Sport

Die Rückkehr eines Gekränkten

Von Marcel Rohr, Bern. Aktualisiert am 19.11.2011 11 Kommentare

Der ehemalige FCB-Trainer Christian Gross will heute mit den Young Boys den St.-Jakob-Park erobern. baz.ch/Newsnet berichtet live ab 17.45 Uhr.

Erstmalige Rückkehr: Für Christian Gross ist der Auftritt im St.-Jakob-Park von heute Abend eine emotionale Angelegenheit.

Erstmalige Rückkehr: Für Christian Gross ist der Auftritt im St.-Jakob-Park von heute Abend eine emotionale Angelegenheit.
Bild: Keystone

Den Weg ins Stadion kennt er genau. Beim Car-Parking hinter der Muttenzer Kurve geradeaus, die Betontreppe runter, die zu den Kabinen führt. Dann etwa sechs Meter nach vorne und jetzt, Vorsicht, nicht nach rechts; dort gehts zur FCB-Kabine. Nein, links abbiegen, in die Garderobe, die für Gastmannschaften reserviert ist. Christian Gross wird richtig laufen, keine Frage. Und bevor es raus auf den Platz geht, passiert er mit zügigem Schritt die Senftube, das ist jener plastifizierte Spielertunnel, der den Garderobeneingang mit dem Rasen des St.-Jakob-Parks verbindet.

Als Gross letztmals durch diesen Tunnel ging, lief im Stadion «Tougher Than The Rest» von Bruce Springsteen, der FC Basel hatte soeben gegen die Berner Young Boys kläglich mit 0:3 verloren, und 27 526 Zuschauer warteten auf ihn und wollten ihm applaudieren. Aber der vier Tage zuvor vom FCB gefeuerte Startrainer hatte keine Lust auf eine Ehrenrunde oder auf grosses Herzschmerzkino. Er winkte einmal kurz in die Runde und verschwand schnurstracks in sein Trainerbüro. Tausende rotblaue Supporter verstanden die Welt nicht mehr, aber so ist er halt, der Gross aus Höngg bei Zürich. Gefühlsduseleien können andere veranstalten. Ihm würde es nie in den Sinn kommen, in der Öffentlichkeit Gefühle zu zeigen – schon gar nicht nach einer Entlassung.

Fast so populär wie Benthaus

Um Fassung bemüht er sich auch jetzt. Knapp 20 Journalisten sind in eine Lounge im Berner Stade de Suisse gekommen, und Gross muss erklären, was er denkt und fühlt und meint und hofft, zweieinhalb Jahre nach seiner Entlassung. Denn heute kehrt er zurück. FC Basel gegen YB ist mehr als nur ein Spiel der 16. Runde der Super League. Es ist die Rückkehr des erfolgreichsten und lange Jahre populärsten FCB-Coaches seit Helmut Benthaus (75).

«Speziell wirds», sagt Gross, «ich hoffe, die Fans empfangen mich gut. Ich habe ja mitgeholfen, den Fussballvirus in Basel wieder neu zu entfachen, und ich habe immer mein Bestes gegeben.» Da widerspricht ihm keiner. Als der heute 57-Jährige nach Basel kam, war der FC Basel ein grosser Club mit einer kleinen Siegermentalität. Der einstige Nationalspieler (ein Einsatz), der zuvor schon den Profis der Grasshoppers Beine gemacht hatte, lehrte den Baslern, was es heisst, Spiele zu gewinnen. Drei Saisons brauchte er dafür und die Millionen von Mäzenin Gigi Oeri, die ihm einige teure Spieler wie Gimenez, Hakan und Murat Yakin oder Ivan Ergic hinstellte. Der Rest ist Geschichte. Gross holte in zehn Jahren acht Titel und stiess zweimal in die Champions League vor. Spiele wie das 3:3 gegen Liverpool oder die Finalissima gegen YB 2008 (2:0) jagen heute noch jedem rotblauen Fan eine Gänsehaut über den Rücken. «Der FCB», sagt Gross, «wird getragen von Persönlichkeiten in der Stadt, die nicht im Fussball daheim sind. Das ist einzigartig in der Schweiz.»

