Sport
Der obszöne Rummel der Fifa um eine Gefängnisinsel
Sedick Isaacs: Mathematiker und einer der Gründer der Fussballliga der Häftlinge.
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Wie er so über den Bolzplatz schlurft, die Knie weich und die Schultern hängend: Dieser Mann ist kein Sportler, noch war er jemals einer. Tatsächlich hat Sedick Isaacs in seiner Karriere als Fussballspieler kein einziges Tor erzielt, wie er lachend einräumt. Und trotzdem hat sich der kauzige Mathematiker um den südafrikanischen Fussball wie kaum ein anderer verdient gemacht.
Dass im kommenden Jahr erstmals eine Fussball-WM in Afrika, genauer gesagt am Kap der Guten Hoffnung stattfindet, ist eher Isaacs & Co. als dem glücklosen südafrikanischen Nationalteam zuzuschreiben: Der einstige politische Häftling und seine «Comrades» haben den rassistischen Pariastaat Südafrika wieder salonfähig gemacht und dabei auch gleich den Fussball als Instrument des Befreiungskampfes, der Selbstbehauptung und der Menschenwürde geadelt. «Sie haben der Welt eine Lektion in Humanität erteilt», sagt Fifa-Präsident Sepp Blatter.
Wir befinden uns auf Robben Island, der berüchtigten Gefängnisinsel vor Kapstadts Küste, auf der Nelson Mandela einen Grossteil seiner 27 Haftjahre verbrachte. Die Sonne sticht erbarmungslos wie eh und je: Vor mehr als 40 Jahren hämmerte hier Isaacs wie Hunderte von politischen Häftlingen Tag für Tag Felsbrocken klein oder schob sinnlos tonnenschwere Stahlwalzen durchs Gelände, wenn sie nicht - wie die meiste Zeit - in ihren überfüllten Zellen schmorten. Woche für Woche richteten die Gefangenen Eingaben an die Anstaltsleitung, man möge sie doch bitte Fussball spielen lassen: Der Oberwärter pflegte sämtliche Petitionen unter Hohngelächter verschwinden zu lassen. «Es schien ein aussichtsloses Unterfangen», erinnert sich Isaacs.
Die geschmuggelte Fifa-Satzung
Doch plötzlich - Isaacs hatte inzwischen 3 der ihm wegen Sabotage auferlegten 13 Jahre abgesessen - änderte sich die Strategie der weissen Wärter. Das sei wohl einerseits dem Bemühen des Rassistenregimes zuzuschreiben gewesen, seinen Ruf im Ausland aufzubessern und dafür erstmals das Rote Kreuz zur Inspektion der Gefängnisse ins Land zu lassen, erläutert Isaacs. Andererseits hätten sich die Kerkermeister aber auch ausgerechnet, mit dem Zugeständnis ein Faustpfand zur Erpressung der Häftlinge in der Hand zu haben. Ein Irrtum, wie sich später zeigen sollte.
Jedenfalls war der Jubel gross, als den Häftlingen an einem Samstagmorgen im Dezember 1967 ein Lederball ausgehändigt wurde - auch wenn der erste Match bereits nach einer halben Stunde abgepfiffen wurde. In nächtlichen Marathonsitzungen machte sich ein Komitee daran, die Satzung für einen Fussballverband, Regeln für eine Liga und selbst einen Kodex für Schiedsrichter auszuarbeiten: Bis ins kleinste Detail wurde alles fest gehalten. «Die Häftlinge waren davon überzeugt, dass sie eines Tages Südafrika regieren würden», sagt der amerikanische Sporthistoriker Charles Korr, der ein ganzes Buch über den Fussball auf der Gefängnisinsel schrieb («More Than Just a Game»): «Sie wollten beweisen, dass sie dazu auch organisatorisch in der Lage sind.»
