Eine kleine Geschichte des Populismus

100 Jahre SVP. Aus der Partei des Milchpreises ist eine Avantgarde des Neins geworden. Sie ist nicht die erste.

Der Bauernkrieger. Christoph Blocher, Industrieller, Politiker, Oberst, promovierter Jurist – der Elite angehörend und gerade deswegen bekämpft (1992, Kampagne gegen den EWR).

Der Bauernkrieger. Christoph Blocher, Industrieller, Politiker, Oberst, promovierter Jurist – der Elite angehörend und gerade deswegen bekämpft (1992, Kampagne gegen den EWR). Bild: Keystone

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Vor genau hundert Jahren, 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, ist die erste Bauern­partei der Schweiz in Zürich gegründet worden, daraus ist nach verschiedenen Verpuppungen schliesslich die SVP geworden, die heute grösste Partei des Landes. Diesen Sonntag feiert die Zürcher SVP, die älteste kantonale Sektion, das Jubiläum. Ihre Gründung ist deshalb relevant, weil kurz darauf ähnliche ­Bauernparteien in Bern (1918), Schaffhausen, Aargau, Tessin, Waadtland und Baselland (1925) entstanden, und diese neue Kraft schon 1929, also bloss zwölf Jahre später, in den Bundesrat einzog.

Im Grunde ist es ironisch, dass ausgerechnet eine Bauernpartei sich derart ausbreiten konnte in einem der reichsten und am frühesten industrialisierten Länder der Welt, wo zudem der Boden seit Jahrtausenden so schlecht ist, weil oft hügelig, eng und steinig, dass die Bauern schon immer Mühe hatten, hier zu überleben, geschweige denn die Städter zu ernähren. Ironisch und vielleicht doch logisch, weil dieses hügelige Land immerhin militärisch leicht zu verteidigen war, sofern sich überhaupt jemand für diese miserablen Agrarflächen interessierte, und war das der Fall, stammte die betreffende Familie wohl nicht zufällig selber aus der Schweiz, wie etwa die Habsburger, die – über ihr Image unter den undankbaren Einheimischen etwas frustriert – am Ende Richtung Wien aus­wanderten. Leicht zu verteidigen war dieses bergige Gebiet und daher, man hört es heute nicht mehr so gern, im Vergleich zu allen anderen be­­nachbarten Ländern in Europa lebte es sich hier schon lange, nicht erst seit 1848, sehr viel freier, weil die Einwohner, wenn nötig, die Obrigkeit mit Mistgabeln und Steinwürfen zu behelligen pflegten.

Angst und Schrecken

Oft wurden diese Aufstände zwar niedergeschlagen – aber ausgerottet wurde die Neigung zur Rebellion nie, nicht zuletzt deshalb, weil die ­gleichen Bauern kaum zu besteuern waren und deshalb kein Kanton, ob Stadt oder Land, es fertigbrachte, ein stehendes Heer aufzubauen. Man setzte auf Milizen, in der Mehrheit waren das die gleichen unbotmässigen Bauern, die selten dazu zu bewegen waren, gegen sich selbst vorzugehen. In der Schweiz eine Revolution zu gewinnen, war daher verhältnismässig einfach. Während in ­Preussen oder Frankreich die Obrigkeiten sich mit Artillerie und Kavallerie und professionellen Soldaten verteidigten, blieb den Regimes in der Schweiz meistens nichts anderes übrig, als bei der geringsten Unruhe aufzugeben: 1830 genügten im Aargau ein paar Tausend Freiämter Bauern unter der Führung eines Wirtes, um die konservative Regierung von der Macht zu trennen. Viel Angst und Schrecken verbreiteten die wild gewordenen Landwirte zwar in Aarau, aber gestorben ist kein Mensch, und von einem Tag auf den anderen wurde der gesamte Aargau zu einem der liberalsten Kantone der Schweiz umgewälzt. Ähnliches trug sich in Zürich zu oder im damaligen Kanton Basel, wo die Städter 1833 hilflos zusehen mussten, wie die verachteten Landschäftler mit wenigen militärischen Mitteln sich von der alten, reichen Stadt lossagten. 113 Leute wurden verletzt, 67 starben.

Es ist diese Leichtigkeit der Rebellion, die seit Jahrhunderten zum politischen Selbstverständnis der Schweizer gehört, die sie auf den ersten Blick zu so ordnungsliebenden, friedlichen Bürgern macht, weil die Ordnung, unter der sie leben, meistens mehr oder weniger dem entspricht, was sie selber beschlossen oder den Eliten unter Androhung von Gewalt abgetrotzt haben – und jedes Mal, wenn sich in dieser Hinsicht eine gewisse Verunsicherung breitmachte, tauchte umgehend eine politische Bewegung auf, die sich gegen die vermeintlichen oder realen Machtanmassungen der Eliten wandte. Ob in den 1830er-Jahren die Liberalen, ob später, ab den 1860er-Jahren, die Demokraten, ob ab 1900 die Sozialdemokraten, dann in den 1930er-Jahren der Landesring, ob zuerst die 68er und dann ab 1977 die SVP unter Führung von Christoph Blocher: Immer führten sich diese Kräfte antielitär auf, machten zuerst die Faust im Sack, um sie bald zu schütteln, immer schimpften sie über «die da oben», gerne verweigerten sie die Steuern, immer sagten sie Nein, meistens waren sie laut und ­primitiv, oft übertrieben sie, und immer setzten sie sich durch, wo es sich um ihre Kernforderungen handelte, – immer erklärten sie sich zum «Volk», während die Übrigen sich Sorgen zu machen hatten, ob sie noch dazugehörten. Wenn es ein Land des Populismus gibt, dann die Schweiz. Nur Amerika kennt eine ähnlich lebendige Geschichte des Populismus, und wenn wir diese beiden Länder heute vergleichen, ahnen wir, wie wirkungsmächtig diese DNA noch immer ist.

