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«Die Weltmeister sind da!»
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Viele der 33 000 Einwohner des Städtchens Feldkirch im österreichischen Vorarlberg waren gestern um die Mittagszeit auf den Beinen. Sie versammelten sich vor dem grössten Fünfsternehotel und warteten auf die spanischen Fussball-Weltmeister. Einige Hundert Kinder in Dresses der spanischen Mannschaft, viele auch in Real- und BarçaShirts, waren da, ausgerüstet mit rot-gelben Fähnchen und Rasseln, aber zum Glück ohne Vuvuzelas. Bauarbeiter in orangen Hosen, Geschäftsleute in dunklen Nadelstreifen und Hausfrauen mit gefüllten Einkaufstaschen mischten sich unter sie. Und alle warteten.
Um 12 Uhr hätten die Spanier in ihrem Quartier in Feldkirch, wo sie sich auf das heutige EM-Ausscheidungsspiel im nahen Liechtenstein vorbereiten, eintreffen sollen. Wegen verspäteter Ankunft in Kloten waren sie 90 Minuten im Verzug. Gefeiert wurden sie darum nicht weniger. «Die Weltmeister sind da!», jubelte ein Knirps, als der spanische Teambus von der Hauptstrasse Richtung Hotel abbog. «Viva España», brüllten die Kinder, als die Weltmeister den Car verliessen. Und immer wieder: «Iker, Iker.» Casillas, der Goalie von Real Madrid und Captain der Mannschaft, ist offenbar der Liebling der jungen Vorarlberger.
Der rote Teppich
Nach 20 Sekunden war der Spuk vorbei, die Spieler waren über einen roten Teppich ins Hotel gehuscht und sofort auf ihre Zimmer verschwunden. Einzig Vicente del Bosque, der volkstümliche Trainer, bedankte sich freundlich für den Empfang und nahm sich Zeit für Autogramme. Mit einem Strahlen im Gesicht winkte er der Menge zu, bevor er gemächlich zur Réception schritt.
Eine Viertelstunde später erschien del Bosque bereits im grössten Saal des Hotels zur Pressekonferenz. «Ich wollte euch nicht noch länger warten lassen», sagte der väterlich wirkende Coach mit dem Schnurrbart und lächelte in die Reporterrunde. Der 60-jährige Fussballlehrer, aufgewachsen in einer Eisenbahnerfamilie in Salamanca, ist bei den Journalisten beliebt – im Gegensatz zu Vorgänger Luis Aragonés, der Spanien 2008 zum EM-Titel geführt hatte. So schenkten die für die WM-Berichterstattung in Südafrika abgestellten Medienleute del Bosque nach dem Turnier einen Ball mit ihren Unterschriften, um sich für die gute Zusammenarbeit zu bedanken.
Keiner für die Show
Del Bosque stammt aus der Schule von Real Madrid. Seit seinem 16. Lebensjahr lebte er im «weissen Haus», er wurde im mittlerweile mit Wolkenkratzern überbauten alten Trainingszentrum Ciudad Deportiva gross. Später wurde er zu einem wertvollen offensiven Mittelfeldspieler beim berühmtesten Fussballklub der Welt. In seinen vier Jahren als Trainer von Real gewann er zweimal die Meisterschaft und zweimal die Champions League. Nach del Bosques erstem Titel als Trainer in der Königsklasse im Jahr 2000 begann der Verein damit, masslos Stars einzukaufen – gegen den Willen des Coaches. Der Klub wurde unter Präsident Florentino Perez nur noch nach den Prinzipien des Marketings geführt. Real sollte ein globales Produkt mit Anhängern auf allen Kontinenten werden. In dieses Konzept passte der bescheidene, stets zurückhaltend und massvoll auftretende del Bosque nicht. Er spricht kein Englisch, er trägt weder Designeranzüge noch Seidenkrawatten. Er ist keiner für die Show. Und zu beleidigenden Worten oder abfälligen Gesten hat er sich auf und neben dem Platz nie hinreissen lassen.
Am Tag nach seinem zweiten Meistertitel im Juni 2003 wurde del Bosque von Real entlassen. Selbst in dieser Situation blieb er ruhig. Er akzeptierte den Entscheid mit Würde. Ihn umgibt die Aura eines Trainers der alten Schule. Er achtet auf die ethischen Werte des Fussballs, die mehr und mehr verloren gehen. Eigentlich wird er nie laut, aber im WM-Final empörte er sich über Mark van Bommel, von dem alle erwarteten, er würde den Ball an die Spanier zurückpassen, nachdem ein verletzter Spieler hatte gepflegt werden müssen. Der holländische Captain aber drosch den Ball so wuchtig Richtung Casillas, dass er den Pfosten des spanischen Tores streifte.
Von einem holländischen Journalisten wurde del Bosque in Feldkirch gefragt, wie er mit dem Abstand von zwei Monaten die harte Gangart der Holländer im Final beurteile. Der Coach antwortete mit einem Lächeln: «Es ist die Aufgabe des Schiedsrichters, die Spieler zu schützen. Und die Holländer haben wie wir sechs von sieben WM-Spielen gewonnen. Mein Respekt für sie ist gross.»
Schlichte Herzlichkeit
Nicht abwertend über andere zu reden und jeden Gegner zu respektieren – auch das sind Prinzipien von del Bosque. Also sagte er vor dem EM-Qualifikationsspiel des Weltmeisters in Vaduz: «Natürlich sind wir der Favorit, aber das berechtigt uns nicht, arrogant oder überheblich ins Spiel zu gehen. Das käme einer Geringschätzung der Liechtensteiner gleich – und das wollen wir nicht tun.»
Del Bosque beeindruckt mit seiner schlichten Herzlichkeit. Der grosse Johan Cruyff sagt über ihn: «Vicente ist ein Señor.» Wie nobel der Mensch del Bosque ist, zeigte sich zuletzt am Siegeskorso der Weltmeister in Madrid. Neben ihm sass als einziges Familienmitglied sein Sohn Álvaro im Bus, der an einer Million Fans vorbeifuhr. Der Trainer, der sonst peinlich darauf bedacht ist, die Privatsphäre der Mannschaft zu schützen, hatte ihm versprochen, im Falle des WM-Titels dabei sein zu dürfen. Álvaro del Bosque ist vor 21 Jahren mit dem Downsyndrom zur Welt gekommen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.09.2010, 15:33 Uhr










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