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Zwischen Resignation und Aufbruch
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Chiuso: Seit einigen Tagen hängt das Schild am Bahnhofsbuffet von Airolo. Eine Institution, die auf das Jahr 1882, die Eröffnung des Scheiteltunnels, zurückreicht, existiert nicht mehr. Damit ereilt den Ort am Südportal des Gotthard-Bahntunnels das gleiche Schicksal wie Göschenen am Nordportal, wo das Buffet schon seit Jahren geschlossen ist. Im Gegensatz zu Göschenen findet das Buffet von Airolo wenigstens eine neue Verwendung – künftig wird hier eine kleine Joghurtproduktion installiert. Überhaupt ist die 1600-Seelen-Gemeinde Airolo immer noch einigermassen lebendig. Im Bahnhof gibt es einen Kiosk sowie eine Touristeninformation, an der Bahnbillette verkauft werden. Beim Veloverleih herrscht an diesem Vormittag sogar Hochbetrieb. Die Bike-Tour auf SBB-Velos durch das Leventinatal bis nach Bellinzona ist bei Touristen beliebt.
Auch Autoreisende halten schon mal in Airolo, wenn sie statt der Autobahn die Schnellstrasse oder die alte Tremola über den Pass nehmen. Gegenüber vom Bahnhof reihen sich einige Gastrobetriebe aneinander. Das Hotel und Restaurant Forni gilt als Insider-Tipp. Und auf der anderen Talseite, jenseits vom Strassen- und Gleisgewirr, zieht die Schaukäserei Airolo seit ihrem Relaunch viele Besucher an. Trotzdem: Der Niedergang Airolos scheint unaufhaltsam. Etliche Pensionen und Gaststätten haben bereits geschlossen. Die Abwanderung ist sicht- und spürbar. Jahrzehntelang hat der Ort von Militär, Bahn und Post gelebt. Diese Staatsbetriebe haben viel Personal abgebaut. Eine letzte Kaserne gibt es noch, die Caserma Bedrina. Sie steht wie eine mahnende Wache über dem Ort. «Jetzt fehlt es an Dynamik und Professionalität», sagt SP-Nationalrat Fabio Pedrina, der in Airolo aufgewachsen ist und dort bis heute lebt. Dank drei Kindern hat er persönlich einen positiven Beitrag für den Bevölkerungssaldo geleistet.
Auf dem Weg ins Abstellgleis
Geschlagen gibt man sich im Ort aber nicht. «Nach Jahren eines Bevölkerungsrückgangs hat sich die Lage stabilisiert», zeigt sich Gemeindepräsident Franco Pedrini zuversichtlich. Stabilisiert auf niedrigem Niveau: In der ganzen oberen Leventina (Quinto, Ambrì, Airolo) leben noch gut 3000 Personen. Zählt man die Einwohner des mittleren und unteren Leventinatals mit Faido und Bodio, dem Südportal des neuen Gotthard-Basistunnels, dazu, kommt man auf knapp 10'000 Seelen.
Der neue Basistunnel? «Das ist schon eine grosse Sorge für uns», meint Pedrini – denn die Region riskiere, bahntechnisch vollkommen aufs Abstellgleis zu geraten. «Alles hängt davon ab, was nach 2017 mit der Bergstrecke passiert», so der Gemeindepräsident. Und doch ist er guten Mutes, dass Airolo die Zukunft meistern kann. Er erwähnt den kürzlich erfolgten Ankauf der Seilbahn Pesciüm, welche dem Tourismus einen Schub verleihen soll, das Projekt für eine Mineralwasserfabrik, aber auch die Beteiligung der Gemeinde am neuen Windenergiepark auf dem Gotthard-Pass.
Überhaupt glaubt man in Airolo an den Segen des neuen Projektes Regio San Gottardo, welches den Gotthardraum kantonübergreifend touristisch vermarkten will. Eher skeptisch steht man hingegen der Alpenausstellung «Gottardo 2020» gegenüber.
Nachwuchs fehlt
Immerhin: In der kleinräumigen Leventina scheint die Erkenntnis gereift zu sein, dass Kollaboration mit anderen Gemeinden nötig ist. «Es wird jetzt mehr zusammengearbeitet», lobt Edy Giulini, der in der Hauptstrasse von Airolo als Barbiere wirkt. «Der letzte offizielle Friseur im ganzen Tal», wie er etwas spitzbübisch betont. Das Grundproblem sei vor allem eines: «Uns fehlen die jungen Leute.» Dieser Mangel zeigt sich allenthalben. So hat beispielsweise das lokale Karnevalskomitee im August dieses Jahres seine Aktivitäten eingestellt. Man hat keinen Nachwuchs gefunden. Der Karneval von 2011 dürfte wohl ausfallen.
