Sport
«Ehrgeiz ist keine Krankheit»
Der Vorfall in Bellinzona
Die teilweise feindselige Haltung, mit der Alex Frei in fremden Stadien begegnet wird, überbordete am vergangenen Samstag. In den Katakomben des Comunale in Bellinzona wurde Frei angepöbelt und geschubst. Die Szene wurde zwar von Schiedsrichter Daniel Wermelinger und dem Sicherheitsdelegierten der Liga rapportiert. Doch haben die beiden den Täter nicht erkannt, und Gastgeber Bellinzona half bei der Identifizierung auch nicht.
Für Josef Zindel steht nach dem Vorfall fest, dass die Organisation in Bellinzona nicht den Standards der Super League entsprochen hat. «Unser Spieler Alex Frei ist nicht genügend geschützt worden», sagt der FCB-Pressesprecher. (fra)
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Der Stürmer des FC Basel leidet immer noch unter den Folgen einer Blessur am Knöchel, die seit der WM Therapie erfordert. Trotzdem ist Frei gut in Form – seine Torgefährlichkeit will der 31-Jährige auch heute im Heimspiel gegen den FC Luzern (17.45 Uhr, St.-Jakob-Park) unter Beweis stellen.
Alex Frei im medialen Fokus. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht über den Captain der Nationalmannschaft landauf, landab debattiert wird. Ist er zu verbissen? Wechselt er nochmals ins Ausland? Redet er zu wenig oder zu viel in der Öffentlichkeit? Ist er zu schwach für die Auswahl, zu alt? In dieser Woche gabs Diskussionen um seine Absage fürs Österreich-Länderspiel. Was dabei gerne vergessen geht, ist die sagenhafte Torquote, die den Vollblutstürmer und Rekordtorschützen der Auswahl (40 Treffer) seit Jahren auszeichnet. Auch im Dress des FC Basel trifft der Baselbieter am Laufmeter. Im Gespräch mit der BaZ nimmt Frei vor dem dritten Super-League-Heimspiel der Saison zu einigen Themen Stellung – und erklärt unter anderem auch, was er sich seit seiner Rückkehr im Sommer 2009 aus Dortmund anders vorgestellt hat.
Alex Frei, sehnen Sie sich zwischendurch nach Langeweile?
Nein, weil ich keine langweiligen Tage habe. Und das Übrige kann ich nicht beeinflussen. Ich weiss schon, weshalb Sie dies ansprechen.
Warum?
Weil bald jeden zweiten oder dritten Tag eine öffentliche Diskussion über mich stattfindet, was meinen Beruf betrifft. Das ist nun mal so, diesen Status habe ich mir erarbeitet, in anderen Ländern wird noch mehr spekuliert und geschrieben. Aber auch in der Schweiz sollte es doch so sein, dass die Dinge der Wahrheit entsprechen, es sollte richtig recherchiert werden. Leider geht die Tendenz in eine andere Richtung: Die Schlagzeile war immer noch dreimal grösser als das Dementi, welches dann meist noch folgt. Das ist nicht in Ordnung.
Als Sie im Sommer 2009 zurück nach Basel kamen, hätten Sie da gedacht, dass Sie derart unter medialer Beobachtung stehen, dass so viel über Sie gelästert oder allgemein geschrieben wird?
Ich habe vielleicht die Grössenordnung unterschätzt. Ich habe Bernhard Heusler (FCB-Vizepräsident, die Red.) schon vor der Vertragsunterzeichnung prophezeit, dass viel passieren wird, was meinen Namen betrifft. Und dass nicht alles nur Friede, Freude, Eierkuchen sein wird. Aber ich habe, wie gesagt, die Dimensionen unterschätzt. In Rennes oder in Dortmund war ich als Spieler für die Leute oder die Medien nicht so greifbar wie hier beim FC Basel.
Es scheint, dass beinahe alles, was Sie tun, zum Thema wird, im Positiven wie im Negativen. Können Sie dies erklären?
Auf den Fussball bezogen, muss ich mich das schon fragen, ja. Es gibt noch drei, vier weitere Sportler, die ständig im Fokus stehen, dazu einer, der über allen steht (er meint Roger Federer, die Red.). Bei mir ist es nun mal so – und ich versuche, dies zu akzeptieren und zu verarbeiten. Aber ich bin keine Maschine, sondern ein Mensch, der damit mal besser, mal schlechter umgehen kann. Es muss jedoch eine Grenze geben, es darf nicht ausarten.
