Wie gross ist das Loch bei den Pensionskassen?

Von Markus Brotschi, Bern. Aktualisiert am 17.02.2010 62 Kommentare

Mit mehreren 100 Millionen pro Jahr subventionieren Erwerbstätige die Rentner in der 2. Säule. Ob deshalb der Umwandlungssatz gesenkt werden muss, ist umstritten.

Seilziehen: Um den Umwandlungssatz wird heftig gestritten (Demonstration gegen den Abbau von Renten der Unia).

Seilziehen: Um den Umwandlungssatz wird heftig gestritten (Demonstration gegen den Abbau von Renten der Unia).
Bild: Keystone

In der 2. Säule häuft jeder sein Alterskapital für sich selbst an. Das Prinzip heisst Kapitaldeckungsverfahren. Im Zeitpunkt der Pensionierung wird das Kapital mittels Umwandlungssatz zur lebenslang geltenden Rente. Zurzeit beträgt der Satz 7,0 Prozent für Männer und 6,95 Prozent für Frauen. Für 100'000 Franken Alterskapital ergibt das eine Jahresrente von 7000 beziehungsweise 6950 Franken.

Bis 2014 sinkt der Satz gemäss geltendem Gesetz der beruflichen Vorsorge (BVG) auf 6,8 Prozent für beide Geschlechter. Die Abstimmungsvorlage vom 7. März reduziert den Satz bis 2016 auf 6,4 Prozent.

Umverteilung nicht vorgesehen

Anders als die 2. Säule funktioniert die 1. Säule, die AHV, nach dem Umlageverfahren: Die Erwerbstätigen finanzieren mit ihren Lohnabzügen die laufenden Renten der Pensionierten. Allerdings findet auch in der 2. Säule eine solche Umverteilung statt. Dies führen die Befürworter der Abstimmungsvorlage ins Feld. Der Grund liege im zu hohen Umwandlungssatz, der nicht mehr der heutigen Lebenserwartung und den Kapitalrenditen entspreche. Mehrere Pensionskassenexperten und Versicherungsmathematiker beziffern die Umverteilung von Erwerbstätigen zu Rentnern auf jährlich 600 Millionen Franken.

600 oder nur 300 Millionen?

Dieser Betrag basiert auf folgenden Annahmen: Das durchschnittliche Alterskapital eines Neurentners beträgt heute 200'000 Franken. Um alle Rentenansprüche gemäss geltendem Gesetz zu garantieren wären aber 220'000 Franken nötig. Jährlich beziehen 30'000 Pensionierte neu eine Rente, was die stolze Finanzierungslücke von 600 Millionen ergibt. Auf diese Zahl stützen sich das Bundesamt für Sozialversicherungen und das Befürworterkomitee.

Der Zürcher Pensionskassenexperte Jürg Jost hält die Senkung des Umwandlungssatzes jedoch für unnötig. Er kritisiert, dass der Umwandlungssatz nur bei der Hälfte der Neupensionierten effektiv zur Anwendung komme. Der Grund sei, dass viele eine Pensionskasse mit Leistungsprimat hätten. Diese Kassen garantieren den Versicherten eine bestimmte Rente, auch wenn sie das nötige Alterskapital nicht erreicht haben. Folglich beträgt laut Jost die Lücke nur 300 statt 600 Millionen. Dies sei weniger als 0,5 Prozent des gesamten Pensionskassenvermögens. «Eine Gefährdung der 2. Säule kann da niemand glaubwürdig behaupten.»

Zudem werde nur die Verzinsung des Alterskapitals der Rentner berücksichtigt. Richtigerweise müsse auch das Kapital der Erwerbstätigen einbezogen werden. Auch dieses werfe eine Rendite ab. «Die Befürworter gehen von einer reinen Rentnerkasse aus. Eine solche gibt es in der Realität nicht», sagt Jost.

Die Lebenserwartung steigt

Für Pensionskassenexperte Olivier Deprez sind die Argumente seines Berufskollegen Jost nicht stichhaltig. «Auch bei Kassen im Leistungsprimat sind die zunehmende Lebenserwartung und die tiefen Zinsen ein Problem.» Entweder müssten die Beiträge erhöht oder die Leistungen gesenkt werden. «Dies sollte auch bei öffentlichen Kassen gelten, wenn der Staat der Garant der Leistungen ist.» Und die Renditen der Vermögen von Erwerbstätigen dürfen laut Deprez nicht zur Finanzierung von Renten der Pensionierten einbezogen werden. «Das ist nichts anderes als eine Umverteilung, und das ist im BVG nicht vorgesehen.» Das gelte auch für die Quersubventionierung der obligatorischen Renten aus dem Pensionskassenvermögen von Gutverdienenden. Dies passiert heute häufig in Pensionskassen, die mehr als nur den laut Gesetz maximal rentenbildenden Jahreslohn von 82'080 Franken versichern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.02.2010, 10:29 Uhr

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62 Kommentare

otto ris

11.02.2010, 09:24 Uhr
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Das Problem ist halt, dass viele derjenigen, die die Suppe auslöffeln müssen, heute noch gar nicht abstimmen können. Wer ja stimmt, ist zwar ehrlich und realistisch, schneidet sich aber ins eigene Fleisch. Gilt auch hier der Media-Markt-Slogan? Antworten


Ronald Rüegg

11.02.2010, 08:04 Uhr
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Pensionskassen sind für die Finanzindustrie eine riesige Milchkuh. Die "Anlageausschüsse" sind fest in den Händen der Banker mit ihren entsprechenden "Fähigkeiten". Da werden gewaltige versteckte Kommissionen und Gebühren abgezockt. Kein Pensionskassenverwalter wurde je aufgrund mangelnder Performance entlassen. Inskünftig soll jeder selber entscheiden können wo und wie sein PK-Geld angelegt wird! Antworten



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