Sport
Cantona: «Ich wollte nie ein Vorbild sein»
Von Emil Bischofberger, Berlin. Aktualisiert am 06.11.2009
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Der Film
«Looking for Eric»: Der britische Postbote Eric (Steve Evets) ist in der Krise: Seine Frau hat längst ein neues Leben angefangen, daheim gammeln seine Stiefsöhne herum, und im Schrank stapeln sich die Briefe, die Eric austragen sollte. Als er in der Not mit seinem Idol redet, das als Poster an der Wand hängt, steht dieses plötzlich leibhaftig im Zimmer: Eric Cantona, der einstige Taktgeber von Manchester United, im Fussballerleben ein Mann zwischen herausragenden spielerischen Qualitäten und unschönen Aussetzern.
Fortan begleitet der berühmte Eric seinen Schützling wie ein imaginärer Coach durch den Alltag. Mit selbstironischen Kalendersprüchen macht Cantona den Pöstler wieder fit fürs Leben. Altmeister Ken Loach, sonst das filmische Gewissen der Arbeiterklasse, hat mit «Looking for Eric» ein erfrischendes Feelgood-Movie gedreht - ohne dabei den genauen Blick für die Nöte der Unterschicht zu verlieren. Sein ständiger Drehbuchautor Paul Laverty hat die nicht ganz uneitle Filmidee von Eric Cantona in einen Plot gepackt, der ungezwungen zwischen bodenständiger Komödie und sozialem Drama pendelt. Sogar der Schlenker ins Gangstermilieu wirkt nicht aufgesetzt, und umwerfend ist der Showdown, als der Pöstler seine Fussballkumpels zur «Operation Cantona» aufbietet: Diesen Stosstrupp muss man gesehen haben. (flo)
Vorpremiere in Zürich im Lunchkino, täglich 12.15 Uhr im Arthouse Le Paris. Ab 12. November im Kino.
Den grössten Lacher im Film «Looking for Eric» erntet Eric Cantona, als er mit ernster Miene zum Hauptdarsteller sagt: «Ich bin kein Mann. Ich bin Cantona.» Ganz so witzig und augenzwinkernd ist der ehemalige Offensivspieler und Star von Manchester United im Interview dann zwar nicht. Nur einmal, als er einen Moment innehält und sich eine Antwort überlegt, blitzt der Schalk in seinen Augen auf. Er bleibt dann aber doch beim Programm und nuschelt in seinem Marseiller Dialekt eine passende Antwort.
Eric Cantona, im Film spielen Sie sich selber. Wie viel Ihres wahren Ichs steckt im Film-Cantona?
Ich glaube, Drehbuchautor Paul Laverty war ein wenig besorgt, wie ich darauf reagieren würde, als er mir das Stück präsentierte. Ich liebte es. Er hat eine Figur entwickelt, die nicht so weit von der entfernt ist, die ich wirklich bin. Die Person ist sehr nah bei mir - zumindest wie ein Teil von mir. Der Mensch ist ja doch etwas komplexer, hat viele Facetten.
So waren Sie auch als Fussballspieler. Es gab den genialen Cantona, den aufbrausenden . . .
. . . man sagte mir schon früher, dass es wichtig sei, auf sein Image zu achten. Aber ich habe - auch aufgrund meiner Erziehung - immer die Haltung vertreten, dass das beste Image entsteht, wenn man sich selber treu bleibt. Auch wenn das nicht immer einfach ist.
Aber als Fussballstar hatten Sie ja schon einen gewissen Einfluss und damit auch eine Verantwortung gegenüber den Fans.
Das heisst es. Nur: Ich wollte nie ein Beispiel sein, über den anderen stehen. Gewisse Reaktionen in meiner Karriere waren etwas . . . (er zögert) . . . «spektakulär», worauf die Zeitungen schrieben, dass ich doch ein Vorbild sein müsse. Aber ich habe nie gesagt, ich wolle ein Vorbild sein. In all den Situationen, die etwas «spektakulär» waren, habe ich reagiert, ich habe nie provoziert. Ich wollte Spass haben auf dem Spielfeld, versuchte etwas zu kreieren, das Positive, die Schönheit des Spiels zu verteidigen.