Wohl verändert sich die Zusammensetzung der politischen Ideen und Anliegen im Lauf der Zeiten – einmal sind es Kantonalbanken und das Referendum (Demokraten), dann die AHV und der Proporz (SP), schliesslich die EU und die Immigration (SVP), – doch immer bleibt eines gleich: Es ist stets eine Bewegung der einfachen Leute – Arbeiter, Bauern, kleine Angestellte –, die darum fürchten, nicht gehört zu werden – oder wie es in Amerika neuerdings heisst: dass man sie vergisst. Es wehren sich jene Leute, die verlieren, wenn die Eliten die Demokratie unterhöhlen, wozu diese fast immer neigen, weshalb die ein­fachen Leuten dafür sorgen, dass die Eliten stattdessen verlieren. Worum es immer geht: um einen Gegensatz zwischen Volk und Elite, weswegen es richtig ist, von «Populismus» zu sprechen, weil jede dieser Bewegungen diesen Gegensatz auch bewusst bewirtschaftet, propagandistisch übertreibt, weil sie davon lebt. Doch wo kein solcher Konflikt zwischen Elite und Basis real bestünde, liesse er sich nie künstlich herstellen. Wer daran glaubt, wie viele in der Elite das jeweils gerne tun, wenn sie verstört eine wachsende Opposition ­erleben, hat bereits verloren. Er erkennt nicht ­einmal, dass er untergeht, obgleich er sich längst im freien Fall befindet.

Es greift ebenso zu kurz, wenn man sich dar­über aufhält, dass die meisten dieser Bewegungen auch Angehörige der alten Eliten umfassen, oft an führender Stelle: Alfred Escher stammte aus einer der ältesten und vornehmsten Familien Zürichs, deshalb hasste man ihn so in jenen Kreisen des alten Regiments, den Klassenverräter; beste Freunde mit besten Namen grüssten ihn nicht mehr und wechselten die Strassenseite. Christoph Blocher ist Oberst, Industrieller, promovierter Jurist, Alt-Bundesrat und Milliardär, also ziemlich sicher Teil der Elite, umso mehr hat man ihn dafür bestraft in den besseren Milieus – doch wesentlich ist nicht das Personal und woher sie kommen, ­sondern ob sie den einfachen Leuten eine Stimme geben oder ihnen diese entziehen. Ob das der Fall ist, entscheiden diese Leute selber: Auch das ist Kern der Demokratie und des Populismus. Wir haben ebenfalls etwas zu sagen, und wer das ­missachtet, den stimmen wir nieder.

Wer zum Establishment gehört

Populistisch mag in anderen Ländern als Schimpfwort kursieren, und auch in der Schweiz versuchen die Eliten, diese oppositionellen ­Strömungen zu denunzieren und zu verteufeln, um sie besser zu bekämpfen. Nichts Neues unter der Sonne: Als Alfred Escher die Liberalen gegen das alte, konservative Regiment Zürichs mobilisierte, wurde er von den damals herrschenden Kreisen der Stadt nicht als «Staatsmann» bezeichnet, sondern als Lügner, Hetzer, Verräter; und es kamen Gerüchte auf, sein Vater sei ein Sklavenhändler gewesen; und als die Sozialdemokraten den bürgerlichen Konsens sprengten, bezeichnete man deren Wortmeldungen nicht als «interessante, sehr differenzierte Gesprächsbeiträge», sondern rief: «Moskau, einfach!» Daher gibt es kaum ein untrüglicheres Zeichen für eine reale Opposition mit Anliegen, die man ernst nehmen muss, als den Umstand, dass man sie beschimpft. Wird sie nicht mehr beschimpft, hat sie ihre Ziele erreicht und gehört zum Establishment.

Weil die Schweiz immer populistische Strömungen besass, wurden die Institutionen auch dementsprechend geformt: Keine Bewegung war in dieser Hinsicht wohl wirksamer als die Demokraten, die in den 1860er- und 1870er-Jahren die direkte Demokratie sowohl im Bund wie auch in den Kantonen durchsetzten. Wirksam, weil seither jede populistische Strömung es noch einfacher hatte, sich bemerkbar zu machen. Die Eliten, damals waren das die Liberalen, heute ist es die Berner Bürokratie und ihre Ableger im Bundesrat, hatten darob nie Freude und lernten zähneknirschend, wie man damit umging, ohne unterzu­gehen. Manchmal taten sie das virtuos, wie früher das bürgerliche Kartell, heute tun dies unsere ­verordnungsverliebten Chefbeamten eher ungeschickt bis unverschämt, auf Dauer aber arrangierten sie sich immer. Selten wurde die direkte Demokratie, der Tempel des Populismus, infrage gestellt. Und wer es tat und den Tempel zu schänden versprach, wie 1992 die nahezu geschlossenen Eliten der Schweiz, als sie das Land dem EWR anschliessen wollten, was die direkte Demokratie auf jeden Fall untergraben hätte, wer solches ­vorschlug: der löste damit eine der gewaltigsten populistischen Strömungen der Schweizer Geschichte aus, die es je gegeben hat. Erholt davon haben sich die Eliten bis heute nicht. Und die SVP, einst eine Partei der Bauern, die sich vor allem über den Milchpreis definierte, ist zur stärksten und unbequemsten Kraft des Landes aufgestiegen. Noch wird sie beschimpft.

markus.somm@baz.ch (Basler Zeitung)

Erstellt: 18.03.2017, 07:57 Uhr

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