Wo liegt diese Grenze?
Die Geschichten müssen der Wahrheit entsprechen. Und man sollte nicht ständig irgendwelche Dinge auspacken, nur um die Zeitung zu füllen: Warum lacht Alex Frei nicht, wenn er ein Tor schiesst? Oder warum lässt er sich nicht gratulieren, wenn er sein 40. Länderspieltor erzielt hat? Da sollte man aufpassen.
In dieser Woche gabs Aufregung, weil Sie das Länderspiel in Österreich absagten. Haben Sie das verstanden?
Ich habe alles eher kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen und lache darüber. Was für mich zählt, sind Tatsachen. Das, was ich mit Trainer Thorsten Fink, dem Nationalcoach sowie den Ärzten des FC Basel und der Nationalmannschaft abgemacht habe.
Und wie stehts denn nun um Ihren lädierten Fussknöchel?
Es ist Humbug zu behaupten, ich hätte die Therapie auch in Österreich fortsetzen können! Ich habe mir hier in Basel eine Spritze ins Gelenk setzen lassen. Computerüberwacht – damit man genau sehen konnte, was passiert. Das wäre in Klagenfurt nicht gegangen. Danach durfte ich 48 Stunden lang nicht Fussball spielen, so einfach ist das, aber das scheint niemanden zu interessieren, niemand fragt nach. Mit Ottmar Hitzfeld war alles abgesprochen. Die Pause am Mittwoch hat völlig Sinn gemacht, gerade wenn wir an das Programm der kommenden Wochen denken.
Mit Liga, Champions League und EM-Qualifikation stehen bis Mitte September acht wichtige Spiele an – können Sie diese Aufgaben alle bewältigen?
Selbstverständlich, genau dafür habe ich die Pause ja eingelegt. Wer in den letzten drei Jahren viermal auf dem Operationstisch lag wie ich, der muss zwischendurch die Einsätze dosieren.
Welcher Behandlung unterziehen Sie sich?
Die Details lassen wir weg. Fakt ist: Ich habe eine Verletzung, die regelmässig eine Spritzentherapie erfordert. Aber ich betone: Ich lasse mir keine Steroide oder Cortison geben, ich habe mir nie Spritzen setzen lassen, die mir schaden könnten. Es sind Substanzen auf biologischer Basis.
Hängt die Blessur immer noch mit dem Trainingsunfall am 9. Juni im Letzigrund zusammen, als Sie Stunden vor dem Abflug nach Südafrika wegrutschten?
Genau. Seither hat sich die Schwellung im Gelenk abgebaut, aber der Schmerz ist immer noch da – manchmal mehr, manchmal weniger. In den Spielen habe ich keine Probleme, dann ist das Gelenk sehr warm. Wenn ich also wettkampfmässig auf dem Platz stehe, bin ich hundertprozentig fit. Manchmal ist es aber etwas mühsam, weil ich keine Schmerztabletten für das tägliche Training nehmen will, sonst sprechen diese nicht mehr an.
War geplant, dass Sie in Bellinzona über 90 Minuten spielen?
Ich möchte immer über 90 Minuten spielen.
Wo haben Sie das Länderspiel am Mittwoch verfolgt?
Bei mir zu Hause am Fernseher, aber ich möchte dazu keine Analyse abgeben. Das halte ich immer so: Ich spreche nicht über Spiele, in denen ich nicht dabei war.
In den letzten Matches hat die Nationalmannschaft kaum mehr Tore geschossen. Im Offensivspiel scheint es an Automatismen zu fehlen, oder?
Es stimmt schon: In Südafrika fehlte es etwas an Offensiv-Power. Dafür standen wir in der Abwehr in allen drei Spielen sehr gut. Jetzt geht es darum, im Hinblick auf die EM-Ausscheidung 2012 die Balance zu finden – dann kommt es gut.
Beim FCB fällt auf, wie intensiv das Angriffsspiel eingeübt, wie Laufwege eingeschliffen werden. Kann ein System, wie es Basel spielt, auch in der Nationalmannschaft einstudiert werden – oder fehlt dazu die Zeit?
