Sport
Der Ehrgeiz in der Fussball-Idylle
Von Thomas Schifferle. Aktualisiert am 08.02.2010
Dossiers
Stichworte
EM Qualifikation Grp. G
10. Runde
| 11.10. | Bulgarien - Wales | 0 : 1 |
| 11.10. | Schweiz - Montenegro | 2 : 0 |
Rangliste
| Name | Sp | S | U | N | G:E | Pkt | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | England | 8 | 5 | 3 | 0 | 17:5 | 18 |
| 2. | Montenegro | 8 | 3 | 3 | 2 | 7:7 | 12 |
| 3. | Schweiz | 8 | 3 | 2 | 3 | 12:10 | 11 |
| 4. | Wales | 8 | 3 | 0 | 5 | 6:10 | 9 |
| 5. | Bulgarien | 8 | 1 | 2 | 5 | 3:13 | 5 |
Das Ziel ist formuliert. Aus Ottmar Hitzfelds Mund heisst es: Gruppensieg. Und was ist das nun: vermessen, überheblich, gar weltfremd?
Nichts davon, es ist ein Ziel, mehr auch nicht. Es entspringt dem, was den 61-jährigen Coach der Schweizer Nationalmannschaft antreibt und zu dem Titelsammler gemacht hat, der er ist. Sein Ehrgeiz verbietet es ihm zu sagen, er wolle die Barrage erreichen. Nur wer gross denkt, kann Grosses erreichen.
Für eine Mannschaft, die in vier Monaten nach Südafrika fliegt und da zum vierten Mal in Folge an einem grossen Turnier teilnimmt, kann ehrenvolles Mitmachen ohnehin keine Option sein. Und wenn es der Schweiz am Ende nur in die Barrage reicht, so wie 2005 gegen die Türkei, kann sie auch zufrieden sein. Dann hat sie das Maximum erreicht, was ihr in einer Gruppe zuzutrauen ist, in der sich ein Gegner von der Grösse Englands aufbaut.
Beste Strategie aushandeln
Am 15. März treffen sich die fünf Parteien in der Schweiz, um den Spielplan auszuhandeln. Bis dahin wird sich Hitzfeld mit der Frage beschäftigen, welches die beste Strategie ist: daheim gegen Montenegro zu beginnen oder gleich schmerzlos die Aufgabe in England hinter sich zu bringen? Die Chance, drei Punkte zu gewinnen, ist gegen den Aussenseiter grösser als im Wembley, aber Hitzfeld sieht auch die Gefahr: «Es ist der erste Match, man weiss nicht, wo man steht, spielt vielleicht nur 1:1, und dann hat man schon Probleme.»
Capello ist froh, in einer Fünfergruppe zu sein, das gebe weniger Spiele. Hitzfeld hingegen hätte eine Gruppe mit sechs Mannschaften und damit total zehn Spielen «nicht ungern» gehabt. Denn die kleine Gruppe bedeutet für ihn, dass ein Ausrutscher nur schwer gutzumachen ist. Oder wie er es sagt: «Wir können uns keinen Fauxpas erlauben», einen eben wie gegen Luxemburg im September 2008 zu Beginn seiner Amtszeit.
Weltfirma gegen Quartierladen
Finanziell ist die Gruppe sehr interessant für den Schweizer Verband, allein wegen der lockenden Fernsehmillionen aus England. Sportlich präsentiert sie sich, im Schatten von England, recht ausgeglichen. Montenegro trotzte in der letzten WM-Qualifikation Irland immerhin zweimal ein 0:0 ab; Wales lebt von seiner Kampfkraft; Bulgarien ist unberechenbar. Das heisst, kein Gang, kein Spiel wird für die Schweizer zum Selbstläufer, schon gar nicht in der Fremde; und nur weil sie an EM und WM zum Stammgast geworden sind, besitzen sie kein verbrieftes Recht, in zwei Jahren auch in Polen und der Ukraine dabei zu sein.
Über allen thront England, wieder erstarkt unter Fabio Capellos harter Hand. England ist eine andere Welt, die Premier League ist eine Weltfirma, die Super League ein netter Quartierladen. Jeder hat, was er verdient. England hat seine Boulevardpresse, die jetzt genüsslich die ausserehelichen Aktivitäten des von Capello abgesetzten Captains John Terry ausbreitet und von den Millionen Franken berichtet, die er nicht nur einer, sondern gleich mehreren Frauen bieten soll, um sie am Reden zu hindern.
Im Vergleich dazu findet Hitzfeld ein idyllisches Umfeld vor. Das ist auch viel wert, vielleicht sogar eine Teilnahme an der nächsten EM. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.02.2010, 18:36 Uhr