Es war die Stunde des Gefangenen Nr. 883-64, Sedick Isaacs. Gemeinsam mit einer Handvoll anderer Intellektueller, zu denen auch der heutige Vizepräsident des Verfassungsgerichts gehörte, studierte das Komitee eine ins Gefängnis geschmuggelte Fifa-Satzung und hob schliesslich den nach einem von der britischen Kolonialmacht auf Robben Island inhaftierten Xhosa-Häuptling benannten Fussballverband Makana FA aus der Taufe. «Zwar widersetzten wir uns jeder Regel der Apartheidsherren», sagt der ehemalige Stürmer und heutige Wohnungsbauminister Tokyo Sexwale, «doch die Regeln der Fifa waren uns heilig.»
Zuma pfiff, Mandela schaute zu
Schiedsrichter mussten eine Prüfung ablegen, besonders raue Spieler wurden vor ein Disziplinarkomitee gezogen. Die Manager der Teams arrangierten ihre Begegnungen schriftlich, selbst wenn sie in derselben Zelle sassen. «Sie hielten sich an jeden Buchstaben ihrer Regeln», sagt Sporthistoriker Korr: «Es war eine Frage der Würde, die ihnen von den Wärtern abgesprochen wurde.» Manche Disziplinarverfahren zogen sich über Monate hin: «Die Häftlinge wollten sichergehen, dass Beschuldigte einen fairen Prozess erhielten», sagt Karr, «und nicht wie sie selbst im Gerichtssaal vorschnell abgeurteilt wurden.»
Aus alten Fischernetzen und angeschwemmten Bohlen fertigten die Gefangenen Tore, nachträglich sollte sich sogar das stumpfsinnige Herumgeschiebe der Metallwalze als Segen erweisen: Auf dem so planierten Grund steckten die Häftlinge ihren ersten Bolzplatz ab. Besonders Beflissene brannten Stollen in ihre Gummisandalen. Später wurden sie von ausländischen Hilfsorganisationen mit Trikots, Schienbeinschützern und Fussballschuhen versorgt.
Die Liga wurde von vier Teams bestritten, die jeweils in drei Klassen - A, B und C - aufgeteilt waren. Isaacs musste sich aus den bekannten Gründen mit der C-Klasse begnügen. Er könne zwar die Bewegung von Objekten mühelos berechnen, machten sich seine Mithäftlinge damals über Nummer 883-64 lustig, aber kein Objekt wie einen Fussball passabel in Bewegung setzen. Dafür spielte der Mathematiker auf intellektuellen Feldern in der ersten Liga: Während der Haftzeit erwarb er drei Universitätsabschlüsse und brachte dem Schulabbrecher und heutigen Staatspräsidenten Jacob Zuma nebenbei noch das Lesen und Schreiben bei. Beim Gefängnisfussball machte sich Zuma vor allem als Schiedsrichter einen Namen: Er soll, zumindest damals, unbestechlich und fair gewesen sein. Nelson Mandela durfte als Führungspersönlichkeit der Befreiungsbewegung an den samstäglichen Turnieren nicht teilnehmen, schaute den Spielen jedoch vom Fenster seiner Einzelzelle in Block B aus zu. Bis die Anstaltsleitung eigens eine Mauer als Blickbarriere bauen liess.
Ein Club als Modell der Regenbogennation
Schnell wurde die Liga zum Lichtblick des tristen Gefängnisalltags. «Von Samstag bis Dienstag redeten wir über die vergangenen Spiele», erinnert sich der damalige Fussballstar Anthony Suze, «und von Mittwoch bis Freitag ging es um die nächsten Begegnungen.» Die Teams, die Atlantic Raiders, Gunners oder Blue Rocks hiessen, hatten sich entlang der Trennungslinien zwischen den Befreiungsbewegungen PAC und ANC gebildet, die sich auch hinter Gittern noch argwöhnisch gegenüberstanden. Lediglich der Klub Manong transzendierte die politischen Differenzen und nahm Spieler aller Couleur auf. «Kein Wunder, dass dieser Klub der beste war», sagt Korr. «Er konnte seine Mitglieder nach Gesichtspunkten der Qualität aussuchen.» Auf diese Weise wurde Manong zum Modell der Regenbogennation, die die Häftlinge nach der Niederlage der Rassentrenner in Südafrika errichten wollten.
