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«Wettbetrüger versuchen 16-Jährige zu manipulieren»

Interview: Stephan Roth. Aktualisiert am 25.11.2009

Der kanadische Enthüllungsautor Declan Hill beschrieb in seinem Buch «Sichere Siege» schon 2008 die Machenschaften der Wettmafia. Damals glaubten ihm viele noch nicht.

Der Autor: Der kanadische Wettbetrugs-Experte Declan Hill.

Der Autor: Der kanadische Wettbetrugs-Experte Declan Hill.

Das Buch: «Sichere Siege», von Declan Hill, erschienen 2008 bei Kiepenheuer & Witsch.

Das Buch: «Sichere Siege», von Declan Hill, erschienen 2008 bei Kiepenheuer & Witsch.

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Herr Hill, Sie müssen als Autor eines Enthüllungsbuchs über manipulierte Spiele derzeit ein sehr gefragter Mann sein?
Ja, ich werde seit Donnerstag, als der grosse Wettskandal publik wurde, für viele Interviews angefragt.

Das war davor nicht der Fall?
Als mein Buch «Sichere Siege» 2008 herauskam, hatte ich auch viel Publicity. Doch die Leute sagten damals: Das kann nicht sein, Declan Hill hat alles aufgebauscht. Dabei habe ich das Buch sehr vorsichtig geschrieben und die Dimension eher unterschätzt. Doch die Staatsanwaltschaft in Bochum hat mein Buch gelesen und ihre Arbeit dann aufgenommen. Und mit dem Abhören von Telefonaten Erfolge erzielt.

Für Sie kann der jüngste Wettskandal keine Überraschung sein.
Nein, überhaupt nicht. Es musste etwas getan werden, die Situation geriet ausser Kontrolle. Asiatische Wettbetrüger versuchen schon 16-Jährige zu manipulieren und arbeiten sich dann bis zur WM hoch. 2008 wurden Junioren bei einem U-17-Turnier in Dänemark angesprochen. Es gibt Leute, die sagen: «Ach, es sind ja nur Spiele auf Junioren- und Amateur-Level oder in tieferen Ligen.» Meine Reaktion ist: «Was? Die korrumpieren schon Kinder!»

Sind dann die Topligen und die Champions League tatsächlich sauber?
Wo kommen die Spieler her, die auf höchstem Niveau spielen? Die haben davor alle bei kleinen Vereinen oder in Juniorenmannschaften gespielt. Wer im Alter von 16 oder 17 korrumpiert ist, bleibt es sein Leben lang. Das ist so wie bei der Jungfräulichkeit.

Das heisst, dass diese korrumpierten Spieler früher oder später in den Top-Ligen spielen.
Richtig. Da die Spieler in den grossen Ligen hohe Löhne haben, waren bisher vor allem die Schwächeren anfällig für Manipulationen. In der italienischen Serie A wurde in grossem Stil manipuliert und in der englischen Premier League gab nur es vereinzelte Fälle.

Für die Wettmafia gibt es eigentlich keinen Unterschied zwischen einem Spiel in der höchsten oder einer kleineren Liga. Die Quoten sind ungefähr gleich gross. Das würde heissen, dass die Top-Ligen und die Champions League gar nicht unbedingt gebraucht werden.
Nein. Wenn Sie manipulieren, gibt es zwei Komponenten. Erstens die Spieler und die Partien. Und zweitens der Markt. Auf ein Spiel der Schweizer Challenge League werden in Asien normalerweise auch nur ein paar 1000 Euro gesetzt. Da fällt es auf, wenn man hohe Beträge setzt. Bei den grossen Spielen ist das Wettaufkommen aber enorm. Es ist einfacher, bei grossen Spielen zu betrügen.

Jetzt hat die Bochumer Staatsanwaltschaft 200 manipulierte Spiele aufgedeckt. Ist das nur die Spitze des Eisbergs?
Ich will nicht übertreiben. Die grosse Mehrheit der Fussballer sind ehrlich. Aber wenn Sie mich fragen, ob es noch mehr manipulierte Spiele gab, antworte ich: Ja. Im Bochumer Fall ist nur von neun Ländern die Rede. Von Polen zum Beispiel wird nicht einmal gesprochen. Es gibt bei diesen Skandalen zwei Stufen: Zuerst werden sie abgestritten, dann kommt die Resignation und man sagt: «Es sind ja nur Spiele in kleinen Ligen.» Ich sage: «Stopp! Wir können dagegen ankämpfen!»

Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, das Problem in den Griff zu bekommen?
Da gibt viele Wege. Es gibt zwei Skandale: Die Manipulation und dass keiner, oder nein, fast keiner, etwas dagegen unternimmt. Die Leute bei der Uefa haben jetzt viel getan. Sie haben mich in die Schweiz eingeladen und mir zugehört. Dann haben sie eine «Integrity Unit» mit Fachleuten gebildet, die das Wettproblem anpackt. Solche Sonderkommissionen müsste jeder nationale Verband einrichten. Ausserdem müssen die jungen Spieler geschult werden. Prävention ist wichtig. Mir hat einmal ein ehemaliger Wettbetrüger erklärt: «Wenn sie dir nur schon einen Euro geben, bist du ihr Sklave für dein ganzes Leben.» So etwas müssen die jungen Spielern wissen.

Was bringt das Frühwarnsystem der Wettfirmen?
Es ist fast nutzlos, aber wenigstens ein erster Schritt. Bei grossen Spielen oder einer WM werden so viele Wetten abgeschlossen, dass ein erhöhtes Wettaufkommen kaum erkannt werden kann. Früher dachte man, dass bei einer Manipulation eine kleine Mannschaft eine grosse schlägt. Doch es läuft in der Regel subtiler. Es wird die Höhe einer Niederlage, zum Beispiel mit mehr als drei Toren Differenz, eines schwächeren Teams festgelegt. Das fällt kaum auf. Die meisten Wettbetrüger sind nicht dumm.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.11.2009, 08:35 Uhr

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