15 Tage für frivoles Fabulieren

Die Transfersperre gegen Madrids Fussballvereine nährt Träume und Spekulationen. Und alle schauen auf Cristiano Ronaldo.

Er ist der Dominostein, der eine Kettenreaktion auslösen könnte: Cristiano Ronaldo. Bild: Keystone

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Man könnte meinen, alle Naturgewalten wären los. Plötzlich entfesselt. Die spanischen Zeitungen schreiben von einem Erdbeben, von einem Tsunami auch. Keine Metapher scheint je zu gross zu sein, wenn es um das Schicksal der beiden Vereine aus Madrid geht, aus der gar nicht so heimlichen Welthauptstadt des Fussballs - um Real und Atlético also. Das ist immer so, auch an ruhigen Tagen.

Doch nun kündigen sich frenetische Tage an. Tage für frivole Thesen und abenteuerliche Spekulationen. Tage, wie sie die vier Sportzeitungen und vielen Sportradios im Land lieben. Tage, an denen in aller Ernsthaftigkeit auch bodenlos fabuliert werden darf. 15 solcher Tage. Bis zum 31. Januar, 24 Uhr. Dann schliesst das Zeitfenster des winterlichen Transfermarktes, des Mercado de invierno. Es kann durchaus sein, dass die allerletzten Minuten vor Mitternacht noch einige Kapriolen bringen werden. Dann aber ist Schluss, für ziemlich lange, für eine halbe Ewigkeit.

Wenn alles dabei bleibt, wie es die Fifa beschlossen hat, werden Real und Atlético danach also für eineinhalb Jahre keine neuen Spieler mehr engagieren dürfen - weder im Sommermarkt 2016, noch im Wintermarkt 2017. Jedenfalls keine, die dann auch sofort spielen dürften. Mit der Transfersperre bezahlen die beiden Vereine dafür, dass sie in den vergangenen Jahren gegen die Regeln des Weltverbands verstossen haben, indem sie minderjährige Fussballer aus dem Ausland unter Vertrag nahmen. Offenbar waren auch Kinder dabei, die keine der gängigen Ausnahmekriterien erfüllten. Das ist keine schöne Geschichte. Die Gier in diesem Geschäft, von den Vereinen und zuweilen auch von den Vätern, verdrängt die Interessen des Kindes, das Recht auf ein behütetes, kindliches Heranwachsen. Real und Atlético wehren sich natürlich gegen die Vorwürfe und beschwören ihre hohen moralischen Standards im Umgang mit dem Nachwuchs. Die Fifa sieht es anders. Und obschon sie in ethischen Belangen ja nicht gerade eine Referenz ist, hat sie doch das Sagen.

Eine kleine Hoffnung bleibt den Madrilenen noch, genährt aus der Erfahrung des FC Barcelona, der seine Sperre in identischer Angelegenheit und selbiger Länge eben erst abgebüsst hat. Barça konnte nämlich damals mit einem Rekurs einen Aufschub der Sperre erwirken. Und diesen Aufschub nutzten die Katalanen dazu, für fast 200 Millionen Euro eine ganze Reihe von Angestellten zu verpflichten, unter anderem auch den Torwart Marc-André ter Stegen und den uruguayischen Stürmer Luis Suárez. Bei Real heisst es nun, man gehe ganz fest davon aus, dass man die Sperre ebenfalls verzögern und im kommenden Sommer am Transfermarkt teilnehmen könne. Doch ganz fest ist daran zunächst nur die Hoffnung.

15 Tage bleiben noch. 15 Tage, um den Markt nach Optionen zu durchwühlen, die den Madrider Fussball durch die kommenden eineinhalb Jahre bringt. Ins Gewicht fallen natürlich vor allem die Überlegungen von Real, dem reichsten und erfolgreichsten Klub dieses Sports mit einem Jahresumsatz von über 600 Millionen Euro. Die italienische Zeitung «Tuttosport» schreibt, ohne das Mittun der Königlichen verliere das Shoppinggeschäft im europäischen Fussball seine wichtigste Kreditkarte, jene mit der höchsten Limite. Noch aber ist die Karte aktiv. Real müsste sein Kader verjüngen. Und es bräuchte dringend Alternativen in der Sturmspitze, im defensiven Mittelfeld und auf der Position des linken Aussenverteidigers.

Die zentrale Frage aber, und zwar nicht nur für den spanischen Fussball, geht so: Was wird aus Cristiano Ronaldo? Seine Zukunft könnte das Schicksal etlicher anderer Stars beeinflussen und ein gesamteuropäischen Karussel in Gang setzen.

