«Irgendwie», sagte der Mann, und es klang so mitfühlend wie möglich, «irgendwie könnte es schwierig werden für euch.» Die Worte in gebrochenem Deutsch kamen vom Busfahrer, der die Super-VIPs des FC Zürichvom Madrider Flughafen Barajas zum Hotel Angel Martin chauffierte, und die Edelfans quittierten sie amüsiert mit lautem Gelächter. Und vielleicht war das ja besonders treffend und hilft den Zürchern in diesem Herbst der Malaise und des Jammers nur noch Galgenhumor.
Aber der FCZ ist nicht in die wohlige Wärme des sonnendurchfluteten Madrid gereist, um bloss der Tristesse in der Schweiz zu entfliehen - obwohl Trainer Bernard Challandesden Trip in den Süden als «sehr schöne Ablenkung» zum Alltag betrachtet. Das fünfte Champions-League-Gruppenspiel heute Abend ist vor allem ein Wettkampfspiel, und ja: Es geht noch um etwas. Mit einem Sieg gegen Real Madrid wahrt Zürich die Chancen aufs Weiterkommen oder wenigstens aufs Überwintern im Europacup. Dass die Ausgangslage so ist, hat der FCZ der 1:0-Auswärtssensation bei Milan zu verdanken. Bei jenem Milan, das - Achtung, Milchbuch! - in Madrid 3:2 gewann.
Zu viele Blackouts
Zugegeben: Es ist ein Strohhalm. In Wahrheit trennen Real und den FCZ Welten. Auf der einen Seite der neunfache Champions-League-Sieger, der erfolgreichste Fussballklub der Welt, der in dieser Saison alle sechs Meisterschaftsheimspiele mit der eindrücklichen Bilanz von 18:4 Toren gewann und dem Superclasico am kommenden Wochenende gegen den FC Barcelona entgegenfiebert. Auf der andern der Champions-League-Debütant aus der Schweiz, der im Hinspiel 2:5 verlor und bei seinem letzten Gastspiel im Estadio Santiago Bernabéu 0:6 untergegangen war (was allerdings über 43 Jahre zurückliegt). Dessen Leistungsausweis sich in dieser Saison so trist liest wie seit Jahren nicht: in 16 Ligaspielen 29 Tore geschossen und 28 kassiert. Seltener hatte der FCZ letztmals vor fünf Jahren getroffen, häufiger war er nicht einmal 2003 bezwungen worden - als die Mannschaft auf dem letzten Platz lag.
«Als Abwehrchef kann ich damit nicht zufrieden sein», sagt Captain Hannu Tihinenund kritisiert vor allem «die vielen Blackouts», von denen es auch zuletzt im Schweizer Cup gegen Basel (2:4) einige gab. Einmal während 90 Minuten überzeugen, das sei das Ziel, ergänzt Tihinen. «Denn zu oft spielten wir nur 60, 70 oder 80 Minuten gut und kassierten dann noch Tore.» Was Torhüter Johnny Leoni in zweierlei Dingen begründet sieht. Erstens in der «fehlenden Effizienz» im Angriff, zweitens in der Defensivleistung, «über die man auch nachdenken muss».
Keine Furcht vor Ronaldo
Kurzum: Der Meister geht an Krücken - wie der nach Madrid mitgereiste Stürmer Eric Hassli nach seinem Schienbeinbruch. Man müsste wohl Schlimmes erahnen vor dem heutigen Spiel, in dem zu allem (und zu Leonis) Überdruss auch noch Cristiano Ronaldo das Comeback geben wird. Tut man aber nicht: Trainer Challandes stürzt sich unbeirrt in die Aufgabe, «weil Angst uns nicht weiter bringt». Er hat auch vor Ronaldo keine spezielle Furcht, schliesslich «hat Real genug andere sehr gute Spieler». Trotzdem glaubt der Trainer an die «grossartige Chance auf eine grossartige Leistung». Er wisse zwar um die Probleme seiner Mannschaft. «Aber man darf die Champions Leaguenicht mit der Meisterschaft vergleichen», fordert der Westschweizer. «Wir haben die Qualität für ein positives Resultat», beteuert Tihinen. Dem FCZ-Spiel gut tun dürfte die schnelle Genesung von Johan Vonlanthen nach seinem Muskelfaserriss.