Schweiz

Wie die Schweiz von Merkels AKW-Entscheid profitiert

Von David Vonplon, Bern. Aktualisiert am 07.09.2010 24 Kommentare

Für Schweizer Stromverbraucher ist der deutsche Atomentscheid eine gute Neuigkeit: Die längeren Laufzeiten der AKW wirken sich laut Ökonomen positiv aus.

Panorama mit AKW: Blick Richtung Gösgen SO.

Panorama mit AKW: Blick Richtung Gösgen SO.
Bild: Keystone

Heute gibt die Stromaufsichtsbehörde Elcom die neuen Stromtarife für 2011 bekannt. Und die Angaben der über 700 Elektrizitätswerke zeigen, dass die Unternehmen in den meisten Regionen auch im kommenden Jahr mehr für Strom bezahlen werden müssen. In dieser Situation ist das neue Energiekonzept in Deutschland für grosse Stromverbraucher in der Schweiz ein Hoffnungsschimmer: Denn Ökonomen prognostizieren, dass sich die Laufzeitverlängerung deutscher Kernkraftwerke mittelfristig positiv auf die Strompreise in der Schweiz auswirken wird.

«Eine gute Neuigkeit»

Laut Avenir Suisse ist der Atomkompromiss für Schweizer Verbraucher «eine gute Neuigkeit»: «Das deutsche Atomkonzept wird sich aller Voraussicht nach preisdämpfend auswirken», erklärt Urs Meister, Energiespezialist bei der Denkfabrik. Da erneuerbare Energien – Windenergie und Fotovoltaik – den Strombedarf noch länger nicht decken könnten, hätten in Deutschland Gas- und Kohlekraftwerke die fehlende Atomenergie ersetzen müssen. Schon heute bestimmen solche fossilen Kraftwerke mit ihren hohen Brennstoffkosten die Preise an der Strombörse. Bei einem frühzeitigen Atomausstieg wäre ein weiterer Preisschub kaum abzuwenden gewesen. Werden aber mehr Kernkraftwerke weiter betrieben, dürften die Strompreise tiefer liegen. Und das bekommt man auch hierzulande zu spüren, da die Grosshandelspreise sich in der Schweiz – insbesondere während der Sommermonate – nach dem Preisniveau des deutschen Marktes richten.

«Wir sitzen im selben Boot wie Europa», sagt Urs Näf, Energiespezialist beim Wirtschaftsdachverband Economiesuisse. Wenn in Deutschland mit seiner energieintensiven Industrie die Engpässe grösser würden, spüre das auch die heimische Wirtschaft, zumindest solange die Schweiz Strom importieren müsse. «Deshalb ist das jetzige Festhalten der deutschen Regierung an der Atomenergie für die Schweiz ein gutes Zeichen.» Näf glaubt, dass sich damit auch die Versorgungssicherheit hierzulande erhöhe: In Deutschland stehen die Kernkraftwerke vor allem im Süden, wo auch ein Grossteil der Industrie beheimatet ist. «Gerade in dieser Region ist ein Ersatz durch Kohlekraftwerke praktisch ausgeschlossen, da keine geeignete Lieferinfrastruktur vorhanden ist.» Engpässe würden sich da direkt auf die Schweiz auswirken.

Auch Haushalte profitieren

Von tieferen Preisen im Ausland profitieren in erster Linie die Grossverbraucher, deren Preise sich bereits am Markt orientieren. Im kurzfristigen Grosshandel an den Strombörsen dürfte die Laufzeitverlängerung allerdings nicht unmittelbar spürbar sein. Bei längerfristigen Kontrakten könnte es laut Urs Meister von Avenir Suisse jedoch möglich sein, dass sich die Konditionen verbessern.

Doch auch die Haushalte profitieren gemäss Meister mittelfristig von tieferen Marktpreisen in Deutschland. Zwar richtet sich der Strompreis für die Kunden der Grundversorgung bis zur vollständigen Strommarktliberalisierung nicht nach dem Marktpreis. Da Schweizer Versorger einen Teil ihres Stroms im Ausland einkaufen, würden sich die tieferen Beschaffungskosten aber über kurz oder lang auch im regulierten Strompreis der kleinen Kunden niederschlagen.

Stromversorger erleichtert

Laut Urs Näf von Economiesuisse profitieren die Stromverbraucher von der neuen Preissituation nur unter einer Bedingung: Die Brennelementsteuer, welche die deutsche Regierung von den Energiekonzernen verlangt, dürfe nicht zu hoch ausfallen.

Auch die Stromversorger zeigen sich erleichtert über den Regierungsentscheid in Deutschland. In Jubelstimmung befindet sich der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen jedoch nicht. Im Gegenteil: «Mit dem Atomkompromiss wendet die Regierung bloss eine massive Verteuerung des Stroms ab», erklärt Direktor Joseph Dürr. Das ändere aber nichts daran, dass die grosse Nachfrage nach Strom in Deutschland und in ganz Europa kaum gedeckt werden könne. «Weitere Strompreiserhöhungen sind darum kaum abzuwenden.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2010, 23:34 Uhr

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24 Kommentare

willi aerne

07.09.2010, 08:52 Uhr
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Was die Held'sche Denkfabrik und Economiesuisse denken, muss man nicht unbedingt ernst nehmen. Mit Sicherheit profitieren die Stromkonzerne von der Verlängerung der AKW-Laufzeiten. Da geht es um gegen die 20 Mia Euro. Ob der Konsument davon profitiert, bleibt abzuwarten. Im Voraus ist eher anzunehmen, dass die Verbraucher einmal mehr verarscht werden. Antworten


Fred Büchi

07.09.2010, 08:48 Uhr
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Profit heisst wie üblich mehr Geld für die, die eh genug haben. Zukunft hiesse zurück fahren mit sinnlosen Ansprüchen, die kommenden Generationen den Alltag vermiesen. AKW braucht es nicht, um dies durchzusetzen, braucht es hingegen einen Volksaufstand. Antworten



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