«Es gibt im Journalismus keine faulen Nüsse mehr. Perfekt!»

Er ist der wichtigste Medienkritiker der Schweiz: Kurt W. Zimmermann. Ein Sommergespräch über «Tagi», NZZ, «Blick», SRF, Gratiszeitungen und seine eigenen Fehlprognosen.

«Journalisten arbeiten heute ähnlich seriös wie Ingenieure»: Kurt W. Zimmermann in Brixen

«Journalisten arbeiten heute ähnlich seriös wie Ingenieure»: Kurt W. Zimmermann in Brixen Bild: Ludwig Thalheimer

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Als Kurt W. Zimmermann an diesem Montagnachmittag aus seinem Jaguar steigt und in den Vorgarten des Hotels Pacherhof tritt, sieht er aus, als sei er einem Martin-Suter-Roman entstiegen. Heller Sommeranzug, das Jackett über der Schulter, Luxusbräune im Gesicht – und gerade zurück aus einer lockeren Sitzung in Bozen, wo er seinen eigenen Zeitschriftenverlag betreibt.

Zimmermann arbeitet in einer Branche, die unter sinkenden Auflagezahlen und sinkendem Selbstvertrauen leidet. Er selber ist eine Art Gegenthese auf zwei Beinen. Er war Chefredaktor der «Sonntagszeitung», in der Konzernleitung von Tamedia und Herausgeber bei der mittlerweile verblichenen Zeitschrift «Facts». Heute schreibt er die wichtigste Medienkolumne der Schweiz in der «Weltwoche», arbeitet als Berater – und ist nicht zuletzt ein grossartiger Gastgeber. «Ich biete zum Empfang schon mal die Blasmusik der freiwilligen Feuerwehr auf!», hat er uns zuvor in einer Mail geschrieben. Und: «Ich kann Ihnen ein Hotelzimmer organisieren in einer Preisklasse, dass der Somm nicht um seine Dividende fürchten muss.»

Jetzt bestellt Kurt W. Zimmermann (63), hier zwischen den Weinbergen, hoch über Brixen, eine Speckplatte, Schüttelbrot und eine Flasche Riesling, «den perfekten Riesling». Perfekt ist eines seiner Lieblingswörter.

Herr Zimmermann, welche Zeitung lesen Sie morgens zuerst?
Wenn ich in Südtirol bin, natürlich die «Dolomiten». Nachher «Tages-Anzeiger», NZZ, «Blick», FAZ und die «Gazzetta dello Sport» – wir sind ja schliesslich in Italien.

Und dann ist es 16 Uhr.
Nein, nein. Das Gute ist: Hier in Süd­tirol gibt es noch klassische Kaffeehäuser, wo man hingeht, einen Kaffee trinkt und 20 Zeitungen liest. Ich lese die Zeitungen hier also noch auf Papier, mit Umblättern.

Wieso zuerst den «Tages-Anzeiger»?
Ich lebte 40 Jahre in Zürich, da ist der Tagi halt meine Lokalzeitung, wo ich die Todesanzeigen und die Unfallchronik anschaue. Zeitungslesen ist ja Gewohnheitssache.

Wie finden Sie den «Tages-Anzeiger»? Die Zeitung scheint uns gezeichnet von unzähligen Sparrunden.
Ich glaube nicht, dass viel gespart wurde beim «Tagi». Die Redaktion hat immer noch etwa 200 Festangestellte – zu meiner Zeit vor 15 Jahren war das vergleichbar. Der einzige Unterschied ist: Damals waren 50 faule Nüsse darunter, heute hat es fast keine faulen Nüsse mehr.

Sie sehen Sparrunden auf Schweizer Redaktionen als Gesundschrumpfen?
Ja. In den goldenen Zeiten, den Achtziger- und Neunzigerjahren, erweiterte man das Angebot immer mehr. Es gab eine Schachseite, eine Seite für die Chüngelizüchter, eine Strickbeilage und eine Seite über Medien und Männermode. Man konnte sich Exotik leisten. Jetzt sehen wir den Gegentrend: Man konzentriert sich wieder auf die grossen Themen.

Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur.
Ja. Heute sind die Zeitungen in der Themenauswahl wieder Mainstream – man bringt das Wichtigste. In den Neunzigerjahren wurden sie dagegen zu zielgruppenorientierten Sammelsurien. Inzwischen haben sie gelernt, dass die Addition von Teilgruppen noch kein Gesamtinteresse ergibt.

Sie loben den Verlag des «Tages-Anzeigers» dafür, dass er rein betriebswirtschaftlich denkt, in den Redaktionen spart und in Handwerker-Portale investiert. Die NZZ kritisieren sie dafür, dass sie auf Journalismus setzt.
Ist es wichtiger, dass das Unternehmen überlebt oder dass eine Produktionslinie, also die Zeitung überlebt? Das ist die Grundfrage – und ich glaube, es ist viel wichtiger, dass das Unternehmen überlebt. IBM begann als Hersteller von Lochkarten. Ich glaube nicht, dass IBM mit der Fokussierung auf Lochkarten überlebt hätte. NZZ und Tamedia begannen als Zeitungshersteller – aber ich glaube nicht, dass sie als Zeitungshersteller überleben werden. Sie müssen in neue Geschäftsfelder investieren, und hier ist Tamedia deutlich weiter als die NZZ-Gruppe.

Aber bleiben die Verlage dann überhaupt noch Verlage?
Die Leute ausserhalb der Medienbranche verstehen etwas nicht: Sie haben das Gefühl, die Medienhäuser verdienten das Geld heute anders als früher: Früher mit Zeitungen und heute mit Immobilien- und Stellenportalen im Internet. Das ist ein Grundsatzirrtum. Nach einem Unterbruch von zehn Jahren verdienen die Zeitungen ihr Geld jetzt wieder gleich wie vor 100 Jahren. Damals verdienten sie an Kleinanzeigen: Immobilien, Fahrzeuge, neue Produkte, Adressen, Stelleninserate. Dann brach das gedruckte Geschäft zusammen. Nun erobern die Verlage dasselbe Geschäft wieder zurück. Die grossen Internetportale gehören wieder den Verlagshäusern: homegate, jobs.ch, die Scout-Gruppe. Die Medienhäuser haben zurückgefunden zu ihrer alten ökonomischen Stärke, nur ist diese Stärke heute digital.

Das heisst auch, dass Zeitungen für die Verlage immer entbehrlicher werden.
Unser Geschäft war nie ein romantisches Business. Nie verdienten Zeitungen allein mit Journalismus Geld. Die Zeitung per se, ohne Werbung, rentierte nie – ausser in den Fünf­zigerjahren in den USA, wo die Auf­lagen riesig waren. Vorher und nachher waren Zeitungen nur mit kommerziellen Zusatzeinnahmen zu finanzieren. Das Schöne ist ja: Das funktioniert heute wieder. Deshalb bin ich auch ziemlich optimistisch.

Wie bitte?
Ja, die Verlage sind wieder da angelangt, wo sie 1999 waren. Eine Weile glaubte auch ich: Die kriegen das nie mehr auf die Reihe. Heute muss ich sagen: Es läuft perfekt.

Sie sollten Motivationsseminare geben!
Wieso machten die Verlagshäuser in den vergangenen Jahren Rekordgewinne? Weil sie ihr Geschäftsmodell wiedergefunden haben. Ich glaube nicht, dass man von einer Branche sagen kann, es gehe ihr schlecht, wenn sie gleichzeitig Rekordgewinne macht. Die zehn grössten Schweizer Verlagshäuser machten in den vergangenen 20 Jahren nie mehr Gewinn als 2013 und 2014. Nie.

Es bleibt aber dabei: Früher brauchte es Journalismus, um die Anzeigen unters Volk zu bringen. Heute braucht es das nicht mehr. Mit dem Journalismus geht es also doch bergab, auch wenn es den Verlagshäusern wieder besser geht.
Das glaube ich nicht. Ich bin deutlich älter als ihr zwei jüngeren Hasen, ich las Zeitungen, als ihr noch nicht mal im Kindergarten wart. Ich habe noch niemanden gefunden, der mir erklären konnte, wann die goldenen Zeiten im Journalismus stattgefunden haben sollen. In den Sechzigerjahren etwa gab es in der Schweiz fast nur Lügenblätter, sogenannte Parteizeitungen. Wir hatten in Solothurn, wo ich aufwuchs, Zeitungen des Freisinns, der Christdemokraten, der Sozialdemokraten. Alle waren hemmungslos polemisch und hemmungslos verlogen. Die Addition von drei verlogenen Zeitungen ergab aber nicht die Wahrheit.