Es sollte nicht lange dauern, bis die weissen Wärter ihre Fussball-Lizenz auch als Faustpfand zu nutzen suchten. Immer häufiger wurde den Häftlingen der samstägliche Spieltag verwehrt - wann immer die Anstaltsleitung etwas bestrafen zu müssen meinte, fiel die Liga aus. Doch womit die Schliesser nicht gerechnet hatten: Die gut organisierten Gefangenen durchschauten das Zuckerbrot-und Peitsche-Spiel und stellten kurzentschlossen ihrerseits das Kicken ein. Die um ihr internationales Ansehen besorgte Gefängnisleitung bat die Häftlinge schliesslich inständig, doch bitte mit dem Fussballspielen wieder anzufangen - einer der grössten Triumphe, den die smarten Gefangenen gegen ihre tumben Wärter zu erringen wussten.
Mehr oder weniger ungestört trugen die Knastkicker ihre Ligaspiele noch bis zum Jahr 1991 aus. Dann war der Versuch der weissen Bevölkerungsminderheit endgültig gescheitert, sich auf alle Ewigkeit als Herrenrasse am Kap der Guten Hoffnung einzunisten: Das Gefängnis auf Robben Island wurde aufgelöst. In den anschliessenden politischen Wirren geriet die schönste Nebensache der inhaftierten Insulaner in Vergessenheit - erst als Charles Korr während eines Forschungsaufenthaltes in Kapstadt auf Kisten voller Makana-FA-Dokumente stiess, fiel wieder Licht auf eines der eindrucksvollsten Kapitel der Fussballgeschichte. Auch die Fifa wurde auf die stolzen Kicker aufmerksam: Einen besseren Gründungsmythos für die erste WM in Afrika konnte es gar nicht geben. Posthum wurde der Knastverband Makana FA zum Ehrenmitglied der Fifa ernannt: Zweimal hielt der Weltfussballverband auch seine Exekutivratssitzung auf der inzwischen zum Museum umgewandelten Insel ab. Jedes Mal, wenn er hierher komme, sei er tiefer bewegt,sagte Fifa-Chef Sepp Blatter beim jüngsten Besuch Anfang Dezember und weinte dabei fast.
Obszöner Rummel
Nicht jeder traut jedoch den grossen Tönen. Sedick Isaacs findet den Rummel etwas obszön, den die Fifa um die Insel mache: «Viele fragen sich, welche Motive wohl in Wirklichkeit dahinterstecken.» Marcus Solomon, Isaacs’ Freund und Makana-Partner, fehlte bei dem von 350 Journalisten begleiteten Massenauftrieb der Fifa auf der Insel ganz. «Mir geht der Trubel um die WM gewaltig auf die Nerven», ärgert sich der Koordinator eines Kapstadter Kinderzentrums. Südafrika werde für die Austragung des Mega-Events zu enormen Ausgaben gezwungen, die der Entwicklungsstaat an anderen Stellen viel nötiger habe. «Es ist, als ob wir uns eine nagelneue Küche kaufen müssen, nur weil Herr Blatter eine Tasse Tee trinken will», schimpft Solomon und empfiehlt, was damals schon im Machtkampf mit den Wärtern Wunder wirkte: den Boykott.
Sedick Isaacs: Mathematiker und einer der Gründer der Fussballliga der Häftlinge. 350 Journalisten kamen nach Robben Island, als der Weltverband dort Anfang Dezember seine Exekutivratssitzung abhielt. > (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.12.2009, 11:10 Uhr










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