Spuren des Drogendebakels führen in die Schweiz

Die Drogentherapie des Gurus Samuel Widmer schickte Heiler auf den Horrortrip.

Samuel Widmer mit seiner Frau Danièle.

Samuel Widmer mit seiner Frau Danièle. Bild: Keystone

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29 Ärzte, Heilpraktiker und Homöopathen torkelten am 4. September in der Lüneburger Heide umher, getrieben von Wahn­vorstellungen, Halluzinationen, Krämpfen und Atemnot. 160 Helfer betreuten die Leute, die auf die umliegenden Spitäler verteilt wurden. Zwei befanden sich in akuter Lebens­gefahr.

Die Patienten hatten offenbar eine Überdosis der verbotenen synthetischen Droge 2C-E, eines Amphetamins, zu sich genommen. Weshalb, war unklar. Recherchen des «Tages-Anzeigers» zeigen nun, dass sie an einer Psycholysesitzung teilgenommen hatten, also einer Drogentherapie. Und dass der Seminarleiter ein Schüler des Schweizer Psy­chia­ters Samuel Widmer ist, der schon Hunderte von Psycholysetherapeuten ausgebildet hat. Der Psychiater lieferte nicht nur wegen der verbotenen Psycholyse Schlagzeilen, Medien bezeichnen ihn auch gern als «Sex-Guru».

Der deutsche Psycholyse­therapeut ist Psychologe und ein enger Vertrauter von Widmer. Bei ihm haben schon mehrere Tausend Anhänger eine Psycholyse mit verbotenen Substanzen absolviert. Widmer kennt die in Deutschland eingesetzte Droge 2C-E und beschreibt sie in seinem Buch «Wer heilt, hat recht». Verklausuliert erwähnt er auch, damit schon gearbeitet zu haben.

Drogen als Türöffner

Der deutsche Psychologe verehrt Widmer, wie aus einem Brief hervorgeht. Er bestätigt auch, dass Widmer Hunderte von Psycholysetherapeuten ausgebildet hat. Recherchen des TA zeigen, dass manche von ihnen selbst Psycholysesitzungen mit verbotenen Substanzen durchführen. Der Psychologe schildert die Verehrung von Widmer als Weltenlehrer. Er verweigere zwar «sorgsam jede Analogie zu Jesus Christus», sein Schüler jedoch scheut den Vergleich nicht. Jesu Gebot der Nächstenliebe sei bis heute nicht umgesetzt worden, bei Widmer finde es nun «ein zeitgemässes, modernes Antlitz». Widmer sei «ein ganz Grosser dieser Weltenzeit».

Widmers Anhängerschar ist sehr gross. Sie glaubt an esoterische Heilsvorstellungen und ist überzeugt, dass Drogen die Türöffner ins Unbewusste oder zu einer magischen Welt sind. Deshalb überrascht es nicht, dass es bei den Drogentherapien schon mehrfach zu gravierenden Zwischenfällen gekommen ist wie nun auf der Lüneburger Heide.

Am 19. September 2009 entgleiste eine Psycholysesitzung des 50-jährigen Arztes Garrik R. in Berlin. Ein Dutzend seiner Klien­ten rutschten in einen Horrortrip ab. Für zwei Männer endete das Drogenexperiment gar tödlich. Garrik R. war Schüler von Widmer.

Ein weiterer Vorfall ereignete sich am 13. März 2009 in Widmers Zentrum in Lüsslingen SO. Bei einer Psycholyseausbildung mit rund 60 Teilnehmern zeigten mehrere Personen Vergiftungs­erscheinungen und erlebten einen Horrortrip. Als Co-Therapeut amtete Garrik R.

Wie ein Erlöser verehrt

Bei einer Drogensitzung in Zürich am 27. April 2014 nahm S. B. eine Substanz ein, wie sie es von ihren jahrelangen Psycholyse­therapien und der Ausbildung bei Widmer gewohnt war. Die Ärzte diagnostizierten einen schweren Hirnschlag und zwei grosse Hirnblutungen, ausgelöst von den Substanzen. Die Ärztin F. M. wurde daraufhin wegen der Abgabe unerlaubter Substanzen zu einer 16-monatigen bedingten Gefängnisstrafe verurteilt. Auch sie war eine Schülerin von Samuel Widmer.

Aussteiger bezeichnen die von Widmer geführte Kirschblütengemeinschaft in Lüsslingen und seine Anhänger in der Schweiz und Deutschland als Sekte. Der Psychiater werde wie ein Erlöser verehrt. Ein ehemaliger Anhänger sagt, er sei gehirngewaschen gewesen und vom häufigen Drogenkonsum benebelt. Der Umgang mit den Drogen in der Szene sei absolut fahrlässig.


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(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.09.2015, 08:45 Uhr

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