Und danach?
Gab es die goldenen Zeiten auch nicht. Wann sollte ich diesen Qualitätsjournalismus erlebt haben, von dem mir heute die Kulturpessimisten und Politiker dauernd erzählen? In den Achtzigerjahren? Um Himmels willen, ich nahm neulich den «Tages-Anzeiger» von damals hervor. Eine Katastrophe, was die Themenauswahl und was die Publikumsferne anbelangt. Nein, so gut wie der Journalismus in der Schweiz heute ist, war er nie in den vergangenen Jahrzehnten.

Wenn Sie sagen, der Journalismus sei so gut wie noch nie, weshalb geht es den Journalisten dann so schlecht?
Den Journalisten geht es auch so gut wie noch nie.

Sie sind ein Zyniker.
Den Journalisten geht es schlechter, was ihr Freizeitverhalten betrifft und teilweise ihr Portemonnaie. Aber es geht ihnen gut, weil sie von einem Exotenberuf in einen normalen Beruf gewechselt haben. Journalisten arbeiten heute ähnlich seriös, zuverlässig und kompetent wie Ingenieure und Chemiker. Schlendrian ist heute nicht mehr möglich. Sie sind jetzt keine Künstler mehr, sie sind Konstrukteure.

Wenn Sie also morgens den «Tages-Anzeiger» aufschlagen, denken Sie immer: Boah, was für eine grossartige Zeitung!
Der «Tagi» ist nicht brillant, war aber nie besser als heute. Die BaZ auch. Sie ist zwar auch heute noch nicht brillant…

Fast!
Fast brillant, semibrillant. Nein, aber die BaZ war nie besser als heute und ihr seid weniger Redaktoren als vor 15 Jahren. Man muss aufpassen, dass man die Geschichte nicht heroisiert. Wir hatten zu meiner Zeitungszeit Typen auf der Redaktion, die alle zwei Wochen einen Artikel geschrieben haben und dennoch ihr Pult auf der Redaktion hatten. Das ist vorbei.

Aber das macht den Journalismus doch nicht besser!
Was ist das klassische Berufsbild? Der Journalist sitzt an seinem Pult und brütet tagelang intensiv. Wenn der Artikel zur Vollendung geschritten ist, wird er publiziert. Das gibt es heute noch bei der NZZ und sonst nirgends mehr. Und ich sage: zum Glück. Der Journalist als Geistesathlet in der Spitzweg-Stube, das ist vorbei. Er ist ein schneller Informationsexperte in einer schnellen Informationsgesellschaft.

Sie zertrümmern unser Selbstbild!
Die Journalisten haben enorme Fortschritte gemacht. Ich begann in den Siebzigerjahren. Zuerst gingen wir zum Italiener. Ein, zwei Grappa nach dem Essen. Nachher kehrten wir ins Büro zurück. Und um fünf standen bei den ersten die Bierflaschen auf dem Pult. Ob dabei wirklich die scharfsinnigsten Analysen entstanden sind, wie ich heute von rückwärtsgewandten Zeitgeist-Verklärern höre, wage ich aus eigener Erfahrung zu bezweifeln. Wenn ich Artikel von mir aus dieser Zeit lese, bezweifle ich es noch heftiger.

Das heisst, die NZZ ist auf dem völlig falschen Weg.
Die NZZ ist wie ein Storch. Sie steht nur auf einem Bein. Sie ist zwar eine gute Zeitung, die beste der Schweiz. Sie ist nicht berechenbar, da werde ich noch überrascht. Wenn ich eine Überraschungsskala machen müsste, dann stünde an erster Stelle die NZZ, dann kämen Basler Zeitung, «St. Galler Tagblatt», «Walliser Bote» und die «Südostschweiz». Das Problem der NZZ aber ist umgekehrt, dass sie ausser Journalismus nichts kann. Sie vernachlässigt die flankierenden Massnahmen im digitalen Kommerz. Wenn sie in dem Stil weitermacht, kann sie eines Tages den Journalismus nicht mehr finanzieren.

