Ein Drecksbuch

Warum das Buch «Jürg Jegges dunkle Seite» jegliche Grenzen von Recht und Anstand überschreitet.

Jürg Jegge wird der Pädophilie beschuldigt. Seine Rechte werden allerdings ignoriert.

Jürg Jegge wird der Pädophilie beschuldigt. Seine Rechte werden allerdings ignoriert. Bild: Keystone

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Nein, ich habe das Buch «Jürg Jegges dunkle Seite» nicht gelesen und werde das auch nicht tun. Das hindert mich aber nicht, es mit Fug und Recht als Drecksbuch zu bezeichnen. Denn es überschreitet die Grenzen von Recht und Anstand und wirft mit dem Dreck einer schmutzigen Vergangenheit um sich.

Rund 40 Jahre nach im Buch behaupteten Ereignissen schreibt sich hier ein angebliches Opfer den angeblichen Schmerz von der Seele, den pädophile Übergriffe in ihm verursacht haben sollen. Assistiert vom bekannten Journalisten Hugo Stamm und einem auf Opfer spezialisierten Anwalt. Es gibt keinen schlimmeren und rufzerstörenden Vorwurf an einen Lehrer als den, dass er seine Schüler sexuell missbraucht habe, ein Pädophiler sei. Das Teuflische an dieser Anschuldigung ist, dass man sie nie mehr wegbringt, unabhängig davon, ob sie zutrifft oder nicht.

Rechte ignoriert

Aus genau diesem Grund gibt es Gesetze, die vor Persönlichkeitsverletzung und übler Nachrede schützen sollen. Zudem gehört es zu den primitivsten Regeln des Journalismus, die Stamm wohlbekannt sind, dass ein Betroffener vor der Publikation – gerade bei einem so schwerwiegenden Vorwurf – die Gelegenheit bekommen muss, dazu Stellung zu nehmen. Für ein Enthüllungsbuch kann nichts anderes gelten als für einen Artikel. In einer Pressekonferenz begründet Stamm sein inakzeptables Vorgehen: «Er (gemeint ist Jegge) hätte die Veröffentlichung mit allen Mitteln zu verhindern versucht. Das wollten wir verhindern.» Dem Opfer dieser Publikation wird also die Möglichkeit genommen, sein Recht wahrzunehmen.

Noch entlarvender ist eine Äusserung des Opferanwalts an der gleichen Medienveranstaltung: «Wir hatten mit Herrn Jegge und seinem Anwalt im Vorfeld ungefähr achtmal Kontakt. Nachdem wir keine Einigung über eine Abfindung oder Schmerzensgeld finden konnten, wollte mein Mandant mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit treten.» Offensichtlich wurde ihm im Nachhinein die Brisanz dieser Aussage bewusst, das Zitat sei «leider etwas missverständlich» und «hätte so von mir nicht autorisiert werden können», legt er nach. Was heisst da «können»? Der «Tages-Anzeiger» hat nichts falsch zitiert, sondern nur genau das, was der Anwalt sagte. Das lässt über die Absichten dieser «Kontakte» denn auch keinen Zweifel offen.

Unschuldsvermutung übergangen

Eine der wichtigsten Grundlagen unseres Rechtsstaats ist die Unschuldsvermutung. Jeder gilt solange als unschuldig, bis ihm das Gegenteil nachgewiesen worden ist, in Form eines rechtskräftigen Gerichtsurteils. Also ist Jegge heute so unschuldig wie er es vor der Publikation dieses «brisanten Enthüllungsbuchs» über eine «prominente Person» war, dessen «Brisanz» das Land «erschüttern» werde, wie die Leiterin des Buchverlags mit «zittriger Stimme» an der wohlbesuchten Pressekonferenz trommelt. Bevor und nachdem sie «die Bombe platzen liess», es handle sich um Jürg Jegge, wie der «Tages-Anzeiger» auch vor Erregung zitternd schreibt, war und ist Jegge also unschuldig. Wirklich? Wenn die Massstäbe eines Rechtsstaat gelten würden, wäre das so. Dann hätte Jegge zu diesen reputationsvernichtenden Vorwürfen zumindest die Gelegenheit zur Stellungnahme bekommen müssen. Und eigentlich hätte das Buch nie erscheinen dürfen, denn Vorwürfe dieser Art verletzen die Ehre und die Persönlichkeit Jegges.

Natürlich ist es die Aufgabe der Medien, auf vermutete Straftaten, Skandale, Fehlverhalten hinzuweisen. Das ist sogar ihre wichtigste Aufgabe, neben dem Versuch, die kunterbunte Welt einzuordnen und Erklärungsversuche zu liefern. Gibt es begründeten Anlass zur Vermutung, dass einer betrügt, stiehlt, missbraucht oder gar tötet, darf und muss darüber berichtet werden. Aber innerhalb wohlbekannter und bewährter Regeln, sonst macht sich der Berichterstatter noch schneller strafbar als der von ihm bezichtigte mutmassliche Übeltäter.