Natürlich geht das. Gute Spieler können sich jedem Spiel anpassen und funktionieren in jedem System.
Zurück zu Ihrer Person: Beim FC Basel kommt Ihr Trainer, Thorsten Fink, sehr locker rüber. Sie wirken sehr ernsthaft. Ist Ihnen Fink manchmal zu locker?
Nein, überhaupt nicht. Ein Trainer muss die Mischung finden zwischen Ernsthaftigkeit und Lockerheit. Die hat Thorsten Fink zweifellos. Manchmal ist es besser, wenn der Trainer locker ist, das kann den Druck nehmen. Gewisse Spieler brauchen die Anspannung, andere nicht. Wo liegt die Wahrheit? Das ist auch so ein Phänomen: Als die südafrikanischen Spieler an der WM aus dem Bus stiegen, sangen und klatschten sie. Die ganze Welt fand das toll. Angenommen, die Schweizer kämen lachend und johlend aus dem Bus – was schreiben dann die Journalisten, wenn wir die gleichen Resultate wie Südafrika erzielen? Ich lege die Hand ins Feuer: Alle würden schreiben, wir seien zu unkonzentriert gewesen, zu locker.
Demnach ist es nicht so, dass Thorsten Fink in der FCB-Kabine für die gute Laune und Sie für die Ernsthaftigkeit zuständig sind?
Nein, überhaupt nicht. Ich fülle meine Rolle, meine Aufgabe so aus, wie ich das Gefühl habe, es sei richtig.
Und welche Aufgabe hat Ihnen Fink beim FCB zugewiesen – ausser jener, Tore zu schiessen?
Meine Aufgabe ist es, zu zeigen, warum ich beim FCB bin. Zu zeigen, dass die letzte Saison mit zwei Titeln kein Zufall war. Wir wollen das alles bestätigen. Und es gibt in jedem Team Spieler, die hinstehen und Verantwortung übernehmen. Es kann nicht sein, dass ein Xherdan Shaqiri, ein Cabral oder ein Valentin Stocker die gleiche Verantwortung tragen müssen wie Benjamin Huggel, Marco Streller oder ich. Dafür sind sie zu jung, zu wenig erfahren. Von Valentin Stocker erwarten die Leute Wunderdinge, dabei ist er erst 21. Eine gewisse Unkonstanz in seinen Leistungen darf er doch haben. Sie darf einfach nicht zu gross sein – dann wächst er auch in eine Leaderrolle hinein.
Sie haben einmal erzählt, wie Sie als junger Profi die älteren Spieler beim FCB gesiezt haben. Heute ist der Umgang anders. Vermissen Sie manchmal eine gewisse Demut der Jungen?
Ich weiss nicht, welcher Weg der richtige ist. Ich kenne nur den Weg, den ich gegangen bin, und der war nicht falsch. Ich hätte mir 1997, als ich frisch zum FCB kam, gewünscht, dass der eine oder andere mit mir ein Wort gewechselt hätte. Gewisse Spieler kannten nicht mal meinen Namen. Jeder muss seine Erfahrungen machen, aber gewisse Dinge müssen einfach sein: dass ein Junger die Becher auf dem Platz aufsammelt, die Bälle trägt oder Kisten schleppt. Klar ist mir auch bewusst, dass heute eine andere Generation am Ball ist als früher. Dazu gehört, dass ein Spieler viel schneller umjubelt wird als früher.
Wie meinen Sie das?
Wenn in der Super League ein 18-Jähriger zweimal richtig mit dem Hintern wackelt, ist er ein Kandidat für die Nationalmannschaft. Früher musste man zwei Jahre spielen, um überhaupt ins erweiterte Kader zu kommen. Welche Zeit nun die bessere war oder ist – ich weiss es nicht. Am Ende des Tages gibts nur gute oder schlechte Spieler.
Es fällt auf, mit welch ausgeprägtem Selbstverständnis viele junge Spieler beim FCB ans Werk gehen. Hätten Sie sich das früher auch gewünscht?