Sie sagten: Tamedia macht alles super – bei der NZZ arbeiten nur Romantiker. Nun sagen Sie: Die NZZ ist die beste Zeitung überhaupt und der «Tages-Anzeiger» kommt hinter dem «Walliser Boten» und der «Südostschweiz».
Ich schätze den «Tages-Anzeiger» für seine zwinglianische Zuverlässigkeit, für seine linke Bünzligkeit – aber er ist weitgehend überraschungsfrei. Das ist nicht weiter schlimm. Am Morgen will ich ja nicht als Erstes überrascht werden, das spare ich mir für später auf. Zusammengefasst: Der «Tages-Anzeiger» ist die professionellste Zeitung der Schweiz, die NZZ die interessanteste.

Werden Zeitungen zum Luxusprodukt?
Zeitungen sind heute schon von einem Massensport zu einem Elitesport mutiert. Sehr stark in den Städten, ein bisschen weniger auf dem Land. Das ist natürlich Good News. Wenn du nicht mehr ein Massenpublikum bedienen musst, kannst du intelligenter werden, kannst höhere Ansprüche an die Leser stellen – und am Ende auch mehr dafür verlangen. Der 30-jährige Automechaniker aus Pratteln liest die BaZ heute nicht. Das ist nicht schlimm. Der 60-jährige Gymnasiallehrer aus Riehen, der liest die BaZ. Was ist der Unterschied? Der Lehrer will die Zeitung unbedingt haben und es ist ihm egal, ob er 400 oder 700 Stutz bezahlt im Jahr. Der Automechaniker nimmt die Zeitung auch nicht für 100 Stutz.

Wie steht es in diesem Umfeld um das grösste Massenblatt des Landes?
Natürlich schlecht. Das Zeitungslesen wird elitärer. Und der «Blick» wird nie zu einem gehobenen Qualitätsblatt werden. Der «Blick» hat sein primäres Zielpublikum bei den heutigen Nichtlesern – deshalb ist es klar, dass es für ihn schwierig wird. Er kommt aus Zeiten, als auch einfache Menschen bezahlte Zeitungen lasen. Das ist etwas anachronistisch. Es ist heute auch als Schreibmaschinenhersteller eher schwierig geworden.

Ist der «Blick» nicht auch deshalb in Schwierigkeiten, weil er die seltsamste Zeitung der Schweiz ist? Geführt von Michael Ringier, Frank A. Meyer und René Lüchinger – Männern, die Kunst sammeln und Wirtschaftsbiografien schreiben. Eine Boulevardzeitung, die von ihren Machern contre cœur produziert wird.
Das stimmt nicht. Ich würde behaupten: Frank A. Meyer ist der begabteste Boulevardjournalist der Schweiz. Bei Polemik, Verkürzung, Zuspitzung, Weglassen von Gegenargumenten ist er virtuos. Das ist Boulevardjournalismus at its best. Der Mann lebt diese Zeitung. Dass er selbstverständlich im Salon übergeordnete Zusammenhänge herstellt, das ist nachvollziehbar. Jeder Kartoffelbauer erzählt gern von seinen Erdbeeren.

Wie muss man denn Boulevard machen?
Um Boulevard zu machen, braucht es die klügsten Köpfe der Branche. Eine hochstehende, hochintellektuelle Kulturzeitung zu machen, ist das Einfachste in unserer Branche. Du hast ein tolles Budget, du kaufst 30 intelligente Köpfe ein und sagst ihnen: Macht die elitärste Kulturzeitschrift der Welt. Die gute Gesellschaft wird applaudieren, und bald bist du pleite. Das Schwierigste in unserer Branche hingegen ist Boulevard. Den macht man heute mit Coolness, Abgeklärtheit, Zynismus und Intellektualität. Wenn man ihn aus dem Bauch heraus macht, wird er zu klebrig.

Der Niedergang des «Blicks» erscheint dennoch unaufhaltsam.
Er wird nie mehr das Massenblatt von früher sein. Die Zeitung hat keine Nachwuchsleser. Denn die eher bildungsschwächere Schicht in der Schweiz, die seine Zielgruppe wäre – das sind jetzt die Secondos. Und die lesen heute keine Zeitungen mehr. Vor 40 Jahren wurde der Arbeitersohn noch mit Zeitungen sozialisiert. Der Shaqiri von heute wächst nicht mehr mit Zeitungen auf.

