Der scheue Staatsmann

Didier Burkhalters Aussenpolitik war elegant, aber ohne Rückhalt. So weltoffen er war: Die gleiche Neugierde bewies er kaum für das eigene Land.

Als er merkte, dass er nicht mehr durchdrang, war es ihm zu viel. Bundesrat Didier Burkhalter gibt seinen Rücktritt bekannt.

Als er merkte, dass er nicht mehr durchdrang, war es ihm zu viel. Bundesrat Didier Burkhalter gibt seinen Rücktritt bekannt. Bild: Keystone

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In den rauer werdenden Zeiten von Trump wirkt Didier Burkhalter wie ein Mensch aus einer anderen Epoche: höflich, fein, intelligent und sensibel, ohne Frage integer, nie zu laut, vielleicht ab und an etwas zu leise, in der Regel gut gestimmt, aber nie euphorisch. Ein Mensch, um dessen Kanten nicht einmal seine ärgsten Feinde wissen, ein Politiker, der in einem anderen Jahrhundert als Jüngling seine Karriere angefangen hat, durch die Ämter segelte wie ein weisses Schiff bei ruhiger See, um am Ende als grau melierter, etwas angeschlagener Kutter auf einer Sandbank zu landen.

Er sass fest. Freiwillig – auch wenn er das am Mittwoch fast angestrengt heiter beteuerte – dürfte dieser Rücktritt nicht gewesen sein. In der EU-Frage kam er nicht mehr weiter; und die zusehends härtere Kritik aus den Medien, aus der Wirtschaft und der eigenen Partei an einem Freisinnigen, der – so der Eindruck mancher seiner Kritiker – das Gespür für das politisch Mögliche vollkommen eingebüsst hatte, setzte ihm zu, wie man hört – zumal Burkhalter nie zu den durchtriebenen, biegsamen Politikern, sondern eher zu den Überzeugungstätern gehörte, die so ernst nahmen, was sie vertraten, dass es sie fast physisch quälte, wenn man ihnen böse Absichten unterstellte.

Ewige Liebe

Meine Überzeugung war es nicht. Dennoch bewundere ich, wie Burkhalter sich in seiner Liebe zur EU treu blieb, sie mag noch so derangiert wirken, er blieb es auch zu Zeiten wie jetzt, da sich fast kein Politiker mehr dazu bekennt, selbst wenn er heimlich nach wie vor auf den Beitritt hinsteuert. Burkhalter war überzeugt, dass die Schweiz sich weiter in die EU integrieren sollte, am liebsten wäre ihm wohl der Beitritt gewesen, und das Rahmenabkommen, das er seit Jahren unverdrossen vorbereitete, obwohl niemand das wollte, sollte ein Zwischenschritt sein, eine Annäherung, die dafür sorgte, dass es weiter ging. Denn nichts scheint die Freunde der EU in der Schweiz mehr zu ängstigen als der bilaterale Stillstand. Wenn man nur irgendetwas, mag es noch so wahllos und unbedeutend scheinen, verhandeln kann, nähert sich die Schweiz an – und am Ende, in zwanzig Jahren oder fünfzig, schliesst sich dieses komische Land dann doch an.

Das komische Land. Wenn man Burkhalter einen Vorwurf machen muss, dann dieser: Er kannte sein Land schlecht. Der Blick auf den grandiosen Neuenburgersee genügt nicht, um zu verstehen, warum die meisten Schweizer mit einem EU-Beitritt wenig anfangen können, insbesondere in der deutschen Schweiz nicht, jenem Reservat der Eidgenossen, die sich einst aus demokratischen Gründen vom Deutschen Reich freigeschossen haben. Neuenburg blieb lange ein Fürstentum, wurde einmal sogar preussisch, um ja seinen Calvinismus zu bewahren; aber demokratische Traditionen zählten hier stets etwas weniger als in der übrigen Schweiz, entweder war man autoritätsgläubig oder anarchistisch, seltener demokratisch.

Burkhalter bemühte sich wenig darum, seinen Blick zu weiten. So weltoffen er sich selber gab und wohl auch war: Die gleiche Neugierde bewies er kaum für das eigene Land. Seine Entourage war eng, Deutschschweizer darunter rar und wenn, dann sehr links. Vom bürgerlichen Mainstream, wie er in der Deutschschweiz grassiert, blieb er unberührt, es interessierte ihn nicht; übrigens nicht bloss in Fragen der EU–Politik. Dass manche Wirtschaftsvertreter, Unternehmer und Bürgerliche in der Deutschschweiz ihm vorhielten, im Bundesrat immer mit der Linken zu stimmen: Er hat es wahrscheinlich nie richtig begriffen, geschweige denn anerkannt, auch wenn es eine ärgerliche Tatsache war. Doch gelitten hat er unter dem Vorwurf schon. Burkhalter – das dürfte er wissen – hatte überall an Rückhalt verloren, in der eigenen Partei, in der Wirtschaft, vor allem im Bundesrat.

Schweizer Qualität

Was ihm in der Schweiz abging, das politische Gespür, zeigte er umso mehr im Ausland. Burkhalter war ein würdiger, rationaler Aussenminister, der den Ruf unseres Landes mehrte und ein internationales Netzwerk pflegte, wie es einem schweizerischen Bundesrat zuvor wohl selten gelungen war. Der höfliche, verbindliche Magistrat, der öfter zuhörte, als dass er predigte, wurde allerorten geschätzt. Von Verstimmungen und Irritationen war nie etwas zu hören, peinlich berührt war man nie, wenn Burkhalter im Ausland auftrat, aber auch nicht unbedingt hingerissen: Er wirkte hier sehr schweizerisch, etwas bieder, aber zuverlässig, immer loyal. Auch seine Diplomaten, so vernimmt man, arbeiteten gerne für ihn, auch wenn sie sich regelmässig darüber beklagten, dass es sehr schwer war, einen Termin mit ihm zu bekommen. Selbst Botschafter in wichtigen Ländern wurden vertröstet. Die Entourage blieb dicht abgeschlossen. Tagelang zog er sich an den Neuenburgersee zurück, wo er zwar viele Dossiers studierte, aber dennoch in Bern fehlte.

Menschenscheu? Vielleicht – und es liegt hier ein Rätsel vor. Warum ist Burkhalter Politiker geworden, wenn er sich so schwer tut, sich unter die Menschen zu mischen? In den Hauptstädten elegant und gesprächig, im Büro allein und verschanzt: Burkhalter, der seltsame Bundesrat.

International und in der Schweiz wohl gelitten, stiess Burkhalter genau aus diesem Grund an seine Grenzen. Man kann sich schwer vorstellen, dass er in Verhandlungen einmal widersprach, dass er heftig wurde oder die Akten hinschmiss: Nicht, dass ich solch erratisches Verhalten, wie es in den Zeiten Trumps nun Schule macht, allzu oft empfehle, aber Burkhalter schien nicht der Mann zu sein, der den Konflikt suchte und aushielt. Auch im Bundesrat nicht. Als er jetzt merkte, dass er nicht mehr durchdrang, war es ihm zu viel. Und er segelte zurück an seinen See.

Burkhalter war ein guter Bundesrat – weltoffen und weltfremd zugleich. (Basler Zeitung)

Erstellt: 15.06.2017, 07:23 Uhr

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