Der erste politische Gefangene des Sports

Er wurde als erster politischer Gefangener bezeichnet. Marseille-Fan Santos Mirasierra wurde in Madrid verurteilt, kam auf Kaution frei und kehrte gestern in seine Heimat zurück. Selbst Stars wie Zidane, Drogba oder Ribéry stellen sich hinter Mirasierra.

Ein Ultra vor dem Gericht: Santos Mirasierra wurde in Spanien verurteilt und in der Heimat verehrt.

Ein Ultra vor dem Gericht: Santos Mirasierra wurde in Spanien verurteilt und in der Heimat verehrt.
Bild: Keystone

Das war passiert

1. Oktober: Marseille-Fan Santos Mirasierra wird in Madrid festgenommen, nachdem es zwischen Anhängern von Marseille und der Polizei zu Ausschreitungen gekommen war. Mirasierra gibt zu, einen Polizisten gestossen zu haben, verneint aber, einen Stuhl geworfen zu haben.

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14. Oktober: Die Uefa bestraft Atletico Madrid mit drei Geisterspielen und 150'000 Euro Busse. Das CAS reduziert die Strafe auf ein Geisterspiel und 75'000 Euro Busse.

6. November: Im Prozess gegen Mirasierra verlangt acht Jahre Gefängnis.

2. Dezember: Der Fall von Mirasierra wird vor dem Gericht verhandelt.

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5. Dezember: Wegen Mangel an Beweisen spricht das Gericht Mirasierra nur zum Teil schuldig und verurteilt ihn zu dreieinhalb Jahren Gefängnis.

9. Dezember: Mirasierra legt Rekurs ein und kommt unter Kaution frei.

10. Dezember: Mirasierra kehr nach Marseille zurück.

Es war im Champions-League-Spiel zwischen Atletico Madrid und Olympique Marseille 1. Oktober passiert. Die spanische Polizei entfernte im Sektor der Gästefans eine Banderolle mit einem Totenkopf, die die Fans von OM jeweils mit sich führen. Sofort gab es Proteste, es kam Unruhe auf, schnell entstand eine aufgeheizte Stimmung. Da und dort wurde geschubst und gestossen. Mirasierra stand mittendrin. Der 34-Jährige ist eine imposante Erscheinung mit Bart, Pferdeschwanz, zahlreichen Piercings und Tätowierungen. Der Lastwagenfahrer, der sich zum Krankenpfleger ausbilden liess, hatte sich noch nie etwas zuschulden kommen lassen; im Gegenteil setzte er sich gegen Rassismus und gegen Faschismus ein.

«Weder Hooligan noch kriminell»

An diesem Abend änderte sich jedoch sein Leben im Wortsinn schlagartig. Er stiess einen Polizisten, wie auf TV-Bildern klar zu erkennen ist. Angeblich, um eine junge Frau zu schützen. Im folgenden Chaos wurde ein Polizist von einem fliegenden Stuhl am Kopf getroffen und musste mit elf Stichen genäht werden. Bilder, die beweisen würden, dass Mirasierra den Stuhl warf, gibt es keine. Nur einige Zeugenaussagen beschuldigten den Marseille-Fan. Stars wie Zinédine Zidane («Er hat nichts getan»), Didier Drogba («Ich stehe hinter Santos») oder Franck Ribéry ergriffen Partei für den Fan, der von sich selber sagt: «Ich bin ein Ultra, aber ich bin weder ein Hooligan noch kriminell.»

In seiner Heimat wurde Mirasierra als Märtyrer betrachtet, in Spanien wurde dies aufs Schärfste verurteilt und sarkastisch kommentiert. «Er ist kein politischer Gefangener, und er sitzt nicht in einem Gefängnis des Franco-Regimes. Er ist schlicht und ergreifend ein Ultra, der zu weit ging», schrieb Alfredo Relaño, Chefredaktor der Madrider Sportzeitung «As». Die Staatsanwaltschaft forderte acht Jahre Gefängnis, zu dreieinhalb Jahren wurde er verurteilt.

Die grosse Angst vor dem Rückspiel

In Marseille kochte die Fan-Seele nach der Verhaftung und nach dem Urteil über. Vor dem Rückspiel gestern Abend wurden gegen die Spieler und die Fans von Atletico Madrid Morddrohungen ausgesprochen. Das Sicherheitsaufgebot in Marseille war immens, die Angst vor Zwischenfällen gross. In welchem Hotel die Madrilenen logierten blieb geheim, und die Spanier traten unmittelbar nach der Partie die Heimreise an.

Das Spiel endete letztlich 0:0 – im Prinzip auch neben dem Rasenviereck. Atletico qualifizierte sich für die Achtelfinals, Marseille kann die europäische Saison zumindest im Uefa-Cup fortsetzen. Und auch auf den Zuschauerrängen blieb es friedlich. Beruhigend dürfte die Nachricht gewirkt haben, dass Mirasierra gestern um 16 Uhr gegen Konzession freigelassen worden war. «Ich hoffe, er konnte das Spiel sehen», erklärte Marseilles Trainer Erik Gerets nach der Partie. Heute Morgen konnte Mirasierra das Gefängnis nach 70 Tagen wieder verlassen und nach Hause zurückkehren. (bazonline.ch/Newsnetz)

Erstellt: 10.12.2008, 15:26 Uhr

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