Sport
Ein Kompromiss à la Frei
Von Thomas Schifferle. Aktualisiert am 05.11.2010 128 Kommentare
Umfrage
Ist es richtig von Alex, seine Karriere im Nationalteam zu beenden?
Dossiers
Artikel zum Thema
- Alex Frei erklärt seinen Rücktritt – per Ende Saison
- «Offenbar braucht es einen Sündenbock – auch wenn man gewinnt»
- Alex darf sich nicht kaputt machen lassen
- «Steilpass»-Blog: Was tun gegen die hässlichste Fratze des Fussballs?
Stichworte
Ottmar Hitzfeld und Alex Frei trafen sich gestern in Riehen zum Mittagessen. Ihr Menü wurde nicht bekannt, dafür das Resultat ihres Gespräches: Der Captain spielt sicher bis kommenden Sommer weiter für die Nationalmannschaft.
Mit Bedacht und Kalkül
Im offiziellen Communiqué, von Freis Verein Basel und dem Schweizer Verband gemeinsam herausgegeben, sind die Worte mit Bedacht und Kalkül gewählt, wo es um die fernere Zukunft geht: Vom «Plan» ist die Rede, von der «Absicht», nach dem EM-Qualifikationsspiel am 4. Juni in London als Nationalspieler zurückzutreten.
Das Erste war zu erwarten. Wenn der Basler nach den Pfiffen im EM-Qualifikationsspiel gegen Wales vor dreieinhalb Wochen schon jetzt als Nationalspieler zurückgetreten wäre, dann wäre er denkbar schlecht beraten gewesen. Er wäre nur als schlechter Verlierer in Erinnerung geblieben, als Spieler, der wohl viel verdient, aber nicht viel erträgt.
Das Zweite ist ein Kompromiss à la Frei: sich alle Möglichkeiten offenhalten, opportunistisch denken und handeln. Auf den ersten Blick mag es Sinn machen, im Sommer als 32-Jähriger einen Schlussstrich zu ziehen – wenn denn die Nationalmannschaft nach den beiden Spielen im März in Bulgarien und später in England keine realistische Chance mehr auf eine Teilnahme an der EM 2012 in Polen und der Ukraine hat. Dann braucht es Frei nicht mehr, dann kann die Neuordnung der Hierarchie und die Neubesetzung des Angriffs ausgerufen werden.
828 Minuten ohne Tor
Aber tritt das Gegenteil ein und sollte die Schweiz auf einmal fähig sein, nicht nur die schwachen Waliser zu besiegen, sondern auch in Sofia und London Punkte zu gewinnen, was ist dann? Will sich Frei dann bitten lassen, seinen Plan zu überdenken und sich für die ausstehenden Qualifikationsspiele des folgenden Herbsts gegen Bulgarien, in Wales und gegen Montenegro doch zur Verfügung zu stellen? Er wird auf jeden Fall das haben, was ihm schon immer am liebsten gewesen ist: die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Keiner liest lieber über Frei als Frei selbst.
Die Nationalmannschaft hat sich in der Vergangenheit schon daran gewöhnen können, ohne ihren Captain auszukommen, auch ohne seine Tore. Seit einer Schambein-Operation im Februar 2006 hat er 17 von 56 Länderspielen verpasst und ist wegen seiner diversen Verletzungen 17 von 56 Monaten unpässlich gewesen, also 30 Prozent der Spiele und der Zeit.
Und seit mittlerweile 14 Monaten und 828 Einsatzminuten steht er ohne Goal da. Das Alter macht sich bei ihm bemerkbar, gerade bei internationalen Aufgaben im Nationalteam. Sein letztes überzeugendes Länderspiel gelang ihm im September 2009 in Lettland. Als er seinen 40. und bislang letzten Treffer erzielte.
Keine Staatsaffäre
Hitzfeld sagt im Communiqué, er bedaure die Pläne Freis. Der Stürmer erklärt, er habe «die zahlreichen Wünsche, Bitten und Ratschläge» jener Leute berücksichtigt, die ihn zum Weitermachen im Nationalteam ermunterten. Ebenso ernst habe er «die Signale jener Gruppen» genommen, die keinen Hehl aus ihrer Meinung gemacht hätten, dass seine Zeit im Nationalteam abgelaufen sei. Vielleicht lernt er nun auf seine alten Tage als Nationalspieler damit umzugehen, im eigenen Land und von vielen Anhängern des Nationalteams kritisch gesehen zu werden.
Dass in Fussballstadien gepfiffen wird, ist grundsätzlich eine Unsitte, aber nicht zu ändern und das Recht des Zuschauers. Dass auch ein eigener Nationalspieler ausgepfiffen wird wie Frei in seinem Basler Heimstadion, ist überflüssig, aber nicht schockierend oder empörend, wie das Hitzfeld denkt. Schon Pascal Zuberbühler wurde ausgepfiffen, als er für die Schweiz spielte, Marco Streller wurde es. Überlebt haben es beide. Bernhard Heusler, der Vizepräsident des FCB, hat wohltuend unaufgeregt festgehalten: «Die Pfiffe gegen Alex Frei sind weder ein Verbrechen noch eine Staatsaffäre.»
Am 17. November spielt die Schweiz letztmals bis zum nächsten Spätsommer im eigenen Land. Grosse Proteste wird Frei an diesem Mittwochabend nicht zu befürchten haben. Der Match findet in Genf gegen die Ukraine statt. Der Verband hat Mühe, dafür überhaupt ein paar Karten verkaufen zu können. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.11.2010, 08:14 Uhr
Kommentar schreiben
128 Kommentare
Frage mich: was und wem nützt dies "per Ende Saison"? Gehen Hitzfeld und Frei im Falle einer Nichtqualifikation zusammen? Muss es annehmen. Aber, die Verantwortung liegt bei Hitzfeld und das Resultat, eine EURO Qualifikation, kann nur die Richtigkeit der Entscheidung bestätigen. Und leider muss befürchtet werden, dass im nächsten Heimspiel im Falle einer Niederlage wiederum gepfiffen wird. Antworten
Sehr geehrter Herr Frei! Ich gratuliere Ihnen zu diesem Entscheid. Eine Persönlichkeit wie Sie, muss man in der CH suchen. Das "Fussballvolk" wird sich irgendwann in den "Hintern" beissen ohne Ihre Präsenz und Aktivität auf dem Platz! Weiterhin viel Glück und Erfolg!!!!!! Antworten

