Die gefährlichsten Fans der Welt

Das argentinische Superderby Boca Juniors gegen River Plate ist mehr als ein Fussballspiel – es ist ein Kampf zwischen kriminellen Fanorganisationen. Deren Macht ist weltweit einzigartig.

Begeisterung, bedingungslose Unterstützung und Gewalt: Wenn die Anhänger von River Plate auf jene von Boca Juniors (links) treffen, kann es Tote geben.

Begeisterung, bedingungslose Unterstützung und Gewalt: Wenn die Anhänger von River Plate auf jene von Boca Juniors (links) treffen, kann es Tote geben. Bild: Keystone

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Es ist der Höhepunkt der argentinischen Fussballsaison, ein Klassiker mit internationaler Ausstrahlung, ein Duell zwischen Giganten. Das Spiel Boca Juniors gegen River Plate, den traditionsreichsten Stadtklubs von Buenos Aires, findet immer in der Mitte der Meisterschaft statt, um zu verhindern, dass es deren Ausgang entscheidet. Aber auch so geht es für die Anhänger der beiden Teams nicht bloss um Sieg oder Niederlage, sondern um die eigene Ehre, und deshalb kann jede Begegnung zwischen Boca und River zur blutigen Schlacht zwischen verfeindeten Ultras werden.

«Wilde Bande»

Organisiert sind sie in zwei Vereinigungen, die wie alle argentinischen Fanclubs «barra brava» («wilde Bande») genannt werden. Jene von Boca Juniors heisst «La Doce», die Zwölf – dies, weil sich ihre Mitglieder als zwölften Spieler der Mannschaft betrachten. Der Name der River-Fans ist um einiges realistischer: «Los borrachos del tablón», die Besoffenen der Theke. Boca gegen River ist mehr als ein Fussballspiel: Es ist auch eine Auseinandersetzung zwischen zwei sozialen Klassen. Denn obwohl beide Klubs im ärmlichen Hafenort La Boca gegründet wurden, ist River in den Dreissigerjahren in einen Stadtteil umgezogen, der vor allem von der Mittel- und Oberschicht bewohnt wird. Laut der englischen Zeitung «The Observer» ist die Partie das spektakulärste Sportereignis der Welt.

Der Sonntag des vergangenen Superderbys. Das Spiel ist längst ausverkauft, doch Arturo verspricht, einen deutschen Kollegen und mich für umgerechnet 100 Franken trotzdem ins Stadion zu bringen. Der von Kopf bis Fuss Klubfarben tragende Fan ist schliesslich ein Mitglied von La Doce und verfügt über beste Kontakte, die er nun per Handy anruft. «Zwei Ausländer. Ja, sie haben soeben bezahlt. Alles ok?» In strömendem Regen machen wir uns auf den Weg zum Stadion «La Bombonera», dessen Zuschauerränge sich fast senkrecht und bedrohlich nahe am Spielfeldrand erheben. La Bombonera steht trichterförmig mitten im Boca-Viertel; in den umliegenden Strassen ertönen Schlachtgesänge; bewaffnete Polizisten haben Sperren errichtet. Die Menschenmenge wird zusammengepresst.

Die Schutzbefohlenen

Arturo hat versprochen, uns mitten in den Fanblock zu lotsen; an einer Abschrankung gibt er den Ordnungskräften Anweisungen, als wäre er ihr Kommandant. Aber bevor sie uns durchlassen können, werden wir abgedrängt, die Menge reisst uns mit und zwängt uns gegen eine Absperrung. Der Druck wird von Sekunde zu Sekunde grösser, Anflüge von Panik. Im Stadion ist ein junger Mann auf eine Brüstung geklettert und droht, sich auf die Strasse hinunterzustürzen. Die Fans rufen ihm zu: «Spring doch! Spring doch!» Ein Feuerwehrauto fährt vor, irgendwann steigt der vermeintliche Selbstmörder wieder herunter.

Jenseits der Absperrung erscheint plötzlich Arturo. Er schreit einen Polizisten an, die zwei Ausländer sofort durchzulassen, der Uniformierte zerrt mich am Arm und schubst andere Matchbesucher nach hinten, schafft einen schmalen Durchlass. Schliesslich dränge ich mich auf die andere Seite. Arturo deutet auf den nächsten Stadioneingang. «Ihr geht jetzt da rein!», befiehlt er. Aber da wird doch kontrolliert, und wir haben keine Eintrittskarten. Ob solcher Zweifel an seiner Autorität kann Arturo nur wütend den Kopf schütteln. «Geht einfach rein, macht schon!» Als wir uns zum Eingangsdrehkreuz durchgekämpft haben, steckt der Kontrolleur wortlos seine eigene Karte in den Schlitz. Er verwendet sie auch für alle anderen Schutzbefohlenen von La Doce. Aufatmen, wir sind drin – zwar nicht auf der Ultra-Tribüne, sondern auf jener gegenüber. Aber seis drum.