Zerstörter Ruf

In der medialen Wirklichkeit von heute ist Jegge zwar rechtlich unschuldig, aber rettungslos stigmatisiert, vernichtet, erledigt, sein Lebenswerk zerstört; nie mehr wird der Titel seines bahnbrechenden Bestsellers «Dummheit ist lernbar» ohne den Zusatz zitiert werden: «War da nicht was? Hat das nicht ein Pädophiler geschrieben?» Ja vermutlich wird man sich gar nicht mehr leisten können, das Buch und den Autor zu erwähnen, ohne sich allein schon deshalb Vorwürfen ausgesetzt zu sehen. Wer einen Menschen zusammenschlägt oder gar umbringt, wird bestraft, sofern man ihm seine Tat nachweisen kann. Vorher ist er höchstens ein Verdächtiger, ein «mutmasslicher» Täter, für den gleichwohl Rechte des Persönlichkeitsschutzes gelten, sogar nach dem gültigen Urteil. Und selbst ein Vorbestrafter hat das Recht auf Vergessen, um seine Resozialisierung nicht durch die Publikation einer längst gesühnten Straftat zu gefährden. So darf der Name des von einem Journalisten erfolgreich freigeschriebenen Mörders im berühmten Fall Kehrsatz heute nicht öffentlich erwähnt werden, der Name seines Opfers hingegen schon. Das mag verstörend wirken und für viele unverständlich sein, ist aber geltendes Recht.

Im Fall Jegge handelt es sich um die Behauptung längst verjährter Straftaten, zu deren Bewältigung das Opfer angeblich Jahrzehnte brauchte, bevor es sich entschied, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Mit dem üblichen Begründungsvokabular, dass es hier darum gehe, nicht länger zu schweigen, einem Opfer eine Stimme zu geben, eine prominente Lichtgestalt progressiver Pädagogik als Grüsel zu entlarven. Dabei ist bislang das einzige Opfer der angebliche Täter. Und er hat keine Chance. Wehrt er sich rechtlich gegen die Vorwürfe, hält er den Skandal am Köcheln und verliert. Schweigt er, hat er verloren. Gesteht er längst verjährte Straftaten ein, hat er sowieso verloren.

Journalistische Selbstjustiz

Diese Tatsache müsste jeden Journalisten, jeden Anwalt davon abhalten, sich zum willfährigen Werkzeug eines Denunzianten zu machen, vor allem, wenn es um den existenzvernichtenden Vorwurf an einen prominenten Pädagogen geht, ein Pädosexueller gewesen zu sein. Der Journalist müsste wissen, dass man einen solchen Vorwurf ohne vorherige Konfrontation des Beschuldigten nicht veröffentlichen darf. Der Anwalt müsste wissen, dass er Beihilfe zu einem Rechtsbruch leistet. Warum handelten sie nicht dementsprechend? Weil auch hier, dem aktuellen Zeitgeist des Justemilieu folgend, Recht oder Unrecht, legal oder illegal, durch Gut oder Böse ersetzt wird. Und die grossinquistorische Sicherheit, zu wissen, was gut ist und was böse, verleitet dazu, alle journalistischen und rechtlichen Regeln zu überfahren. Schliesslich geht es hier um ein leidendes Opfer und einen schweigenden, uneinsichtigen Täter, der zur Rechenschaft gezogen werden muss. Jedenfalls der Journalist müsste fragen, warum das jetzt erst schreibende Opfer jahrzehntelang geschwiegen hat, und der Anwalt müsste zugeben, dass der angebliche Täter nach geltendem Recht weder bestraft werden kann noch irgendwelches Geld schuldet.

Weil das Recht nicht hilft, muss der Pranger her. Das ist ein Rückfall in mittelalterliche Zustände. Bei allem Verständnis für den durchaus möglichen Schmerz und den vielleicht sogar realen Leidensdruck des Autors des Buches, sollten seine Behauptungen wahr sein: So geht das nicht. Hier gibt es nicht Täter und Opfer, sondern nur Opfer. Aber auch Gewinner. Zu den Gewinnern wollen der Verlag, der Journalist und der Anwalt gehören. Sie erregen Aufmerksamkeit, das wichtigste und kostbarste Gut in der modernen medialen Gesellschaft, in der jeden Tag ein anderes Schwein durchs Dorf getrieben wird. Aufmerksamkeit, die sich natürlich in klingende Münze umwandeln lässt. Daran ändert auch alles Wortgeklingel, «einem Opfer die Stimme geben», «Partei ergreifen», einem schweigenden Täter seine Verbrechen heimzahlen, eine Lichtgestalt entlarven, nichts.

Der Schaden ist angerichtet, keine Wiedergutmachung kann ihn auslöschen. Beim angeblichen Opfer, das zum Täter geworden ist. Ebenso beim angeblichen Täter, der zum Opfer geworden ist. Es bleibt nur zu hoffen, dass das Buch so wenig Leser wie möglich findet und so schnell wie möglich dort verschwindet, wo es hingehört: im Abfallhaufen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 06.04.2017, 16:15 Uhr

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