Schweiz

«Keinen Röntgenblick»: Der Therapeut, der selbst einmal irrte

Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 11.03.2009

Der Psychoanalytiker Emilio Modena hat einst eine Schützin falsch beurteilt. Nach Lucies Tod spricht er über die schwierige Prognose bei Gewaltbereiten.

Emilio Modena: «Das Unbewusste lässt sich nicht vermessen.»

Emilio Modena: «Das Unbewusste lässt sich nicht vermessen.»

Artikel zum Thema

Emilio Modena hat als Arzt und Psychoanalytiker über 30 Jahre Erfahrung im Umgang mit psychisch labilen Menschen. Was ging ihm durch den Kopf, als er erfuhr, dass die 16-jährige Lucie von einem jungen Wiederholungstäter umgebracht wurde? «Ich war entsetzt», sagt er. «Dann habe ich gedacht: Es gibt nie Sicherheiten, nur Wahrscheinlichkeiten. Auch wir können die Zukunft nicht voraussagen, wir haben keinen Röntgenblick.»

Dennoch müssen Therapeuten im Auftrag der Gerichte entscheiden, ob ein gewalttätiger Mensch rückfällig werden könnte oder – dank Therapie und Kontrollen – unauffällig bleibt. Die Aufgabe ist ebenso schwierig wie undankbar. Trifft die Prognose zu, interessiert dies niemanden. Täuscht sich der Therapeut, macht man ihn für die Folgen mitverantwortlich.

Fatale Fehlprognose

Das Verlangen nach absoluter Sicherheit, sagt Modena, sage einiges über die Gesellschaft aus. Zum Beispiel politisch, weil zum Beispiel die Rechtsparteien den Eindruck wachsender Unsicherheit schürten. Auch psychologisch, «weil jeder Mensch gewalttätige Fantasien hat, die er auf solche Täter projiziert und dann bei diesen bekämpft». Auch die Fortschritte der Neurowissenschaften spielten eine Rolle. «Sie nähren den Glauben, abweichendes Verhalten liesse sich biologisch oder genetisch erklären.» Natürlich gebe es solche Erkenntnisse, «nur sagen die nichts über die Entwicklung eines Menschen in einer bestimmten Umgebung aus. Das Unbewusste lässt sich nicht vermessen.» Dennoch werde gerade dies immer mehr erwartet.

Wie beurteilt ein Therapeut überhaupt Gewaltbereitschaft? Als Psychoanalytiker vertraut Modena den Beobachtungen, die sich aus dem therapeutischen Gespräch ergeben: Auftritt, Sprache, Körpersprache, bewusste und unbewusste Botschaften. Ebenso wichtig wie die Signale des Gegenübers bleiben für ihn die eigenen Reaktionen – was Sigmund Freud die Gegenübertragung nannte. «Ich kann die unbewussten Anteile des Gegenübers am besten erfassen, indem ich mich darauf einlasse», sagt der Psychoanalytiker – «und darauf achte, was diese Wahrnehmungen bei mir auslösen.»

Vorwurf der verletzten Sorgfaltspflicht

Die Wahrnehmung hat ihn einmal fatal getäuscht. Emilio Modena hatte eine Sportschützin zu beurteilen, die in ihrem Umgang mit Waffen aufgefallen war. Nach einem einstündigen Gespräch formulierte er ihr einen positiven Attest. Vier Monate später verletzte die Frau einen Mann schwer, der sich von ihr getrennt hatte. Das Bundesgericht wirft ihm vor, seine Sorgfaltspflicht verletzt zu haben. Wie hat er auf seine Fehlprognose reagiert? «Sie hat mich sehr bedrückt», sagt Modena. «Ich würde heute auch anders auf eine solche Situation eingehen.»

Ob er anders entschieden hätte, wenn er sich intensiver mit der Täterin beschäftigt hätte, kann Modena trotzdem nicht sagen. Eine Diagnose liefere recht zuverlässige Resultate. «Sie umfasst Kindheit, Entwicklung und aktuelle Konflikte, Arbeit und Beziehung, die Stärke des Ich und des moralischen Empfinden.» Dennoch könne niemand voraussagen, wie sich das Leben eines Täters weiter entwickle. «Kommt es zu neuen Krisen, geht eine Beziehung oder eine Stelle verloren, wird eine Person nicht begleitet oder geschützt, kann sie wieder entgleisen.»

Eine Gesellschaft müsse entscheiden, wie sie auf das abweichende Verhalten reagiere. Der Psychiatrie die alleinige Verantwortung dafür aufzubürden, verschiebe das Problem, ohne es zu lösen. Viele Faktoren entschieden mit, viele Kräfte müssten helfen: gemeinsam. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.03.2009, 22:42 Uhr

Schweiz

Populär auf Facebook Privatsphäre