«In einer Art Grössenwahn»

Für den Politologen Michael Hermann zeigt die Abwahl Oskar Freysingers die Grenzen polarisierender Politik auf.

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Gab es in den letzten Jahren eine vergleichbar spektakuläre Abwahl wie jene Oskar Freysingers?
Spektakulär war vor allem seine Wahl. Die SVP reüssiert in Regierungswahlen normalerweise nur mit Kandidaten, die von Stil und Art her Konsenspolitiker sind. Wer zu stark polarisiert, wird in der Schweiz nicht in eine Regierung gewählt. Freysingers Wahl hatte diese gängigen Vorstellungen auf den Kopf gestellt.

Also ist Freysingers Abwahl eine Rückkehr zum Courant normal?
Ich sehe sie als Wiederherstellung einer gewissen Normalität. Kantigere Figuren haben heute zwar weit bessere Chancen als früher, in die kantonalen Exekutiven oder in den Ständerat gewählt zu werden. Die Wahl der klar links positionierten SP-Politikerin Jacqueline Fehr in den Zürcher Regierungsrat zeigt dies etwa. Freysingers Bestresultat vor vier Jahren scheint sich jedoch nicht zum Trend zu verdichten. Die Wähler wollten damals dem enormen Machtkartell der C-Parteien, also der CVP und der CSP, etwas entgegensetzen. Mit dem Ergebnis waren viele aber offensichtlich nicht glücklich.

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Was hat Freysinger die Wiederwahl gekostet?
Ich sehe hier eine Parallele zur Abwahl Christoph Blochers aus dem Bundesrat. Beide meinten, ihre Wiederwahl ohne Kompromisse sichern zu können. Mit zwei, drei symbolischen Annäherungen an die Bundesversammlung hätte Blocher die Wiederwahl wohl auch geschafft. Freysingers schlechtes Abschneiden ist sicher auch der Ernüchterung über seine Politik geschuldet, mit der er Feuerwehr wie Lehrerschaft gegen sich aufbrachte. Wenn er aber nicht in einer Art Grössenwahn nochmals die C-Parteien frontal angegriffen hätte, wäre er dennoch wahrscheinlich wiedergewählt worden.

«Wer sich zu wichtig nimmt, erhält Gegenwind.»

Freysingers Abwahl wird als Absage an eine Politik à la Trump gewertet. Stimmen Sie dem zu?
In der Schweiz ist die SVP mit den Themen, die Trump bewirtschaftet, schon länger sehr erfolgreich. Der grosse Unterschied ist, dass es Leute wie Trump sehr schwer haben bei uns. Wer sich zu wichtig nimmt und das Mass verliert, der erhält Gegenwind.

Sind dem Erfolg von polarisierenden Politikern auch im Parlament Grenzen gesetzt?
Bekanntheit zählt in der Politik immer mehr. In Zukunft werden deshalb wohl noch mehr bereits weitherum bekannte Figuren wie Roger Köppel oder Andreas Glarner ins Parlament gespült werden. Sie müssen sich aber bewusst sein, dass ihre Fallhöhe hoch ist. Wer den Leuten andauernd auf die Nerven geht und sich immer mehr Feinde schafft, kann auch mal fallen gelassen werden. Christoph Mörgeli wurde lange sehr gut gewählt, bevor er bei den letzten Wahlen durchfiel. Gerade bei Köppel sieht man, dass er im Parlament bereits sehr isoliert dasteht. Er eckt in seiner Fraktion an und wird ausserhalb seiner Partei sehr kritisch gesehen.

Am Wochenende hat die SVP das 100-Jahr-Jubiläum ihrer Zürcher Kantonalsektion gefeiert. Wo steht die Partei heute?
Wenn man ihren Wähleranteil betrachtet, war die SVP noch nie so stark wie heute. Gleichzeitig ist sie aber auch so harmlos wie nie in den letzten Jahren. Ihre beiden Bundesräte sind brav; bei ihrem Kernthema, der Ausländerpolitik, hat sie zuletzt an der Urne dreimal verloren. Mit der Abwahl Freysingers wurden ihr zudem ihre personellen Grenzen aufgezeigt. Zwischen den Niederlagen der Partei und jener Freysingers lässt sich eine interessante Parallele ziehen: Namentlich bei der Durchsetzungsinitiative hat sich die SVP auf der Basis ihres Erfolgs selbst überschätzt. Dasselbe ist nun auch Freysinger passiert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2017, 12:57 Uhr

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