Politik als Selbstgespräch

FDP-Chef Christian Lindner ist das erste männliche Politmodel Deutschlands. Sein Ehrgeiz ist grenzenlos. Seine Eitelkeit ebenfalls.

Christian Lindner will Wirkung kontrollieren.

Christian Lindner will Wirkung kontrollieren.

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Christian Lindner, 38, ist Vorsitzender der FDP in Nordrhein-Westfalen, Vorsitzender der FDP im Bund und er ist der Spitzenkandidat der FDP bei der Bundestagswahl im September. Er ist gerade fast alles für die FDP und er hat Erfolg. In NRW erreichte die FDP am Sonntag 12,6 Prozent, das beste Resultat in der Geschichte.

Am Montag, 10.30 Uhr, sass er alleine in der Bundespressekonferenz vor den Journalisten. Die Stirn in Runzeln. Er sprach von dem guten Resultat der FDP und dass es nicht ganz leicht sei, «richtig damit umzugehen». Das ist der Lindner-Ton und die Linder-Politik-Sprache. Er macht nicht nur Politik, er analysiert Politik, und vor allem analysiert er sich selber Politik machend. Es ist eine grosse Selbstdokumentation. Die Süddeutsche titelte «Me, myself and I». Aber irgendwie schafft es Lindner tatsächlich noch, liberale Politik zu ­vermitteln, ja ein liberales Lebensgefühl.

Eine freiwillige Truman-Show

Wie kein anderer Politiker in Deutschland bespielt er Facebook und Twitter. – Lindners politisches Leben ist eine freiwillige Truman-Show. Und er ist der Regisseur. Er macht Selfies, kleine Videos; aus den Videos nimmt er Sätze und macht aus ihnen Zitate, die er mit «CL» firmiert. Auf ­seiner Website steht: «Wir bewerben uns nicht als Eure Erziehungsberechtigten, sondern als Eure Problemlöser. CL» Christian Lindner simuliert Nähe, und kommt den Leuten auch tatsächlich näher, weil sie ihm beim Leben zusehen dürfen.

Im Wahlkampf veröffentlichte er ein Video aus Schwarz-Weiss-Bildern. Man hört Lindners Stimme, eine Knarrstimme, von der Linguisten sagen, sie klinge besonders angenehm. Er fragt: «Haben Sie mal was gemacht, von dem Sie überzeugt waren, dass es richtig ist?» Es folgen diffuse Einwände gegen die Politik, die Lindner selber vorträgt: «Jetzt drehen sie durch», «Idioten», «ganz falscher Weg, wer soll das wählen?». Dazu Bilder: Christian Lindner müde im Auto, Christian Lindner rasiert sich, Christian Lindner am Joggen im Stadion, Industrieschlote, der Verkehr von NRW, Lindner im Unterhemd am Smartphone.

Ein Model, das Politik macht

Am Schluss sagt Lindner: «Und du hast das alles vorher gewusst und trotzdem gemacht. Weil es um etwas geht.» Er sagt «Du» – es ist ein Selbstgespräch, das er führt, die intimste Gesprächsform überhaupt. Seine Politik ist ein lautes Nachdenken, ein inszeniertes Selbstgespräch. Er spricht zu sich selber und weil die Leute ihm dabei zuhören dürfen, fühlen sie sich ihm nah. Das ist Lindners Trick.

Daneben zählen Bilder. Lindner ist ein Model, das Politik macht; das erste männliche Politmodel Deutschlands. Er liess sich Haare transplantieren und die Geheimratsecken abdecken. Wenn er Interviews gibt, modelliert er sie für sein Facebook-Account um: ein neues, besseres Bild, ein neuer Titel. Er will Wirkung kontrollieren.

Sein Ehrgeiz ist grenzenlos. 2013 war die FDP am Boden. Lindner wird sie zurück in den Bundestag führen. Mit 20 Jahren war er Abgeordneter im Landtag von NRW. Jürgen Möllemann nannte ihn «Bambi». In der BaZ sagte Lindner: «Am Ende des Films ist Bambi Herrscher des Waldes.» Er lachte. Aber der Anspruch ist klar. Sollte Lindner scheitern, dann an seiner Eitelkeit. Weil er irgendwann aufsteht und vom Spiegel nicht mehr loskommt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.05.2017, 10:49 Uhr

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