La Doce ist kein Fanklub, sondern die gefährlichste, gewalttätigste Fanbande der Welt, und wie Arturos Verhalten gegenüber Polizisten und Stadionwächtern beweist, ist es auch eine Kriminellenorganisation mit grosser wirtschaftlicher Macht. Die Leitung des Fussballklubs Boca Juniors stellt La Doce für jedes Spiel eine bestimmte Anzahl Eintrittskarten zur Verfügung; ihre Mitglieder streichen für jeden Parkplatz rund ums Stadion Gebühren ein; sie handeln mit Fanartikeln und verkaufen Drogen. Selbst bei der Wahl des Klubpräsidenten sowie der Spieler haben sie ein gewichtiges Wort mitzureden, und sie unterhalten beste Beziehungen zu den politischen Parteien. Zwar bestreitet die Klubleitung, mit den Ultras zusammenzuarbeiten oder sich von ihnen einschüchtern zu lassen, aber in Argentinien weiss jeder, dass dies ein reines Lippenbekenntnis ist.

Gewinnt! Oder es gibt Schläge!

Da die Boca Juniors nach mehreren verlorenen Partien gegenwärtig in der unteren Tabellenhälfte vor sich hindümpeln, hat La Doce die Spieler kürzlich zu einer Aussprache aufgeboten. Dabei bekamen die Fussballprofis zu hören, ihre miesen Leistungen würden dem Geschäft schaden. «Euretwegen kommen weniger Leute zu den Spielen, und deshalb verdienen wir weniger Geld. Reisst euch zusammen und gewinnt endlich. Sonst treffen wir uns wieder, und dann habt ihr ein ernstes Problem», drohte der Doce-Chef Mauro Martín, der in Begleitung mehrerer Schläger erschienen war. Nachdem sich der Boca-Star und Nationalspieler Juan Román Riquelme öffentlich über die Einschüchterung beklagt hatte, brauchte er Polizeischutz.

Die Macht argentinischer Ultras beruht auf der überragenden sozialen und ökonomischen Bedeutung des hiesigen Fussballs; ihre kriminellen Aktivitäten gedeihen dank der Korrumpierbarkeit von Polizei und Justiz. Die einzelnen Organisationen haben meist eine lange Tradition; ihre von Kämpfen und angeblichen Heldentaten geprägte Geschichte wird verbreitet wie ein Mythos. Laut dem holländischen Experten Otto Adang ist die argentinische Ultra-Szene weltweit einzigartig. In Europa würden gewalttätige Fans zwar immer wieder Aufsehen erregen, aber letztlich seien sie innerhalb des Fussballbetriebs marginalisiert, erklärte er vor einem Jahr gegenüber der Zeitung «Olé». «In Argentinien hingegen gehören sie zum System. Deshalb ist das Problem hier unvergleichlich schlimmer. Um es zu lösen, müsste man das ganze System grundlegend ändern.»

Mafiosi und Manager

Zwar besteht auch eine argentinische «barra brava» mehrheitlich aus Angehörigen der Unterschicht, die der Öde ihrer Existenz zu entfliehen versuchen, indem sie sich am Wochenende volllaufen lassen und prügeln. Aber die Anführer der Fanbanden gebärden sich kraft der Gewaltbereitschaft ihrer Untergebenen und der ökonomischen Macht ihrer Organisationen gleichermassen als Mafiosi wie als Manager. Zur Hochzeit des ehemaligen Doce-Chefs Rafael Di Zeo mit der Privatsekretärin des Gouverneurs von Buenos Aires erschienen auch Diego Maradona sowie der höchste Sicherheitsfunktionär der Provinz, der für die Ordnung in den Stadien zuständig ist. Doch alles kann sich ein Ultra-Boss selbst in Argentinien nicht leisten. Der legendäre Doce-Anführer José Barrita alias El Abuelo («der Grossvater») landete ebenso im Gefängnis wie sein Nachfolger Di Zeo. Barrita soll mehrere Morde an River-Fans in Auftrag gegeben haben.

«Nur Fussballfans. Mehr nicht.»

Wer ein Doce-Mitglied auf dessen Zugehörigkeit zur Vereinigung anspricht, stösst auf eisernes Schweigen. «Wir sind einfach Fussballfans. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen», lautet die stereotype Antwort. Kurz vor Spielbeginn treffen unter dröhnendem Getrommel die Anführer von La Doce in der Bombonera ein, inmitten von Fahnen und Transparenten. Wehe, wenn die Anhänger der gegnerischen Mannschaft eine dieser Fahnen erobern – das gilt für eine «barra brava» als grösste Schmach überhaupt. «Ihr könnt uns imitieren, aber ihr werdet niemals mit uns gleichziehen», heisst es auf einem der gigantischen Transparente.

In den Gängen des Stadions riecht es nach Urin, weil sich dort mehrere Besucher umstandslos erleichtern. Die Gesänge sind ohrenbetäubend. Die Anhänger von River befinden sich auf einer höher gelegenen Tribüne und spucken auf die gegnerischen Fans hinunter, einige urinieren in Cola-Flaschen und verschütten den Inhalt über ihre Feinde. Schliesslich laufen die beiden Mannschaften ein, der Match beginnt. Noch immer regnet es in Strömen. Die Spieler rutschen aus, der Ball bleibt in den vielen Wasserlachen hängen, und nach zehn Minuten pfeift der Schiedsrichter ab. Das Superderby muss an einem anderen Tag ausgetragen werden – und für einmal ist daran nicht eine Schlägerei auf den Rängen, sondern das schlechte Wetter schuld. Drei Tage später besiegt Boca River mit 2:0. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2010, 13:53 Uhr

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