Zwiespalt herrschte spät am Mittwochabend, und der war auch am Tag darauf nicht verflogen. 0:1 hatte der FC Zürichbei Real Madrid verloren, und Präsident Ancillo Canepa war allein darüber froh, «dass uns Real nicht die Hosen runtergelassen hat».
Das nämlich, eine neuerliche Kanterniederlage und «Demütigung» (Trainer Bernard Challandes), hätte niemanden überrascht in einer Phase, in der dem Schweizer Meister eigentlich alles misslingt. Er in einer Krise steckt, in der, so erkannte es Challandes, «die Mannschaft auseinanderzufallen droht». Was aber zu verständlich sei, denn: «Bei Misserfolg sucht jeder einen Schuldigen.»
Glauben, Mut, Vertrauen fehlten
Unter diesen Umständen konnte sich die Leistung vor 75 000 Zuschauern im imposanten Estadio Santiago Bernabéu sehen lassen. «Defensiv standen wir gut», argumentierte Captain Hannu Tihinen, und mit etwas Glück blieb das 1:0 durch Gonzalo Higuain aus der 21. Minute als einziger Treffer stehen.
«Aber», fügt Tihinen an, «offensiv fehlten uns Glauben, Mut und Vertrauen.» Das klang ähnlich wie die Analyse seines Trainers, wobei der den Fokus angesichts der ausgebliebenen Torchancen anders legte: Dass sein Team im Angriff zu wenig entschlossen aufgetreten sei, sei eine Frage der Qualität, der Geduld und des Vertrauens ins eigene Können. «Und wir waren zu hektisch», sagt Challandes - sein Team habe zu viele Bälle ziemlich leichtfertig verloren. Es kam zu keinen Torchancen.
Trotzdem mochte sich Challandes nicht als gänzlich unzufrieden darstellen lassen. Ansatzweise, fand er, sei der Auftritt positiv gewesen. Die Abwehrarbeit beispielsweise hatte ihm gefallen, «weil wir mit viel Solidarität verteidigten». Und: «Was Engagement, Einsatz, Wille und Mannschaftsgeist angeht, kann ich der Mannschaft keinen Vorwurf machen.» Präsident Canepa indessen hätte sich «etwas mehr Mut und Risiko» gewünscht, als sich Zürich in der Schlussphase zu öffnen begann, etwas mehr Raum fand, «da fehlte die letzte Konsequenz». Für ihn ist das Prestige der Champions Leaguemit nichts zu vergleichen, entsprechend desillusioniert war er nach der vierten Niederlage im fünften Spiel. Challandes kontert: «Hätten wir uns noch mehr geöffnet, hätte uns Real noch überrannt.» Gut sichtbar, dass die Madrilenen mit der Führung im Rücken vier Tage vor dem Derby gegen den FC Barcelona den Schongang wählten.
Siegen für den Frühling
Für den FCZ kehrt der Alltag mit dem grösstmöglichen Kontrast zu Real Madrid zurück: Er empfängt am Sonntag den Tabellenletzten Aarau. Drei der bisherigen vier Meisterschaftsspiele unmittelbar nach einem Auftritt in der Champions League hat der FCZ verloren - in Bern (0:3), in Bellinzona (2:3), in Luzern (0:1). Nun fordert Challandes: «Gegen Aarau müssen wir anders spielen als in Madrid.» Vor allem: auch offensiv in Erscheinung treten. Diesmal sei der FCZ der Favorit, glaubt Challandes, und Hannu Tihinen ahnt: «Es dürfte genau umgekehrt sein wie in Madrid. Gegen Aarau sind wir Real.»
Aber Challandes hat im Bernabéu erkannt, «dass die Mannschaft wieder eine Mannschaft ist», sie als Einheit lebt. Denn nur wer zusammenspanne, könne mit Real Schritt halten. Einigermassen wenigstens, so wie das passiert ist. «Diesen Mannschaftsgeist müssen wir gegen Aarau zeigen», fordert Challandes - ohne diesen werde es dagegen selbst gegen die Aargauer eng. Am 8. Dezember geht die Europacupsaison für den FCZ mit dem Heimspiel gegen Milan zu Ende, in der Super League andererseits ist es höchste Zeit, wieder auf die Beine zu kommen.
Und viele weitere Punktverluste kann sich Zürich nicht mehr leisten, will es, wie Challandes sagt, «im Frühling noch einmal angreifen können». Vor der Winterpause folgt dem Heimspiel gegen Aarau eine Woche später das Derby gegen GC. Für den FCZ geht es dabei nicht bloss um die Nummer 1 in der Stadt. Vielmehr ringt er um einen Frühling mit Ambitionen. (Tages-Anzeiger)