Sexisten sind auch nur Terroristen

Im Nachgang um das viel kritisierte Schiesstraining bei der Armee überbieten sich Frauen- und Männer-Organisationen mit Empörung.

«Ihr kommt nach Hause und erwischt eure Freundin mit einem anderen im Bett. Wie reagiert ihr?» Dieses Schiesstraining sorgte für Empörung.
Video: 20 Minuten

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Die Schweizer Armee muss wahrlich ein moralisch verwahrloster Haufen sein. Zu diesem Schluss kommt, wer sich die Empörung von ­Alliance F, dem Bund der Frauenorganisationen, und von Männer.ch, dem Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen zu Gemüte führt. Hüben wie drüben ist die Aufregung über ein Video gross, das einen Armeeausbildner zeigt, der ein paar Soldaten zur Schuss­abgabe animiert, indem er brüllt: «Ihr kommt nach Hause und erwischt eure Freundin mit einem anderen im Bett. Wie reagiert ihr?» Worauf die Soldaten das Feuer eröffnen.

Keine Frage: Das Beispiel, das der Ausbildner für das Schiesstraining gewählt hat, ist primitiv und geschmacklos. Wer daraus wie Alliance F einen Aufruf zu häuslicher Gewalt ableitet, schiesst allerdings mit Kanonen auf Spatzen. ­Möglicherweise weil Männer im Jahr 2017 nach Christus endlich ihre weibliche Seite ausleben dürfen, reagiert Männer.ch ähnlich hysterisch: Der Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen will im Zusammenhang mit dem Video nicht von einem Einzelfall sprechen, sondern macht ein grundsätzliches Problem in der Armee aus. Schliesslich wisse jeder, der Dienst geleistet habe, wie weit verbreitet Sexismus dort sei, lässt sich Nicolas Zogg vom Dachverband in den Medien zitieren.

Man denke an das Trauerspiel nachts in den Kasernen, wenn sich die derart Verunglimpften heimlich in den Schlaf weinen.

Bei dieser Gelegenheit weitet der Verbands­sprecher die Kampfzone gleich aus und wir ­erfahren, dass Sexismus beileibe nicht nur ein Frauenproblem ist. Auch Männer würden ­diskriminiert. Bereits die Wehrpflicht sei eine Form von Sexismus. «Homosexuelle oder Männer, die sich unsicher verhalten beziehungsweise eine weiche Seite von sich zeigen, werden zum Beispiel als Pussy oder Schwuchtel beschimpft.» Man denke an das Trauerspiel nachts in den Kasernen, wenn sich die derart Verunglimpften heimlich in den Schlaf weinen.

Angesichts dieser unhaltbaren Zustände in der Schweizer Armee fordern die bewegten Frauen und Männer dieser Tage in einem offenen Brief an Verteidigungsminister Guy Parmelin, dass er den Vorfall öffentlich verurteilt. Was dieser pflichtschuldigst auch umgehend tat. So liess er via Mediensprecher ausrichten, dass er die Vorkommnisse «aufs Schärfste» verurteile und Aufrufe zu Gewalt gegen Frauen und Sexismus in der Armee nicht toleriere. Auch werde man alles daran ­setzen, dass solche oder ähnliche Fälle künftig nicht mehr vorkämen. Einzig von einer Sensibi­lisierungskampagne wollte Parmelin nichts wissen. Dies mit der Begründung, dass die von den Frauen- und Männerorganisationen geforderten Massnahmen bereits heute Teil der militärischen Ausbildung der Soldaten und Kader seien.

Der Verteidigungsminister muss öffentlich Busse tun, sich Asche aufs Haupt streuen.

Doch damit gibt sich Alliance F nicht zufrieden. Parmelin müsse den Vorfall persönlich vor einer Kamera verurteilen, fordert Maya Graf, grüne Baselbieter Nationalrätin und zweite Präsidentin des Bundes der Frauenorganisationen, am Freitag öffentlich. Es reicht nicht, wenn der Verteidigungsminister sagt, er toleriere solches Verhalten nicht. Nein, er muss öffentlich Busse tun, sich Asche aufs Haupt streuen. Warum nicht gleich zur besten Sendezeit multimedial begleitet ein paar Hundert Meter durch den Schlamm robben?

Doch selbst mit einer öffentlichen Entschuldigung ist es für die Frauen- und Männerorganisationen nicht getan. Sie fordern zudem einen Kulturwandel in der Schweizer Armee. Wie für den ­Extremismus, so solle auch für den Sexismus eine Nulltoleranzstrategie gelten. Kathrin Bertschy, Berner GLP-Nationalrätin und Co-Präsidentin von Alliance F, beharrt daher auf der Sensibilisierungskampagne. In dieser Logik befindet sich der Sexist auf der selben Stufe wie etwa der Terrorist.

Bei dem fast schon heiligen Krieg gegen den Sexismus kann man von Glück reden, dass ­niemand filmte, als unlängst eine Kollegin beim Apéro nach zwei Gläsern Wein meinte, sie würde ihrem Mann die Hoden abschneiden, falls er fremd ginge. (Basler Zeitung)

Erstellt: 14.05.2017, 11:10 Uhr

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