Legendäre Wutausbrüche

Dem smarten Erfolgstrainer mit der gepflegten Glatze lag die Stadt zu Füssen. Die Frauen liebten seine Ausstrahlung, die Spieler hassten ihn zwischendurch für seine Wutausbrüche im Training. Und viele Journalisten hatten Angst, kritisch nachzufragen bei ihm. Weil er sie brutal in den Senkel stellen konnte. Es gab Trainings, da stauchte er einen jungen Stürmer namens Marco Streller derart zusammen, dass dieser Tränen in den Augen hatte.

Die Resultate gaben Gross recht. Und nicht zu vergessen: Die Mannschaft spielte jahrelang einen attraktiven Offensivfussball, der geprägt war von den Genies Hakan Yakin, Julio Rossi, Christian Gimenez oder Matias Delgado.

Doch in der Saison 2007/2008 begann es im St.-Jakob-Park zu kriseln. Immer wieder gerieten sich Gigi Oeri, mittlerweile Präsidentin, und Gross in die Haare. Oeri wollte, dass der Startrainer die jungen Spieler forciert. Die Resultatmaschine aus Höngg wollte fertige Profis, damit die Spieler «ihre Visitenkarten füllen können», wie er stets zu sagen pflegte. Mit eiserner Konsequenz führte Gross die Mannschaft und distanzierte sich damit unbewusst von den Leistungsträgern Marco Streller, Benjamin Huggel und Ivan Ergic. Der Double-Gewinn 2008 kaschierte die Spannungen um die Mannschaft. Chefscout Ruedi Zbinden und Bernhard Heusler hatten alle Hände voll zu tun, um hinter den Kulissen die Brände zu löschen. Sie taten es erfolgreich.

Im Mai 2009 kam es zum Bruch. Die teure Mannschaft hatte den Meistertitel soeben an den FCZ verloren. Gigi Oeri war bereit, fünf Millionen Franken in die Hand zu nehmen und den Trainer auszubezahlen, der bis 2011 an die Basler gebunden war.

Faxen ging nicht

Es kam das letzte Spiel gegen YB am 29. Mai, Gross ging. Tief gekränkt, denn er hätte gerne weitergemacht. Doch viele Fans in Basel, Sponsoren, Spieler und Mitarbeiter im Club waren froh, dass die zehnjährige Regentschaft vorbei war. Denn Gross ist ein Machtmensch, der sich und seinem Umfeld alles abverlangt – 24 Stunden am Tag. Da musste ein Teammanager extra um 16 Uhr mit dem Auto von Zürich nach Basel fahren, nur um ihm ein Papier zu überreichen. Faxen ging nicht, zu unpersönlich.

Von diesem Trainer musste sich der FC Basel zuerst emanzipieren. Bernhard Heusler, Gigi Oeri und die restliche Vorstandscrew wählten Thorsten Fink. Ein frisches Gesicht aus Deutschland. Nach einem harzigen Start bewies der einstige Bayern-Spieler, dass man in Basel auch mit einer anderen Art Erfolg haben kann. Er war der Anti-Gross, der überdies noch attraktiv spielen liess. Er formte Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka zu Stars der Next Generation, gab sich volksnah und authentisch.

Fink schuf in Basel ein nachhaltiges Fussballkonzept, förderte die Jungen und trug den FCB einen Schritt weiter. In Zeiten der Konzepttrainer entwickelt sich der FCB zu einem Konzeptverein, der, losgelöst von jeglichem Personenkult, seine Philosophie erfolgreich weiterveredeln will. Deshalb klappt es momentan auch so gut mit Finks Nachfolger Heiko Vogel.

«Ich bin niemandem böse»

Christian Gross dagegen verschwand zunächst von der Bildfläche. Er blieb in Basel, wechselte die Wohnung und zog von Oberwil (BL) an den Rhein. Im Dezember 2009 ging er zum VfB Stuttgart, wo er am 13. Oktober 2010 bereits wieder entlassen wurde. Auch diese Absetzung war ein Tiefschlag. Wieder zog sich der einstige Mittelfeldspieler, der den Rotwein liebt und das Salsa-Tanzen, zurück. Er verbesserte in Barcelona und Mallorca sein Spanisch. Er studierte Spiele in England.

