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Warum ist Bolt so überlegen?

Von Christian Brüngger, Berlin. Aktualisiert am 18.08.2009 27 Kommentare

Der Jamaicaner war bei seinem 100-m-Weltrekord von 9,58 nicht einfach schneller als seine Konkurrenten. Er demütigte sie. Wie kann das gehen?

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Usain Bolt, der schnellste Mann der Welt, nimmt am Handy lachend Glückwünsche entgegen.
Bild: Keystone

   

Usain Bolt ist ein Provokateur. Mitternacht war nach seinem Sturmlauf an der WM in Berlin fast erreicht, als er im vollen Pressekonferenz-Zelt mitteilte: «Ich bin nicht in der Form von Peking.» Seine Aussage war reines Kokettieren, hatte der Weltrekordhalter seine 9,69 Sekunden von 2008 doch gleich um 11 Hundertstel unterboten. Vertraut man zudem den Abschnittszeiten, die es seit gestern von Berlin dank eines deutschen Forscherteams in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Leichtathletik-Weltverband gibt, ist die Aussage auch statistisch falsch. Bolt war an der WM auf den ersten 60 m, und bevor er in Peking auszulaufen begonnen hatte, gleich schnell unterwegs wie an den Spielen - und hatte in Berlin dazu die bessere Startreaktion.

An Jesse Owens, der vor 73 Jahren in Berlin am selben Ort die Nazi-Spiele geprägt hatte, wurde er zum Abschluss erinnert und gefragt, was er auf einer Aschenbahn wie einst wohl laufen könnte. Bolt verstand erst gar nicht. Von Aschenbahnen schien er noch nie gehört zu haben. «Sie meinen so richtig Old School?», fragte er nach, «also eine Piste mit kleinen Steinen drin und so? Das wäre aber hart», urteilte er und offenbarte, was er bei einem Trainingsbesuch im April schon zu Hause in Kingston gesagt hatte: Für die Geschichte der Leichtathletik interessiere er sich nicht besonders. Einen der vordersten Plätze darin hat der 22-Jährige trotzdem schon sicher. Die zwei drängendsten Fragen aber wurden dem Jamaicaner nicht gestellt: Warum er so viel schneller ist als seine Konkurrenten, und was sein Leistungszenit ist. Darauf sechs Erklärungsansätze:

Das Selbstvertrauen

Seine Konkurrenten können vor dem Rennen so viel herumkasperln, wie sie wollen, im Rennen stiehlt keiner Bolt die Show. Denn er ist selbst bei einem schwachen Start unschlagbar. Dieses Wissen generiert ein Urvertrauen in die eigenen Fähigkeiten und reduziert den Siegesdruck. Dass er die schnellen Erfolge bisher spielerisch verkraftete, ist eine zweite Stärke.

Das Umfeld

Bolt ist umsichtig aufgebaut worden. Bereits zu seiner Teenagerzeit wurde dem schwächelnden Schüler mit Norman Peart ein Mentor zur Seite gestellt. Als Bolt im Herbst 2003 sein Elternhaus rund drei Autofahrstunden von Kingston entfernt verliess und in die Hauptstadt zog, begleitete Peart das Sprinttalent. Es war zu diesem Zeitpunkt bereits Junioren-Weltmeister und von Puma gesponsert. Peart, Steuerrevisor von Beruf, lebte mit Bolt in einem Apartment, sorgte für Nachhilfestunden und elterliche Leitplanken. Noch heute verwaltet er dessen Geld. Bolts Coach Glen Mills wiederum, von dem er seit Herbst 2004 trainiert wird, übernimmt die sportlichen Pflichten. Mills ist in Jamaica eine der grossen Leichtathletik-Autoritäten und sorgte nach vielen PR- und Sponsoring-Auftritten des dreifachen Olympiasiegers dafür, dass sein Schützling im Winter wieder seriös zu arbeiten begann. Die Rollen sind in Bolts Team deshalb klar verteilt. Er muss, vereinfacht formuliert, einzig schnell sprinten. Um den Rest kümmert sich sein Umfeld.

Das Doping

Dominiert einer wie Bolt seine Konkurrenten auf diese spielerische Art, werden seine Leistungen noch auffälliger. Zumal die Geschichte des Sprints auch eine des Dopings ist. Bei vier der vergangenen sechs Weltmeisterschaften müssten die Top 3 über 100 m mit einem Stern versehen sein. Mindestens einem dieser Athleten wurde jeweils im Verlauf seiner Karriere eine illegale Substanz nachgewiesen. Ein jamaicanischer Sprinter von Weltklasseformat wurde allerdings noch nie positiv getestet. Bolts Trainer behauptet darum auch, sein Land kenne keine Dopingkultur. Irritationen aber bleiben: Fünf Jamaicaner, darunter zwei Trainingskollegen von Bolt, waren diesen Sommer positiv auf ein Stimulans getestet worden, ohne bisher gesperrt worden zu sein.

Das Training

Bolt befindet sich erst in seiner zweiten Saison als 100-m-Läufer und ist damit noch immer ein Lehrling der Königsdistanz. Aufgrund seiner Körpergrösse von 1,96 m ist der ehemalige 200-m-Spezialist besonders in der Start- und Beschleunigungsphase benachteiligt. Daran hat er intensiv gearbeitet. Die Abschnittszeiten von Berlin belegen dies: Er war trotz drittschwächster Reaktionszeit schon nach 20 m der Schnellste.

Das Talent

Seit Bolt sprintet, ist er schneller als seine Mitstreiter. «Ich kenne nichts anderes», sagt er. Dank seines immensen Talents war er bereits mit 15 Jahren Juniorenweltmeister über 200 m. Drei Jahre später lief er die halbe Stadionrunde erstmals unter 20 Sekunden. Keiner war in diesem Alter besser.

Die Prognosen

Die Wissenschaft hat sich ausgiebig mit der Frage beschäftigt, wo die Grenzen über die 100 m liegen. Doch wie schwierig solche Aussagen sind, belegt eine französische Studie vom Biomedizinischen und Epidemiologischen Institut in Paris: Dieses hatte im Winter 2008 behauptet, nach 9,726 sei Schluss. Bolt lief schon Ende Mai in New York 9,72. Aufgrund des speziellen Rennverlaufs von Peking berechneten norwegische Forscher dessen virtuelle Endzeit ohne Auslaufen. Sie kamen auf 9,55. Nun zeigt sich anhand der Abschnittszeiten von Berlin jedoch, dass Bolt nach 60 m - damals hatte er in Peking noch nicht zu jubeln begonnen - bereits um zwei Hundertstel schneller war. Was Bolt selber für möglich hält? 9,50. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.08.2009, 11:03 Uhr

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27 Kommentare

heinz schild

17.08.2009, 16:42 Uhr
Melden

Vor fünfzig Jahren hielt man eine 100-m-Zeit unter 9,9 Sekunden (elektr. 9,76) für unmöglich, genau gleich wie einen Marathon-WR unter der 2:08:00-Grenze (Rekord von 1959: 2:15:18). Heutiger WR: 2:03:59. Usein Bolt misst 1.96 m und vor allem: Er läuft einen ganz anderen Stil als die bulligen Vorgänger. Bolt sprintet im Stile eines Mittelstreckenlers, gekoppelt mit einer unglaublichen Schnellkraft. Antworten


Marcos Gomez

17.08.2009, 16:12 Uhr
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Richtig M. Mayer, zum Glück gibts Doping. Es tröstet die vielen Verlierertypen und bewahrt sie davon, vor lauter Neid zu platzen. Wer nicht an die Trauben herankann sagt, sie seien sauer. Antworten



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