Die Jungen profitieren enorm von der Ausbildung im Schweizer Verband und beim FC Basel. Selbst in Dortmund nehmen sie wahr, welche hervorragende Nachwuchsförderung und Ausbildungsstätte wir hier beim FC Basel haben. Aber ich möchte nicht noch einmal zurück, um dieselben Möglichkeit zu haben wie die Jungen heute. Dieses Selbstverständnis, von dem Sie sprechen, birgt auch Gefahren: Wer ein Tor schiesst in der Qualifikation zur Champions League, hat noch lange keine grosse Karriere vor sich. Es braucht viel mehr als nur Talent. Auch eine gute Saison, wie sie zum Beispiel Shaqiri und viele andere junge Spieler hatten, reicht nicht; es braucht drei, vier gute Spielzeiten, um Nachhaltigkeit zu erzeugen.
Wünschen Sie sich persönlich manchmal eine Prise mehr Lockerheit im Alltag?
Man muss unterscheiden. Werde ich in der Öffentlichkeit durch den Dreck gezogen, muss ich sicher noch lernen, darüber zu stehen, lockerer zu sein. Daran arbeite ich und ich glaube, seit gut einem Jahr gelingt mir das auch. Das andere ist mein Charakter auf dem Platz, den lasse ich mir nicht verbiegen. Ehrgeiz ist keine Krankheit – das lasse ich mir von niemandem einreden. Das ist meine Art, Fussball zu spielen, mein Art, alles zu geben für meinen Arbeitgeber. Ich kenne keinen, der am Morgen früh bei der Sanitas, der UBS oder sonstwo an die Kadersitzung kommt und sagt: ‹Tschau zämme, wie geht es euch, ward ihr gestern Abend auch lässig unterwegs?›
Tut es Ihnen weh, wenn alle behaupten, Sie wirken verbissen?
Das interessiert mich nicht. Mein Ehrgeiz hat mir eine schöne, wenn nicht sensationelle Karriere beschert.
Was würden Sie geben, damit Sie in die Champions League einziehen können?
Nichts. Es muss das Ziel des ganzen FC Basel sein, dorthin zu gelangen. Warum fragen Sie – weil ich noch nie in der Champions League gespielt habe?
Zum Beispiel, ja.
Ich weiss, dass ich früher oder später mein Spiel in der Champions League noch haben werde. Selbstverständlich wollen wir das alle in Basel, wir wollen wissen: Was ist möglich gegen europäische Topteams? Letztes Jahr in der Europa League haben wir gesehen, dass wir nicht so weit davon entfernt sind.
Was fehlt denn konkret noch?
Das ist schwer zu beantworten. Was ich weiss: Wir sind in der Lage, uns mit allen Vereinen Europas zu messen.
Wird es derartige Ausrutscher wie zuletzt in Bellinzona auch immer wieder geben?
Die muss es geben. Gute Mannschaften ziehen ihre Lehren aus Niederlagen. Manchmal braucht man den Schlag mit dem Hammer auf den Kopf, um danach das Glück wieder zurückzuzwingen.
Was erwarten Sie für das Heimspiel am Samstag gegen Luzern?
Wir müssen dahin kommen, dass alle Mannschaften einen Riesenrespekt haben, wenn sie in den St.-Jakob-Park kommen. Das haben wir zuletzt gut hingekriegt.
Sie haben in vier Super-League-Spielen schon vier Saisontore erzielt. Sind Sie selbst überrascht von dieser Quote?
Ich habe Spass am Fussball, Lust, auf dem Platz zu sein und erfolgreich zu sein. Als Stürmer hast du einen Lauf oder eben nicht – die negative Phase sollte einfach nicht zu lange dauern (lacht).
Sie treffen auch ohne Ihren Sturmkumpel Marco Streller…
Aber Strelli fehlt, auf und neben dem Platz. Ist er da, flachsen wir zusammen, ziehen uns auf mit Sprüchen oder hängen Bilder an den Kabinenspind (lacht wieder).
Schon bald kommen die nächsten Schlagzeilen auf Sie zu: Am 7. September treffen Sie in der Europameisterschafts-Qualifikation erstmals auf den Engländer Steven Gerrard – jenen Spieler, den Sie 2004 in Portugal angespuckt haben.
Gewissen Dingen muss man sich stellen im Leben. Dazu gehört der Vorfall mit Steven Gerrard. Ich habe keine Probleme damit.
Hatten Sie seither mal Kontakt mit Gerrard?
Ich habe ihn nach diesem Vorfall angerufen. Die Sache war schnell aus der Welt.
(Basler Zeitung)
Erstellt: 14.08.2010, 14:49 Uhr

