Sport
Das dunkle Geheimnis des «Clube dos bandidos»
Von Sascha Rhyner. Aktualisiert am 30.07.2010
Eigentlich umgibt den Clube de Regatas do Flamengo eine ruhmreiche Geschichte. 31 Mal gewann der 1895 als Ruderklub gegründete Verein die Staatsmeisterschaft von Rio, sechsmal das brasilianische Championat, und als einziger Verein neben Cruzeiro und Internacional ist Flamengo noch nie aus der Serie A abgestiegen. Vor einem Jahr war Goalie und Captain Bruno der grosse Held, als er im Final der Staatsmeisterschaft im vollbesetzten Maracanã gegen Botafogo zwei Penaltys hielt und seinem Team den Sieg sicherte. Er war der «König von Rio». 2010 waren die Rollen vertauscht. Vielmehr liess er sich von Sebastian Arbeu, dem uruguayischen Penaltykünstler, mit einer Panenka-Finte erwischen. Später scheiterte Adriano mit seinem Penalty an Botafogos Keeper.
Die Niederlage wiegt zwar schwer, aber Bruno tröstet sich am Abend mit seinen Teamkollegen im Luxusbordell Paris Café an Rios Peripherie. Dem 25-Jährigen wurde eine grosse Karriere vorausgesagt. Er sollte in der Seleçao Nachfolger von Julio Cesar werden. Im Bordell feiert Bruno, aber geht nicht mit einem der Mädchen rauf in ein Zimmer, wo diese für rund 200 Franken eine halbe Stunde lang Geschlechtsverkehr anbieten.
Profimörder für 2000 Franken angeheuert
«Er hat eigentlich nur selten Sex hier», erklärte eine der Prostituierten in einer Reportage von «Aftonbladet». Bruno nehme jeweils lieber Mädchen für seine privaten Partys nach Hause. «Aber viele Mädchen wollen nicht mehr zu diesen Festen, weil die Stimmung krank ist. Viele komische Typen und viel Gewalt», sagte sie weiter. Auf einer solchen Party hatte Bruno vor einem Jahr auch Eliza Samudio getroffen; das Escortgirl war zu einer Sexorgie geladen worden.
Das Treffen war der Beginn der wohl brutalsten Geschichte im brasilianischen Fussball. Als sich Samudio bei Bruno meldete, sie an diesem Abend schwanger geworden, liess dieser die 26-Jährige und das vier Monate alte Kind von seinem Cousin und einem anderen Kollegen in sein Sommerhaus 440 km nördlich von Rio entführen. Mutter und Kind wurden in ein Zimmer eingesperrt und schliesslich von einem für rund 2000 Franken angeheuerten Profikiller erwürgt. Um keine Spuren zu hinterlassen, zerteilte dieser den Leichnam mit einer Axt und warf die Teile vier Rottweilern zum Frass vor. Die Knochenreste verbrannte er.
Adrianos Flirt mit dem Drogenkartell
Bruno ist längst nicht der einzige Flamengo-Spieler mit schlechtem Umgang. Als Adriano sein sportliches Tief bei Flamengo bekämpfte, nahm er wieder Kontakt zu seinen ehemaligen Jugendfreunden im Favela Vila Cruzeiro auf. Dieses Armenviertel gilt als eine der gefährlichsten Gegenden in Brasilien, wo selbst die brasilianische Elitepolizei BOPE erfolglos blieb.
Mehrfach tauchen in der lokalen Presse Bilder auf, die Adriano mit einem Maschinengewehr zeigten oder auf denen er mit den Fingern ein C und ein V darstellte. Die Buchstaben stehen für das Comando Vermelho, das rote Kommando, das rund 40 Prozent des lokalen Marktes für illegale Drogen kontrolliert. Ohne Hemmungen zeigte sich Adriano auch mit Drogenboss Mica, der wegen Mordes gesucht wird. Ihm kaufte er auch eine nagelneue Honda Hornet 600 CC. Als ihn daraufhin die Polizei zum Verhör bat, erklärte Adriano, das Motorrad sei für die Mutter gewesen. auf sie ist es auch zugelassen. Einen entsprechenden Führerschein hat sie allerdings nicht.
Der eigenartige Appell von Bruno
Im vergangenen März misshandelte Adriano auf einer illegalen Funk-Party, die das Comando Vermelho in den Favelas von Rio organisiert, seine Freundin, weil diese ihn kritisierte, dass mit seinen Jugendfreunden wieder Kontakt aufgenommen hat. Auch Bruno war auf diesem Fest gewesen und nahm seinen Teamkollegen anschliessen in Schutz. «Hand aufs Herz, wer von euch hat seine Frau noch nie geschlagen», sagte Bruno vor der Presse – und hoffte auf Mitgefühl.
35 bis 40 Millionen Anhänger soll Flamengo in ganz Brasilien haben; selbst an Auswärtsspielen kann die Mannschaft auf breiten Support zählen. Doch der Ruf ist nicht nur wegen Spielern wie Adriano oder Bruno schlecht. Flamengo sei auch der korrupteste, gewalttätigste Verein Brasiliens, heisst es im Volksmund. «Clube dos Bandidos», der Klub der Banditen, wird Flamengo deswegen auch genannt. Hintergrund ist die zahlreiche Anhängerschaft in den Favelas von Rio, den Armenvierteln der Stadt. Und aus diesen wird eben auch das Comando Vermelha gesteuert. Und die meisten Mitglieder des roten Kommandos sind glühende Supporter von Flamengo.
Kampf um ein besseres Image
So erklärt es sich, dass auch Vagner Love, der im Januar von ZSKA Moskau an Flamengo ausgeliehen wurde, sich ungehemmt in diesen Kreisen bewegte. Im Frühling filmte ihn die Polizei, als er nach Rocinha, mit 200'000 Einwohnern Rios grösstem Favela, vorfuhr. Er feierte auf einer dieser Funk-Party seine zwei Tore in der Staatsmeisterschaft von Rio gegen Macaé. Der Stürmer, dessen Markenzeichen die blaugefärbten Haare sind, wurde dabei von bewaffnete Kindsoldaten eskortiert.
«Ich ging schon immer auf die Funk-Partys und sehe kein Problem damit. Ich bin in einem Favela aufgewachsen und werde weiterhin zu meinen Ursprüngen zurückkehren. Hier sind meine Freunde», erklärte Vagner Love. Er ist jetzt wieder zurück in Moskau, Adriano wechselt zur AS Roma und Bruno sitzt in Haft und wartet auf die Anklage wegen Mordes oder Beihilfe zum Mord.
Es ist im Sinn der neuen Präsidentin des Vereins, Patricia Amorim, will dem üblen Image des Vereins entgegentreten. Sie holte mit Zico das grösste Idol der Vereinsgeschichte als Sportchef zurück. Der weisse Pelé ist mit 508 Toren in 731 Partien noch immer der Rekordtorschütze des Verein. Und der 31-jährige Aussenverteidiger Leo Moura ist der neue Captain. Er ist einer, der weder das Paris Café noch Funk-Partys besucht. «Es ist wohl die Idee, dass ich als Vorbild vorangehen sollte», meinte Leo Moura. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 30.07.2010, 15:54 Uhr








