Tschopp hatte zuvor erfolglos einen ETH-Professor vorgeschlagen, der bei der Wahl im Bundesrat jedoch durchfiel. Offenbar hatte dieser überrissene Pensionskassenforderungen gestellt.

Auf Stufe Generaldirektion der PTT (heute Konzernchef) brachte SP-Bundesrat Otto Stich 1990 seinen Berater Jean-Noël Rey in Position. Rey sollte den Stuhl von Jean Clivaz erben, der die Post bis anhin geleitet hatte. Er war allerdings nicht der einzige Bewerber für diesen Job.

Der eine zur Post, der andere zur SBB

Je nach Quelle soll Verkehrsminister Ogi damals einen gewissen Reto Braun vorgeschlagen, über den man später erfuhr, dass er sich als Sanierer in Kanada nicht mit Ruhm bekleckert hatte. Andere sagen, EVED-Chef Ogi habe seinen Generalsekretär Fritz Mühlemann ins Amt hieven wollen. Der Bundesrat wählte jedoch Jean-Noël Rey. Die SP und CVP hatten bei dieser Wahl zusammengespannt.

Es war eine Art politischer Tauschhandel. Die CVP hatte zuvor mit Hilfe der SP erfolgreich Felix Rosenberg an der Spitze der damaligen Telecom (heute Swisscom) platziert. Ein weiter Teil dieses Tauschhandels soll die Wahl von Hanspeter Fagagnini, früherer CVP-Generalsekretär, dann Vizedirektor im Bundesamt für Verkehr, zum SBB-Generaldirektor gewesen sein.

Topmanager stolpert über Affäre

Das Regnum Rey bei der Post währte acht Jahre. Er brachte zwar die jahrelang unter chronischen Defiziten leidende Post wieder in die Gewinnzone zurück. Rey stolperte dann aber über das missglückte Engagement eines Topmanagers. Der Freiburger Urs Haymoz, ein Bekannter Reys aus SP-Tagen, sollte den Bereich Postellen und Verkauf leiten. Der Vertrag war unterzeichnet.

Doch dann kam heraus, dass Haymoz unschöne Details aus seiner Vergangenheit verschwiegen hatte. In Deutschland lief eine Strafuntersuchung gegen ihn. Haymoz musste auf den Top-Job verzichten. Später wurde auch noch bekannt, dass der Freiburger von der Post eine hohe Abfindung erhalten hatte, weil er das Amt nicht antreten konnte. Das brachte Postchef Jean-Noël Rey in die Bredouille. Der Walliser trat dann 1998 als Generaldirektor der Post zurück.

Headhunter Tschopp kommt wieder zum Einsatz

Im Infrastrukturdepartement, wo inzwischen Moritz Leuenberger eingezogen war, erinnerte man sich nach dem Abgang von Rey an Hubertus Tschopp. Dieser war ein guter Bekannter von Postpräsidenten Gerhard Fischer, welcher ende der Neunzigerjahre den Verwaltungsrat leitete. Tschopp zauberte Reto Braun aus dem Hut und der Bundesrat segnete den Vorschlag ab.

Als eine der ersten Handlungen ernannte Braun Gewerkschafter Karl Kern, der Brauns Vorgänger sehr früh schon öffentlich in den Medien kritisiert hatte, zum Leiter des Bereichs Poststellen und Verkauf, also von jenem Teil, den Urs Haymoz leiten sollte. Kern wiederum stellte jenen Journalisten als Sprecher an, der die Abfindung an Haymoz enthüllte und so den Fall Reys einleitete.

Nach knapp zwei Jahren und einer Serie von Flops war Braun aber schon am Ende und wechselte zur Fantastic Corporation, Liebling der damaligen New Economy. Als Generaldirektor der Post wollte Braun den gelben Riesen an Fantastic beteiligen – an einer Firma, die in der Dot.com-Blase an der Börse hochgejubelt wurde – und später schnell wieder von der Bildfläche verschwand.

Alte SP-Seilschaften wiederbelebt

Um Braun zu ersetzen besann sich Leuenberger auf die guten und bewährten alten SP-Seilschaften. Er schlug Ulrich Gygi als Konzernchef vor, einer aus dem früheren Team von Bundesrat Otto Stich. Der frühere Chef im Finanzdepartement hatte den damals als schneidig geltenden Gygi an die Spitze der Eidgenössischen Finanzverwaltung bugsiert. Und Leuenberger bugsierte Genosse Gygi weiter in die Teppichetagen der Post.

Im Verwaltungsrat hatte inzwischen nicht mehr Fischer, sondern der frühere Manager Anton Menth das Sagen- ein weiterer Freisinniger. 2008 trat Konzernchef Gygi altershalber zurück, 2009 Verwaltungsratspräsident Anton Menth. Gerne hätte Leuenberger Gygi ins Aufsichtsgremium der Post weiterbefördert. Und er hätte dann seinen Favoriten Michel Kunz zum Konzernchef ernannt und so die totale Kontrolle über die Post erlangt.

Und wieder ein Headhunter

Doch der Bundesrat verweigerte Leuenberger die Gefolgschaft. Die Regierung wollte Gygi nicht als Postpräsidenten. Und so beauftragte Leuenberger eine Headhunterin (die der SP nahe steht) mit der Suche nach einem Kandidaten. Sie brachte den Romand Claude Béglé ins Spiel, der bei der holländischen, französischen und deutschen Post in Führungspositionen gearbeitet hatte. Im Juni 2008 ernannte der Bundesrat den Waadtländer zum neuen Postpräsidenten.

Der Verwaltungsrat wiederum wählte im Dezember 2008 gegen den Willen des neuen Postpräsidenten den Gygi-Getreuen Michel Kunz zum Konzernleiter. Die beiden verstanden sich prompt nicht gut, es kam zum Krach. Zuerst musste Kunz gehen, im Januar 2010 stürzte auch Béglé. Und Leuenberger hievte als Nachfolger, einen Bekannten aus 68er Tagen ins Postpräsidium – den früheren Direktor des Arbeitgeberverbandes.

Peter Hasler gilt als FDPler wie übrigens auch der neue Post-Chef Jürg Bucher. Und die Genossen, seit zwanzig Jahren bei der Post am Drücker, haben jetzt nichts mehr zu sagen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.01.2010, 23:25 Uhr

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26 Kommentare

Karl Wiegand

29.01.2010, 17:52 Uhr
Melden 1 Empfehlung 0

Der Durchschnittsbürger ist ja so naiv in Bezug auf Politik. Wir haben hier zwei Gewalten, Wirtschaft/Finanz und Classe politique und die sind total miteinander verfilzt. Wir haben keine unabhängige Legislative, Exekutive und Judikative, weil alles Parteimitglieder sind. Man möchte uns das als Demokratie verkaufen, ich nenne das Maffia. Antworten


Rene Wetter

29.01.2010, 09:50 Uhr
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Nun regt Euch nicht auf, auch in der Privatwirtschaft ist es gang und gäbe, dass ein neuer Chef seine Spezis reinbringt und die Leute seines Vorgängers rausdrückt. Z.T. kann man es Korruption nennen, aber wenn man Leute einstellt, die man kennt, weiss man oft auch was über deren Schwächen und Stärken. Ein Beispiel ist Vasella, der sich in die Familie des Sandoz Boss Marc Morget eingeheiratet hatte Antworten



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