Der «Vorbild»-Gedanke widerstrebt Ihnen.
Man hat mir den Titel «Vorbild» gegeben. Ich habe das nie gewollt, nie gesucht. Ich habe nie versucht, mich zu beherrschen, nur weil es hiess, ich sei ein Vorbild. Aber ich habe immer versucht, mir selbst treu zu bleiben, und meine Freiheit verteidigt. Und werde das auch in Zukunft tun.
Beim Fussball wie beim Filmemachen geht es im Grunde ums Unterhalten. Können Sie die beiden Rollen vergleichen?
Es sind zwei verschiedene Spiele. Zugleich aber haben beide Metiers viele Gemeinsamkeiten. Es sind Mannschaftssportarten: In beiden wird Regie geführt. In beiden gibt es eine Aufstellung. Es geht darum, individuelle Stärken zu fördern - es geht aber auch um Teamwork. Freude, Spass zu haben an dem, was man macht. Und Leidenschaft zu zeigen. Der einzige grosse Unterschied zwischen den beiden Bereichen sind die Spielregeln.
Sie sprechen von den Regisseuren. Inwiefern ist denn die Arbeit von Regisseur Ken Loach mit jener von Manchester-Trainer Alex Ferguson vergleichbar?
Loach und Ferguson ähneln sich durch die Tatsache, dass sie beide sehr bescheiden geblieben sind, obwohl sie grossen Erfolg feierten. Trainer wie Regisseur gehen ihre Aufgabe gleich an: mit grosser Demut. Beide haben schon ein gewisses Alter erreicht, arbeiten aber nach wie vor mit grosser Leidenschaft: Ken Loach, als ob es jedes Mal sein erster Film wäre, Alex Ferguson, als ob es jedes Mal sein erster Match wäre. Jedes Mal finden sie Worte, um die Spielfreude und auch den Kampfgeist von neuem zu wecken. Das ist wohl auch eines ihrer Erfolgsgeheimnisse.
Profitieren Sie beim Film von Ihrer Erfahrung als Fussballer?
Mit den Jahren realisierte ich, wie viele Gemeinsamkeiten diese beiden Berufe haben. Die Arbeit im Sport ist offensichtlicher, jeder sieht die körperliche Leistung. Aber auch hinter einem Film steckt sehr viel Arbeit. Das Ziel in beiden Bereichen ist es, Spass zu haben, sich zu amüsieren. Aber das kann man nicht ohne Selbstvertrauen. Es braucht ein Minimum an Zuversicht. Und die gewinnt man nur durch harte Arbeit. Ich arbeite heute für den Film ebenso hart, wie ich es als Fussballer getan habe.
«Das hat mir Angst gemacht», so beschreiben Sie im Film Ihr Gefühl, wenn im Old Trafford über 60 000 Fans Ihren Namen sangen. Waren Sie nach dem Ende Ihrer Fussballkarriere froh, dass diese Angst weg war, oder haben Sie sich zurückgesehnt, sie zu spüren?
Wenn ich in dem Zusammenhang von Angst sprach, meinte ich die Gewissheit des Moments, die dich hellwach macht, die deinen Körper Adrenalin ausschütten lässt und es überhaupt möglich macht, deine Leistung zu bringen. Eine notwendige Angst also. Aber gefehlt hat mir dieses Gefühl seither nicht.
Warum nicht?
Ich bevorzuge es, nicht zu viel über meine Vergangenheit nachzudenken. Ich nütze zwar meine Erfahrung, aber primär, um damit Neues zu konstruieren. Ich habe diesbezüglich auch das Glück, dass ich andere Leidenschaften gefunden habe wie die Schauspielerei. Das ist mein Antrieb, das bringt mich weiter. Ohne diesen Antrieb wäre ich tot. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.11.2009, 10:28 Uhr