Die Jungen lesen schon noch Zeitung, nur nicht den «Blick». Sie lesen «20 Minuten».
Ja, aber das ist eine Gratiszeitung.

2001 schrieben Sie, Gratisangebote hätten keine Zukunft.
Eine perfekte Analyse. Das hätte zu hundert Prozent gestimmt, gäbe es «20 Minuten» nicht. Die hat mir meine Grossprognose verhagelt. «20 Minuten» ist weltweit in der Medienbranche das grösste Erfolgsprodukt, das die Schweiz je herausgebracht hat. Wenn man in der internationalen Medienwelt mit Verlagsmanagern über die Schweiz redet, spricht niemand über die NZZ, aber alle über «20 Minuten».

Wenn wir schon bei Ihren Fehlprognosen sind… Sie lachen.
Ja, da gibt es mehrere.

Vor der Abstimmung über das neue RTVG rechneten Sie mit 65 Prozent Ja-Stimmen in der Deutschschweiz.
Ja gut, ich kann ja auch nichts dafür, wenn Roger de Weck das vergeigt.

Sie sagten, er sei der perfekte Mann an der Spitze.
Ich habe noch nie einen so schlechten Abstimmungskampf gesehen. Noch nie. Wenn de Weck den Mund gehalten hätte, wäre er wohl punktgenau bei 65 Prozent Ja gelandet.

Sie haben ihn angetrieben. Sie sind verantwortlich für die Beinahe-Niederlage!
De Weck und ich kennen uns seit 30 Jahren. Ich hielt ihn immer für gescheit. Ich war erstaunt, dass er plötzlich so unbedarft handelte. Was sagt ein Unternehmen in einem Moment externer Kritik? Es sagt: «Wir haben in der Vergangenheit Fehler gemacht, aber wir haben das erkannt und ein Reformprogramm aufgegleist, um dies zu korrigieren.»

Das Bullshit-Bingo der Betriebswirtschaft.
Gut formuliert. In der Schweiz sagt man: «Es macht keinen Sinn, dass ihr uns jetzt an der Urne abstraft, denn wir sind auf dem richtigen Weg. Es ist nicht nötig, dass ihr das Kind mit dem Bad ausschüttet, denn wir haben unsere Lektion gelernt.» So redet man, das hat beispielsweise die UBS gut gezeigt. Aber die SRG hat gesagt: «Wir sind absolut tadellos, wir haben in den letzten 30 Jahren nicht einen Fehler gemacht, nicht einmal bei der zweiten Stelle hinter dem Komma.» Dann muss man sich nicht wundern, wenn die Bürger auf Distanz gehen.

De Weck allein soll schuld sein, dass es so knapp herauskam?
Nein, es ist ja nie jemand allein schuld in diesem Land, ausser Blocher oder Widmer-Schlumpf. Es war ja nicht nur de Weck – VR-Präsident Raymond Loretan und SRF-Direktor Ruedi Matter sassen auf einem ähnlich hohen Ross. Wer einen Abstimmungskampf zu einem Kulturkampf macht, bekommt bei uns auf die Rübe. De Weck hätte die Unternehmenskultur umpolen müssen. Er hätte interne Bescheidenheit predigen müssen, doch er predigte interne Hochmütigkeit.

Sie sagten, das Programm sei unter de Weck besser geworden.
De Weck ist über die letzten Jahre der einzige Generaldirektor eines öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders, der seine Einschaltquoten stabilisiert und vorübergehend sogar leicht gesteigert hat. Letztes Jahr lagen sie bei 30,5 Prozent. Da muss man einfach sagen: Chapeau. Sie sehen, ich habe heute meinen milden Tag.

Sollen wir morgen wiederkommen?
Nein, das ist schon gut so: Bashing-Interviews sind mir zu einfach.

