Zumindest mit dem sportlichen Verdikt waren am Ende auch die Mailänder zufrieden. Weil Marseille zuhause gegen Real Madrid 1:3 verlor, stolperten sie doch noch in die Achtelfinals. Sie holten die nötigen Punkte in den Direktbegegnungen gegen die Grossen der Gruppe, Real und Marseille. Dass sie gegen den FCZ bloss einen Punkt gewannen, war aus ihrer Sicht am Ende bloss ein Unfall ohne gravierende Folgen.
Nach einer halben Stunde waren sie bei Milan aber doch nervös geworden. Milan Gajic trat aus rund 25 Metern einen wunderbaren Freistoss zum 1:0 ins Tor. Es war der Treffer, der im nicht ganz ausverkauften Letzigrund die letzten Jubelstürme des Jahres auslöste. Und es war das Tor, das die AC Milanan den Rand eines peinlichen Ausscheidens in der Vorrunde drängte. Das Zwischenresultat aus Marseille hielt Milan zwar noch im Rennen, aber die genügsame Startruppe war nun gefordert.
Regel-Ärgernis für den FCZ
Nur, sie war nicht fähig, den Schalter umzukippen. Es brauchte die Szene in der 65. Minute, um den Schaden in Grenzen zu halten und wenigstens zum Ausgleich zu kommen. Alain Rochat verursachte mit seinem ungeschickten Einsteigen gegen Marco Borriello den Penalty, den Ronaldinho zum 1:1 verwandelte. Rochat (und der FCZ) wurden mit der roten Karte doppelt bestraft. So will es die Regel. Das war für den FCZ ärgerlich, doch der portugiesische Schiedsrichter Proença handelte korrekt.
Die Mailänder brauchten an diesem Abend diese glückhafte Szene, um die Kontrolle über Spiel und Gegner zu gewinnen. Der FCZ konnte erst jetzt, zu diesem überraschend späten Zeitpunkt, keine Akzente mehr setzen. Deutlich dominiert wurde er aber auch in der Schlussphase nicht mehr. Milan blieb bis zum Ende schwach und war mit Blick auf Marseille auch nicht mehr gezwungen, den Sieg um alles in der Welt anzustreben.
Mehr Zähler als GC oder der FCB
So war es am Ende ein guter Abschluss für den FCZ. In den beiden Spielen gegen Milan hat er aufgezeigt, dass einiges möglich sein könnte, sofern jeder bereit ist, seine Leistungsgrenzen zu kitzeln. Er nahm dem siebenfachen Champions-League-Sieger fünf Punkte ab. Und der scheidet mit vier Punkten aus der Königsklasse aus. Das sind zumindst mehr Zähler, als sie der Stadtrivale GC 1995 bei seiner Premiere realisiert hatte (2). Und es ist auch die bessere Ausbeute, als sie der FC Basel vor Jahresfrist machte (1).
Am Ende erhoben sich die Fans auf den Tribünen. Sie hatten noch einmal Freude an ihrem Team. Sie durften von Beginn weg zufrieden feststellen, dass der FCZ nicht gewillt war, der Mailänder Prominenz auf ihrem Weg in die Achtelfinals bloss Spalier zu stehen. Für den Schweizer Meister ging es sportlich um nichts, aber er ging engagierter ans Werk als der Gegner.
Starker Milan Gajic
Die Zürcher hatten versprochen, sich anständig von den Fans und vom Meisterjahr 2009 zu verabschieden. Sie hielten Wort. Angetrieben von einer starken Mittelfeldreihe mit Milan Gajic, Silvan Aegerter und Tico war es der FCZ, der den Rhythmus vorgab. Es zeigte sich, dass Coach Bernard Challandes die richtigen Entscheide gefällt hatte. Ohne den formschwachen Xavier Margairaz (Ersatz) war das Zürcher Ensemble kampf- und laufstark. Es zeigte Tugenden, welche den Mailänder Künstlern nicht behagte.
Während die Rossoneri sich früh auf gegenseitige Schuldzuweisung und Lamentieren beschränkten, füllten die Zürcher die Hauptrolle im Unterhaltungsprogramm aus. Schon nach zehn Minuten kam Adrian Nikci, der in der Offensive den Platz von Margairaz einnahm, einem Treffer nahe. Eine Viertelstunde später hatte Alexandre Alphonse innerhalb weniger Sekunden zweimal die Führung auf dem Fuss. Vor allem sein Abschluss nach langem Lauf alleine auf das Tor war aber kläglich. Kurz darauf fiel das 1:0 doch noch als verdienter Lohn für die beste Halbzeit des FCZ in den drei Champions-League- Heimspielen.
Seedorf verlor die Lust am Spiel
Der Auftritt der Mailänder war derweil ganz und gar kläglich. Die Offensive, die in den letzten Wochen «Calcio-Spettacolo» zelebrierte, war auf dem Letzigrund nicht präsent. Sie verstrickte sich zu oft in ineffizienten Selbstversuchen. Der brasilianische Jungstar Pato, in der Serie A mit sieben Treffern Milans zuverlässigster Angestellter in der Offensive, verlor gegen Alain Rochat fast jedes Duell.
Clarence Seedorf, das Metronom in der Zone zwischen Mittelfeld und Sturm, wurde von Aegerter und Tico derart bearbeitet, das er früh die Lust am Spiel verlor. Das grösste Manko der Angreifer war indes, dass sie die Defensive in keiner Weise unterstützten. Die Mailänder waren daher in der eigenen gefährlichen Zone permanent in Unterzahl. Diese defensiven Probleme sind bei Milan längst bekannt. In Zürich richteten sie indes keinen Schaden an.