Den St.-Jakob-Park dagegen mied er bis heute. Dafür haben es ihm andere Plätzchen in Basel angetan: die Kunsthalle, das Tinguely-Museum. Architekt Jacques Herzog zählt sich zu seinem Freundeskreis. Die Kontakte zu ehemaligen Weggefährten beim FCB beschränkten sich auf «zwei, drei SMS», vorzugsweise mit Bernhard Heusler.

Gross sagt: «Entlassungen gehören zum Fussball. Ich bin in Basel niemandem böse.» Was Gross nicht sagt: dass sein Abgang eine Kränkung war und es ihm noch mehr wehtat, als der FCB ohne ihn erfolgreich blieb. Heute bieten ihm die Young Boys jene Plattform, die der Erfolgstrainer braucht. Wie der FCB 1999 lechzen auch die Gelbschwarzen seit über zwanzig Jahren nach einem Titel. Gross soll es möglich machen.

Aber in Bern ist nicht jeder mit einem Fussballvirus unterwegs wie in Basel. Der heimische SC Bern ist die Konkurrenz, und Gross sagt: «Wir kämpfen um jeden Fan hier.» Die Qualität der Mannschaft sei da. Trotzdem fehlen Punkte; verlieren die Berner heute in Basel, haben sie in der Tabelle neun Punkte Rückstand auf Rotblau. Seine Rückkehr heute birgt also nicht nur emotionale Sprengkraft, sondern ist auch sportlich brisant. Aber sein Lieblingslied von Springsteen begleitet ihn ja bis heute: «Tougher Than The Rest» – härter als alle anderen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 19.11.2011, 10:04 Uhr

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11 Kommentare

Daniel Ritter

19.11.2011, 12:48 Uhr
Melden 10 Empfehlung

Hallo liebe Online Baz-Redaktion. Finde es sehr daneben,dass man Christian Groß in Ihrem Titelbeschrieb: als Gekränkter Rückkehrer bezeichnet !
Hat doch dieser Trainer Christian Groß sehr viele Erfolge dem FCB generiert und sollte mit Respekt und Würde an alter früherer erfolgreichen Wirkungstätte begrüßt und empfangen werden !
Antworten


Eric Cerf

19.11.2011, 12:00 Uhr
Melden 6 Empfehlung

Im Normalfall vernascht der FCB YB erneut. Die Bebbis haben schlicht und einfach zur Zeit die bessere Mannschaft. Auch Dank der hervorragenden Nachwuchsarbeit .In den letzten 5-6 Jahren konnte der FCB immer wieder gute Spieler mit satten Gewinnen ins Ausland verkaufen. Das Fussballkonzept des FCB ist grosse Klasse, ein Vorbild für andere Klubs hier. Leider hat der FCB heute keine Konkurrenz. Antworten



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EndeSchweiz - Deutschland5:3
EndeSpanien - Serbien2:0
EndeNorwegen - England0:1
Playoff
EndeSion - Aarau3:0
Stand: 26.05.2012 20:56
Brussels Ladies Open
26.05EndeRadwanska - Halep7:5 6:0
Stand: 26.05.2012 17:02
GP Monaco 2012 - Qualifikation
1:14.3011 Michael Schumacher
1:14.3812 Mark Webber
1:14.4483 Nico Rosberg
Stand: 27.05.2012 07:42
Keine Daten vorhanden
Keine Daten vorhanden
Roland Garros
27.0512:15Cipolla - Wawrinka
Stand: 25.05.2012 14:45
Keine Daten vorhanden
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Playoff
17:00Aarau - Sion
Stand: 25.05.2012 09:25
Roland Garros WTA
28.0511:00Radwanska - Jovanovski
Roland Garros
28.0511:00Djokovic - Starace
28.0511:00Federer - Kamke
28.0511:00Bolelli - Nadal
Stand: 25.05.2012 15:24
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