Etwas weiter talabwärts in der Leventina. In Piotta leuchtet die knallrote Autobahnraststätte, die aus der Feder des Architekten Mario Botta stammt. Avantgardistisch. Doch im Dorf, nur wenige Meter hinter dem modernen Gebäude, herrscht Trostlosigkeit. Ein grosser Wohnblock verwittert. Nur an einem Balkon sind Blumen zu sehen – ansonsten sind alle Rollläden geschlossen. Der Flugplatz von Ambrì erstreckt sich durch die Hochebene als totes Asphaltband. Ab und zu findet im Hangar eine Party statt; die Piste wird gelegentlich für Autoschleuderkurse verwendet. Das Militär hat sich hier schon lange verabschiedet. Ein grossartig angekündigtes Projekt für eine Rosenfabrik, das bis jetzt nicht zustande kam.
Eishockey bringt Leben ins Dorf
Auf der anderen Talseite thront das ehemalige Sanatorium Piotta oberhalb der Autobahn – ein grossartiges Gebäude aus der Jahrhundertwende, das nun wie ein Spukschloss wirkt. Über Jahrzehnte kam man hierher, um gute Luft zu atmen. 1962 wurde es aufgegeben. Es verfällt. Ziegen grasen heute vor den einst prachtvollen Terrassen.
Der Blick fällt von hier auf Ambrì und Piotta, die als Zwillingsorte dem einheimischen Eishockeyclub den Namen gegeben haben. «Zum Glück gibt es noch den Club», sagt eine ältere Dame. Regelmässig reisen die Ambrì-Fans während der Wintersaison aus dem ganzen Kanton und sogar der Deutschschweiz an – immerhin einige Tausend Zuschauer. Dann kommt etwas Leben ins Dorf und die Restaurants sind gut besetzt. Im Stadion werden Produkte aus der einheimischen Metzgerei verkauft. Doch reicht das? Christina, eine junge Mutter von zwei Kindern, will Ambrì jedenfalls verlassen und in den Raum Bellinzona ziehen: «Dann kann man wenigstens am Abend auch mal einen Kurs besuchen.»
Gespenstischische Gegend am Bahnhof
Es geht weiter talabwärts: Faido. Der Hauptort der mittleren Leventina wirkt wesentlich lebendiger als der obere Teil. Eine Migros an der Piazza, ein Postamt und ein Schulzentrum; Spital und Altersheim. Doch die Zeiten als Höhenkurort, als viele Italiener von Mailand hierher kamen, sind auch hier vorbei. Gespenstisch wirkt die Gegend am Bahnhof mit zwei maroden, geschlossenen Hotelkästen.
Doch auch in Faido lassen sich Personen finden, die an eine Zukunft des Ortes glauben. Lorenzo Mottini (35) gehört zu ihnen. Er träumt seit Jahren davon, die lokale Brauerei Birra San Gottardo zu verwirklichen und damit an eine frühere Tradition anzuknüpfen. Die Machbarkeitsstudien und ein Businessplan liegen vor. Für die Aktienzeichnung kam eine halbe Million Franken zusammen. Nun wartet man darauf, dass die Banken mitspielen. Das Bier mit dem Namen San Gottardo wird schon gebraut – bisher aber in Einsiedeln. «Wir wollen die Produktion so schnell wie möglich hierherbringen», so Mottini. Es soll eine Schaubrauerei geben.
Geschenk mit bitterem Nachgeschmack
Der Jungunternehmer räumt ein, dass seine Initiative nicht nur auf Gegenliebe und Verständnis stösst. Viele seien skeptisch. Und das erkläre sich aus der Geschichte des Ortes. Die guten Arbeitsplätze in den ehemaligen Bundesbetrieben erwiesen sich nämlich als «croce e delizia» für die Region, das heisst als süsses Geschenk mit bitterem Nachgeschmack: «Die Leute haben gut gelebt, aber unternehmerische Initiative wurde unterdrückt.» (Basler Zeitung)
Erstellt: 30.09.2010, 14:42 Uhr





