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Wettskandal im Fussball: Sie nannten ihn Navigator
Von Dario Venutti. Aktualisiert am 27.11.2009
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Vor dem Café King in Berlin-Charlottenburg machen Reisebusse Halt, als handle es sich um eine Sehenswürdigkeit wie das Brandenburger Tor. Das Gebäude ist schmucklos, das Innere des Lokals in eintönigen Farben gehalten. Doch vor dem Café King lässt sich Touristen Kriminalgeschichte erzählen.
Dort fädelte Ante Sapina ein, was 2005 als grosser Betrugsskandal im deutschen Fussball aufflog: Er bestach unter anderen den Schiedsrichter Robert Hoyzer mit 50'000 Euro, damit dieser mehrmals so pfiff, wie Sapina gewettet hatte. Der Inhaber des Lokals, sein Bruder Milan, freut sich über das Interesse der Touristen. Den zweifelhaften Ruf der Gaststätte hat er zu ihrem Markenzeichen gemacht: «Sie stehen davor und denken: Ach, sieh mal einer an, das ist also das berühmte Café King! Treten Sie doch bitte ein», heisst es auf der Homepage des Lokals.
Die Bochumer Staatsanwaltschaft vermutet, dass Ante Sapina auch im aktuellen Wettskandal vom Café King aus die Fäden zog. Sie setzte Sapina zusammen mit 16 anderen Personen, die meisten aus dem Ruhrgebiet, vor einer Woche in Untersuchungshaft. Die Ermittler gehen von einer «international agierenden Bande» aus, «der fortgesetzte, gewerbsmässige Wettbetrügereien zur Last gelegt werden». Ein Türke namens Deniz C. und eben Ante Sapina sollen die Anführer sein.
100'000 Euro für 0:1 zur Pause
Über die Methoden der Betrüger schweigt sich die Staatsanwaltschaft aus taktischen Gründen aus. Der Zwischenbericht der Uefa vom Mittwoch lässt immerhin erkennen, das die Spuren nach Osteuropa und in die Länder des ehemaligen Jugoslawien führen. Für den Journalisten Jasmin Ligata, der für «Oslobodjenje» aus Sarajevo schon manchen Wettbetrug aufgedeckt hat, kam die Meldung von Sapinas Verhaftung nicht überraschend. Gemäss seinen Recherchen versuchen in der Regel Mittelsmänner aus Deutschland, Spiele in Kroatien und Bosnien-Herzegowina zu manipulieren. Die Mittelsmänner sind Emigranten aus Ex-Jugoslawien, die in Deutschland leben. «Sie verfügen über mehr Geld als die Einheimischen, und sie schaffen Vertrauen, weil sie Landsleute sind», sagt Ligata.
Aufgefallen ist ihm das Muster vor vier Jahren, als ein Serbe aus Berlin dem Trainer von Zeljeznicar Sarajevo 100'000 Euro bot. Der Trainer sollte dafür sorgen, dass seine Mannschaft im Rückspiel zur Champions-League-Qualifikation gegen ein Team aus Malta zur Pause 0:1 in Rückstand liegt und am Ende gewinnt. Der Betrugsversuch flog auf, weil der Trainer das Angebot ablehnte und damit an die Öffentlichkeit ging. Im Fall des NK Travnik, der das Trainingslager in der Schweiz diesen Sommer wahrscheinlich mit fünf manipulierten Testspielen finanzierte, war der mutmassliche Mittelsmann ein in Deutschland lebender Kroate, den die Staatsanwaltschaft Bochum ebenfalls verhaftet hat.
Ob hinter diesen Mittelsmännern Ante Sapina steht, ist Spekulation. Der Journalist Ligata ist überzeugt, dass er sich sicher im Hintergrund gehalten hat. Nach dem Betrugsfall um Schiedsrichter Hoyzer, den Sapina praktisch allein eingefädelt hatte, konnte er es sich nicht mehr leisten, nach aussen in Erscheinung zu treten: Er war bei Funktionären, Spielern und Schiedsrichtern zu bekannt.
Ein Leben mit Wetten
Der 33-jährige Sapina hat sein halbes Leben mit Wetten verbracht. Mit 19 Jahren entdeckte er, dass «Fussballspiele mehr Spass machen, wenn man auf sie wettet», wie er im Prozess gegen ihn und Schiedsrichter Hoyzer sagte. Den Durchbruch erzielte er 1999, als er zu Saisonbeginn 50'000 Mark auf Bayern München als deutschen Meister wettete. In einem dramatischen Finale, in dem Unterhaching am letzten Spieltag Bayer Leverkusen den schon sicher geglaubten Titel vermasselte, ging die Langzeitwette auf: Sapina war um 100'000 Mark reicher. «Das war ein Wink des Schicksals», sagte er. Schnell gewöhnte er sich an gigantische Summen: Sapina investierte monatlich 40 000 Euro - Geld, das er je nach Schicksal vervielfachte oder verlor.
Irgendwann machte das Wetten allein nicht mehr Spass. Sapina wollte nicht nur gewinnen, sondern auch die Resultate bestimmen. Im Café King lernte er wettsüchtige Fussballer und Schiedsrichter wie Hoyzer kennen, die ihn Navigator nannten. Sie zu überzeugen, Spiele gegen Entgelt zu manipulieren, war nicht schwierig. «Man muss einen Frosch auch nicht überreden, ins Wasser zu springen», zitierte Sapina ein kroatisches Sprichwort. Als sein Betrug aufflog, hatte er rund zwei Millionen Euro auf verschiedenen Konti. Sapina wurde zu zwei Jahren und elf Monaten Gefängnis verurteilt.
Im Sommer 2008 kam er frühzeitig aus der Haft. Bei einem medienwirksamen Auftritt gelobte er, ein neues Leben zu beginnen. «Wir wetten mit Ihnen, dass Sie wieder kommen», steht auf der Homepage des Café King. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.11.2009, 09:08 Uhr
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