Es kann keinen zweiten Lionel Messi geben

Zum fünften Mal ist Lionel Messi zum Weltfussballer gewählt worden. Die Geschichte des Argentiniers ist fast so wundersam wie seine Dribblings.

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Es kann keinen zweiten Lionel Messi geben. Nicht, weil der kleine, grosse Fussballer aus Argentinien auf dem Fussballplatz Dinge erfindet, von denen man sich kaum vorstellen kann, dass sie je ein anderer nachspielt. Geschweige denn übertrifft. Aber schliesslich hatte jede Generation ihren Di Stefano, Pelé oder Maradona. Es wird ein Fussballerleben nach Messi geben, der soeben zum fünften Mal den Ballon d'Or gewonnen hat.

Doch nie mehr wird ein kleiner Junge in Rosario seinen ersten Vertrag mit dem FC Barcelona auf einer Serviette einer Kioskbar unterschreiben und mit 13 Jahren die Heimat verlassen, um in Katalonien zum grössten Fussballer seiner Zeit heranzuwachsen. Das verhindern die Regeln der Fifa, die interkontinentale Transfers Minderjähriger untersagt. Und so sinnvoll dieser Paragraph ist, um Kinderhandel zu verhindern; der Welt wäre ein Fussballwunder verwehrt geblieben, hätte die Fifa das Verbot schon im Jahr 2000 durchgesetzt.

Sein Körper blieb einfach acht Jahre alt

Der 13-jährige Messi war nämlich nicht bloss ein kleiner Fussballer. Er war ein Knirps, kaum 1,40 Meter gross. Sein Körper blieb einfach acht Jahre alt. «Lionel ist stehen geblieben», so sagten damals die Freunde auf dem Fussballplatz.

Auch heute soll Messi bloss 1,69 Meter messen. Wahrscheinlich sind es ein paar Zentimeter weniger, das ist so etwas wie ein Betriebsgeheimnis. Doch auch diese Länge hätte er nie erreicht, hätte ihm der FC Barcelona nicht die Wachstumshormone bezahlt. 900 Dollar im Monat kostet die Behandlung. Zu viel für Messis Familie.

Ein Glück, dass Carlos Rexach dem 13-Jährigen beim Spielen zuschaut. Der Sportdirektor des FC Barcelona sieht nicht den stehengebliebenen Winzling. Er sieht einen Knaben, der mehr am Ball kann als alle anderen. Als grosse Leistung mag Rexach seine Entdeckung allerdings gar nicht verkaufen: «Es genügten fünf Minuten, um zu sehen, dass dieser hier auserwählt ist. Sofort war klar, was das für ein besonderer Junge ist.»

Schmerzen in den Knochen, schmerzen in den Muskeln

Die Familie Messi bricht die Zelte in Argentinien ab, sie zieht nach Barcelona. Drei Jahre dauert die Hormonbehandlung. Sie schmerzt in den Knochen. Sie schmerzt in den Muskeln. Sie macht, dass Messi dauernd übel ist. Sie zieht aber seinen Körper so weit in die Länge, dass er gross genug wird, um sich beim FC Barcelona in die erste Mannschaft zu spielen.

Und natürlich wäre ein Messi mit 1,80 Metern Körperlänge nicht der Messi, der nun die Massen verzückt. Sein Schwerpunkt liegt so tief, dass er in einer Geschwindigkeit durch Kurven fliegen kann, bei denen andere sich die Beine brechen würden. Er dreht und trippelt, er tanzt und sprintet, er ist so wendig, dass es sogar einen Effort braucht, um ihn mit einem Foul zu stoppen.

Lange Zeit galt Messi als der nette, zurückhaltende, bescheidene der modernen Fussballgötter. So ganz anders als sein Widerpart aus Portugal, Cristiano Ronaldo, der stets wie ein selbstverliebter Hahn daher schreitet. Und der sich auch nach einem 5:0-Sieg seiner Mannschaft noch ärgern kann, bloss weil er für einmal kein Tor schiessen durfte.

Der Himmel hilf, wenn er die Lust verliert!

Doch auch das Bild von Messi bekam mit der Zeit Risse. Er sei launisch, war zu lesen. Er wolle bestimmen, wer in Barcelona an der Seitenlinie steht. Er achte penibel darauf, dass ihm im eigenen Team keiner vor der Sonne stehe.

Und wenn er mal wieder wie unbeteiligt über den Rasen schleicht, wenn er lustlos wirkt, schrillen in Barcelona alle Alarmglocken. Denn Messi, das ist der FC Barcelona. Und der FC Barcelona, das ist Messi.

Anfang 2015 wurde noch gerätselt, ob «la pulga», ob der Floh die Lust am Fussball verloren haben könnte. Irgendwie desinteressiert schien er. Mit Trainer Luis Enrique soll er nur noch via Mittelsmänner kommuniziert haben.

Der eine, kleine Makel

Was aber danach geschah, machte die Wahl zum Weltfussballer 2015 zur reinen Formsache. Im Dreizack mit Neymar und Luis Suarez fand Messi zum Spass zurück. Und ein Messi mit Spass ist schlicht nicht zu stoppen. Spanischer Meister, spanischer Cupsieger, Gewinner der Champions League, bester Torschütze der Champions League, Gewinner der Club-WM, bester Spieler Europas - mehr geht in einem Jahr ohne Weltmeisterschaft fast nicht. Nur mit der Nationalmannschaft bleibt er notorisch Titellos. An der Copa América gab es wie 2014 an der WM in Brasilien nur Rang zwei.

Dass er mit dem Nationalteam keinen Pokal vorweisen kann, der wirklich zählt, mag ein Makel sein, den der 28-Jährige vielleicht nie loswerden wird. Der Fakt schärft in all der Heldenverehrung auch den Sinn dafür, dass Fussball doch eine Mannschaftssportart ist, in der selbst ein Genie Spiele nicht ohne die Mithilfe seiner Nebenleute gewinnen kann. Auch wenn wir das immer wieder vergessen, wenn wir ihm zuschauen dürfen: Lionel Messi.

(baz.ch/Newsnet)

(Erstellt: 11.01.2016, 20:43 Uhr)

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