Hängt das knappe Ergebnis nicht auch mit der grundsätzlichen Vertrauenskrise den Medien gegenüber zusammen?
(Überlegt lange.) Wenn wir jetzt von einer Vertrauenskrise der Medien reden, müsste man natürlich die Gegenfrage stellen: Wann hat das Volk den Medien bedingungslos vertraut? Am ehesten vielleicht noch während des Zweiten Weltkriegs. Aber ein Volk, das den Medien blind vertraut, müsste man eigentlich abschaffen. Medien sind nicht dazu da, dass man ihnen vertraut, sondern dazu, Debatten und Konflikte zu beschreiben und auszulösen. Das ist a priori nicht vertrauensfördernd. Wer braucht Vertrauen? Die Kirche, der Papst, meinetwegen der Bundesrat. Der Massstab für uns Journalisten ist eher Skepsis: dass man sagt, manchmal haben sie recht, manchmal nicht. Deswegen sollten Medien kontrovers auftreten. Das Problem der Leute ist ja nicht, wenn wir in der Branche unterschiedlicher Meinung sind, sondern wenn wir Einheitsmeinungen vertreten. Dann kommt es am ehesten zu so etwas wie einer Vertrauenskrise.

Aus den Kommentarspalten im Internet schlägt uns weniger Skepsis als vielmehr blanke Verachtung gegenüber der angeblichen Lügen- oder Systempresse entgegen.
Früher war der Leserbrief die einzige Artikulationsmöglichkeit. Ihn konnte man leicht in den Papierkorb werfen. Oder mal einen kritischen Brief abdrucken, um zu zeigen, wie souverän man doch ist. Heute gibt es aus technologischen Gründen eine kritische Gegenöffentlichkeit. Es ist natürlich viel mühsamer, Papier in eine Schreibmaschine zu spannen und zu tippen, als auf einer Onlineplattform «Ihr seid alles Idioten» zu schreiben. Es ist viel leichter geworden, Meinungen abzusondern und diese Meinung auch öffentlich zu machen. Die Skepsis gegen Medien nimmt auch zu, weil der Artikulationsgrad der Bevölkerung heute viel höher ist.

Aber diese Gegenöffentlichkeit ist doch auch beängstigend. Es ist wie mit Hooligans, die sich zusammenrotten.
Natürlich gibt es einen digitalen Mob. Aber das Schadenspotenzial kommt mir relativ gering vor. Es ist ja alles virtuell. Demonstrationen im Netz haben noch immer weniger politischen Einfluss als solche auf dem Paradeplatz.

Ist es heute nicht ein Problem, dass sich jeder dort informiert, wo er sich bestätigt fühlt?
Der Fluch der letzten 40 bis 50 Jahre war die Entstehung der Forumszeitungen. Derartige Monopolblätter mussten alle erreichen und wurden darüber völlig diffus. Dass aus wirtschaftlichen Gründen in den meisten Kantonen nur eine Zeitung überlebte, war fatal. Dass man es allen recht machen wollte, führte zu einer intellektuellen Verwahrlosung. Man war noch stolz darauf, eine Forumszeitung zu machen, doch in Wahrheit bedeutete dies die geistige Kapitulation. Die Leser liefen davon, und das haben die Redaktionen mit Verzögerung auch gemerkt: Das «St. Galler Tagblatt» ist heute wieder eine hübsche bürgerliche Zeitung. Die NZZ geht wieder stramm rechts von der Mitte, der «Tagi» traut sich öfters wieder, richtig links zu sein. Die Basler Zeitung ist rechtskonservativ bis zum Abwinken…

Einspruch!
Gut, aber sie ist rechtskonservativ, worauf ja auch nicht die Todesstrafe steht. Politisch und publizistisch haben sich die Zeitungen in den letzten Jahren wieder besser positioniert.

Gibt es noch immer zu viel Konformismus im Schweizer Journalismus?
Das Konformismus-Niveau könnte man schon noch ein wenig reduzieren. Haben wir in der Schweiz eine grosse Tageszeitung, die wirklich EU-kritisch ist? Vielleicht die BaZ. Die «Weltwoche» ist die führende Stimme bei der Immigrationskritik. Haben wir eine grössere Zeitung, die prinzipiell eurokritisch ist? Vielleicht noch die NZZ. Da müssen sich die Zeitungen schon noch ein wenig kontroverser weiterentwickeln. Da setzt ja die Kritik an, wenn das Publikum von der «Lügenpresse» redet. Gibt es bei den grossen Blättern oder beim SRF jemanden, der Didier Burkhalter oder Simonetta Sommaruga fundamental infrage stellt? Gibt es in Deutschland eine grosse Zeitung, die Angela Merkel fundamental infrage stellt? Damit werden 40 Prozent der Bevölkerung medial ignoriert. Die machen sich dann Luft über das Internet.

