Skandalöse Repression

Lex-Koller-Badran: Die urbane Schweiz macht die Alpenbewohner endgültig zu Untertanen.

Schauder und Freude. Städter wollen die Berge vor einer – ihrer Meinung nach – unkontrollierten Überbauung schützen.

Schauder und Freude. Städter wollen die Berge vor einer – ihrer Meinung nach – unkontrollierten Überbauung schützen. Bild: Keystone

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Während in allen Landesteilen der Schweiz seit Jahren wie verrückt gebaut wird, leiden die Bergkantone unter der Lex Koller, die von SP-Nationalrätin Jacqueline Badran auch noch verlängert wurde. Jetzt hat das Bundesgericht sogar entschieden, dass Ausländer, die in den Bergkantonen ihre Immobilie an andere Ausländer verkaufen wollen, dies auch nicht mehr dürfen. Das bedeutet mehrheitlich, dass sie billiger an Schweizer verkaufen müssen, die damit zu Objekten in den Bergen kommen, die sie sich sonst nicht leisten können.

Diese Repression der reichen Deutschschweizer gegen die arme Bergbevölkerung ist skandalös. Während nördlich des Gotthard und in der Westschweiz zwischen Lausanne und Genf seit Jahren um die Wette gebaut wird, dürfen die Bewohner der Schweizer Berge kaum noch bauen. Mit einem knappen Abstimmungsmehr von 26 000 Stimmen wurden im Jahr 2012 die Weichen falsch gestellt. Es liegt der Verdacht nahe, als wolle man einen angesehenen Teil des Schweizer Volkes aushungern.

Das «blaue» Gold

Es ist die urbane Bevölkerung der Schweiz, Banken- und Versicherungsangestellte, Angehörige der kreativen Berufe, Spital- und Hochschulmitarbeiter, Psychiater, Psychologen und Angestellte der staatlichen Verwaltungen, die aus den grossen Schweizer Städten heraus die Landschaft vor einer nach ihrer Auffassung wilden und unkontrollierten Überbauung schützen wollen. Was den Zürchern, Baslern und Genfern, aber auch den Bewohnern vieler kleiner Gemeinden, in Form von Verdichtung und Stress im Verkehr angetan wird, hat eine Bewegung ausgelöst, die derlei in den Schweizer Bergkantonen verhindern soll.

Die neue goldene Regel lautet: Mein Leben in den Städten und deren Agglomerationen ist ohnehin kaum erträglich, deshalb will ich Graubünden, Glarus, das Berner Oberland und den Kanton Wallis von solchen Fehlentwicklungen frei halten. Dieser repressive Ansatz einer Mehrheit von Kantonen und reichen Städten hat zur Folge, dass die Bevölkerung der Bergkantone jetzt und in Zukunft noch schneller schrumpfen wird, als dies heute schon der Fall ist. Nur noch in den städtischen Zentren wie Sion-Sierre, Visp und Brig, Altdorf und Glarus-Nord sowie dem Bündner Rheintal rund um Chur wird die Bergbevölkerung ein vielfältiges Auskommen finden. Diese regionale Vielfalt kann sich aber nicht messen mit derjenigen in den rot-grün regierten Städten des Landes.

Jean-Michel Cina, lange Zeit Walliser Regierungsrat und Wirtschaftsminister, hat es gesagt: «Gefördert werden im Wallis in Zukunft nur noch die grossen Stationen. Das sind Verbier und Zermatt, Crans Montana, Saas Fee und Leukerbad.» Diese strategische Schwäche der kantonalen Regierungen ist weit verbreitet. Auch in Graubünden und im Berner Oberland halten sich nur die grössten Stationen leidlich über Wasser; die Aussichten für mittlere und kleine Stationen werden laufend schlechter.

Den Bergkantonen fällt es schwer, ihre Anliegen in Bern durchzusetzen. Sie fallen im Baubereich zurück, haben kaum eigene innovative Firmen von nationaler Bedeutung und sehen sich jetzt auch der Forderung gegenüber, auf das «blaue Gold», den Wasserzins, teilweise verzichten zu müssen, um die Energiefirmen in der Deutschen Schweiz nicht über das Mögliche hinaus zu belasten.

Nicht zuletzt liegt dem eine personelle Schwäche zugrunde, die gerne als föderale Vielfalt interpretiert wird, aber in Wirklichkeit einen Mangel an hoch talentierten Persönlichkeiten bedeutet. Seit Generationen gilt: Wer es zu etwas bringen will, muss sein Tal oder seinen Berg verlassen. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Die beiden letzten Politiker aus den Bergen von nationaler Bedeutung waren der SP-Präsident Peter Bodenmann aus Brig und der Urner Franz Steinegger als Präsident der FDP Schweiz. Beide fanden keine kongenialen Nachfolger mehr. Ein Sonderfall war Adolf («Dölf») Ogi, ohne den es keinen Lötschberg-Basistunnel gegeben hätte, der aber auch die Schweizer Armee in den Dunstkreis der Nato einbrachte.

Der Untergang

Wo früher Viehzüchter und Wanderer die Bergwelt eroberten, werden heute Wolf, Bär und Adler («Kinderdieb») angesiedelt. Die Unterländer («Jö») haben ihren Schauder und ihre Freude daran.

Der im Gang befindliche, bewusst herbeigeführte Untergang einer lebendigen Kultur der Alpenbevölkerung hat einerseits eine museale und andererseits eine offensiv touristische Anpassung zur Folge. Ein gutes Beispiel dafür ist die Gemeinde Zermatt, heute die global wichtigste Attraktion im Alpengebiet. Die Flanken des Matterhorns («Horu») und seiner benachbarten Berge sind übersät von Beizen, die nur deshalb noch als authentisch gelten, weil in Verbier und Davos der Verfallsprozess schon weiter vorangeschritten ist. Im Schloss von Leuk über der Rhône-Ebene, vor Napoléon I. die Herrschaft der Oberwalliser über die Unterwalliser symbolisierend, werden heute Operetten aufgeführt.

Die Schweizer Bergbevölkerung, ohne Medien von nationaler Bedeutung, um damit ausserhalb ihrer Kantone Einfluss zu nehmen, ist auf den guten Willen vor allem der Deutschschweizer angewiesen. Diese bestimmen als Politiker, Touristen und Investoren, was in der heilen Welt der Alpen als richtig zu gelten hat. In den Gassen der Dörfer leben noch die alten Geister, aber ihr Einfluss wird mit der jetzigen Generation endgültig verschwinden.

Kurt Gloor, der legendäre Schweizer Filmer aus der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, hat in seinen Filmen und Schriften die «Landschaftsgärtner», wie sie heute von der Berner Landwirtschaftspolitik gefordert und gefördert werden, lange im Voraus kommen sehen. Weil man derlei Visionäre nicht fördern wollte, beging er vorzeitig Selbstmord.

Die Urbanen der Deutschschweiz haben sich die Alpen samt Bewohnern untertan gemacht. Mit dem Samthandschuh des Nationalen Finanzausgleichs und anderen Hilfszahlungen des Bundes wie der Nationalbank werden die Regierungen der Alpenkantone zu Verbündeten der Üsserschwizer gemacht, ihre eigenen Bürger langsam domestizierend. Auch die Sozialdemokraten, wie das Beispiel von Jacqueline Badran zeigt, machen darin keinen Unterschied. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.07.2017, 07:25 Uhr

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