Bisher hiess es, Real wolle im kommenden Sommer mal mit Paris Saint-Germain über einen Transfer des Portugiesen reden. In aller Gelassenheit. Die katarischen Besitzer von PSG zeigten sich bereit, 120 Millionen Euro für Ronaldos Dienste zu bezahlen. Geld ist genügend da. Und Real würde seinen prägendsten, aber nie ganz fröhlichen Angestellten gerne verkaufen, solange dessen Marktwert noch über der 100-Millionen-Euro-Marke liegt. Also möglichst bald, Ronaldo wird in einigen Wochen 31. Bei PSG wäre CR7 der ideale Ersatz für Zlatan Ibrahimovic, denn er bringt einen ähnlichen Mix aus sportlicher Klasse und glamour mit. Strahlkraft also, wandelndes Marketing - auch für Katar. Ronaldo wäre noch eine Nummer grösser als Ibrahimovic, als Spieler wie als Popstar. Nun aber ist die Gelassenheit für die Verhandlungen weg.

Ronaldo würde man ohnehin höchstens dann verkaufen wollen, wenn man an seiner Stelle einen anderen Topstar verpflichten könnte, Kategorie Galactico. Davon gibt es aber nicht viele. Robert Lewandowski wäre einer, wenigstens fussballerisch. Findet man jedenfalls in Madrid. «AS» schreibt: «Lewandowski ist ein Traum für jeden Verein, der perfekte Stürmer.» Doch wie wahrscheinlich ist es, dass ihn der FC Bayern ziehen lässt, wenn man die Champions League gewinnen will? Wie wahrscheinlich ist es, dass Lewandowski mitten im Jahr wechseln mag, wenn er am neuen Ort nicht in der Champions League spielen darf? Und noch: Würde er auch die zirzensischen Fähigkeiten mitbringen, die es braucht, um das verwöhnte Publikum des Santiago Bernabéu passend zu unterhalten?

Ein wahrhaft Galaktischer wäre Neymar, im doppelten Sinn. Und jung wäre er auch, erst 23. Doch obschon es in der Vergangenheit zwischen Real und Barça schon etliche prominente Überläufer gab, die es in Kauf nahmen, da gefeiert und dort verdammt zu werden, so erscheint ein Wechsel des Brasilianers nach Madrid doch sehr unplausibel. Der PSG aber könnte Neymar locken, wenn es mit Ronaldo nichts würde - mitsamt seinen 40 Millionen Freunden auf Instagram, den 20,8 Millionen Followern auf Twitter, den 55 Millionen Likes auf Facebook. Mehr Strahlkraft als mit Neymar ist kaum zu haben. Die Sportzeitung «L’ Equipe» träumt schon mal.

Eine weitere spannende Personalie ist nun Paul Pogba, der Mittelfeldspieler von Juventus Turin, den sie wegen seiner langen Arme und Beine in Italien Pulpo nennen, Tintenfisch. Auch er sollte bei Real erst im kommenden Sommer zum Thema werden. Seit dem Weggang von Xabi Alonso mangelt es Real dramatisch an einem Organisator zwischen den Reihen, einem Stabilisator vor der Abwehr. Toni Kroos und Luka Modric, die beide eine offensive Grundausbildung haben, mochten nie in die Rolle wachsen. Pogba gilt als Grosstalent, als Galaktischer im Werden. Er ist erst 22 und schon unheimlich teuer, über 100 Millionen Euro. Nun, da Real es eilig hat und Trainer Zinédine Zidane wohl im Hintergrund auf eine Verpflichtung seines Landsmannes drängt, könnte Pogbas Transferpreis in bisher unerreichte Rekordhöhen steigen. Zumal er auch Barcelona gefällt.

Und dann wäre da noch die Personalie Gareth Bale. Real hatte den linken Flügel für etwa 91 Millionen Euro nach Madrid geholt, wo er dereinst Ronaldo beerben soll, und verbannte ihn einstweilen auf die ungeliebte rechte Flanke. Glücklich wurde er da nicht, und die Wartezeit zieht sich hin. Darum geht auch für ihn die zentrale Frage so: Was wird aus Cristiano Ronaldo? Geht er, bleibt Bale. Geht er nicht, zieht Bale wohl bald zurück nach England. Dort, in London und Manchester vorab, gibt es finanzkräftige Vereine, deren Kreditkarten ähnlich hohe Limiten haben wie jene in Madrid.

Verkaufen darf Real ja so viele Spieler, wie es will. Fürs effiziente Kaufen aber bleiben nur 15 Tage. 15 Tage für die Verhandlung immer neuer Namen, die irgendwie gut zu Real passen würden, wild aufgeworfen von der Presse. Hier eine kleine Auswahl vom Freitag, ohne Gewähr auf Vollständigkeit: Eden Hazard, David Alaba, Miralem Pjanic, Marco Verratti, David De Gea, Alvaro Morata, Edinson Cavani, Marco Reus, Ricardo Rodríguez. Ein schöner Teil der europäischen Fussballprominenz gerät da in die Laufbahn der Galaktischen. Hypothetisch wenigstens, aber plötzlich und naturgewaltig. (baz.ch/Newsnet)

(Erstellt: 16.01.2016, 08:31 Uhr)

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