Ist dies ein Grund für sinkende Auflagen?
Ich glaube nicht, dass man Leute mit purer Ideologie überzeugen kann, eine Zeitung zu abonnieren. Die Leute mögen es aber, wenn Zeitungen wieder meinungsstärker werden. Es muss klar sein, wo eine Zeitung steht. Aber Meinung allein genügt nicht, um eine Zeitung zu verkaufen. Basel ist ein gutes Beispiel. Dort trat ein Blatt namens «TagesWoche» gegen die BaZ an. Es ist eines der am erbärmlichsten gescheiterten Projekte der jüngeren Schweizer Mediengeschichte – wenn man ihre enormen Geldmittel bedenkt. Nicht nur, dass sie bei der Auflage betrogen haben und die Redaktion sich in permanenter Rotation befindet, auch publizistisch hat die «TagesWoche» zur Debattierkultur dieser Stadt nichts beigetragen. Wenn es genügen würde, eine Gegenmeinung zu haben, hätte das Blatt ja wie verrückt laufen müssen. Aber man muss schon auch Analyse, Geist und Intellekt bieten. «Anti-» allein genügt nicht.

Liegt die Zukunft der Printmedien in der Nische?
Ja. In den gedruckten Medien hat Breitband keine Zukunft. In Nischen wird man Erfolg haben. Das können regionale Nischen sein wie beim «Boten der Urschweiz», weltanschauliche wie bei der BaZ, demografische wie bei «20 Minuten» oder bildungsmässige wie bei der NZZ. Festzelte, welche die ganze Bevölkerung aufnehmen wollen, funktionieren beim Publikum nicht mehr. Das haben hier in Südtirol auch die Kastelruther Spatzen begriffen: Man braucht eine klare Zielgruppe.

Eine Zielgruppe der «Weltwoche» sind auch die Journalisten – alleine schon Ihrer Kolumne wegen. Wie lange machen Sie noch weiter?
Ich muss vermutlich bald aufhören. Heute kenne ich sie ja alle noch persönlich: den Roger de Weck, den Hanspeter Lebrument von der «Südostschweiz», den Christoph Tonini von Tamedia, den Marc Walder von Ringier und den Peter Wanner von den AZ Medien. Das ist einigermassen meine Generation, mit denen bin ich per Du. Bei den Newcomern wie Veit Dengler, dem neuen NZZ-CEO, ist das schon ein wenig anders. Da kann ich nicht mehr anrufen und fragen: «Veit, altes Haus, wie ist es wirklich?» Wenn ich eines Tages die alten Kollegen nicht mehr anrufen kann, wenn meine Kontakte austrocknen, wenn ich für meine Texte irgendwann wie die anderen recherchieren muss, dann stirbt die Kolumne.

Nach dem Interview begleitet uns Zimmermann nach Brixen. Er zeigt uns das Städtchen – wobei die Führung nach fünf Minuten auch schon wieder vorbei ist. Wir gehen über zum Apéro. Der Gewürztraminer sei super hier, sagt er, perfekt!

Zum abendlichen Knödelessen stösst Norbert Dall’Ò dazu, sein Chefreporter bei «ff», einem Nachrichtenmagazin, das Zimmermann hier herausgibt. Als Dall’Ò eintrifft, grüsst er Zimmermann: «Hallo, Herr Direktor!» Die Knödel, der Tafelspitz und der Wein – inzwischen ein roter – sind grossartig.

Die Blasmusik hat er zwar doch nicht aufgeboten, aber jetzt, da die Sonne längst untergegangen ist, sucht Zimmermann auf seinem Handy nach Liedern aus seiner zweiten Heimat.

Bevor er und sein Chefreporter den «Pacherhof» verlassen, sagt er uns noch: «Boys, morgen entspannt ihr noch ein bisschen am Pool, richtig? Morgen ist ja Freitag!» Er lächelt. Der nächste Tag ist ein Dienstag. (Basler Zeitung)

Erstellt: 18.07.2015, 11:04 Uhr

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