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Fussballfest im «Land der Finsternis»

Von Ulrich Krökel. Aktualisiert am 04.01.2012 2 Kommentare

Der EM-Gastgeber Ukraine verbreitet Partystimmung – doch im Rest Europas wachsen die Zweifel.

1/9 An der Silvesterfeier auf dem Majdan-Platz in Lemberg versucht das Organisationskomitee Vorfreude für das kommende Fussballturnier, das auch «ein Fest für den ganzen Kontinent» werden soll, aufkommen zu lassen.
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40 Meter lange Scheinwerferketten formen Pfosten und Latte. Zwischen zwei «goldenen Toren» verwandelt sich die Bühne auf dem Majdan, dem Unabhängigkeitsplatz im Herzen von Kiew, in ein imaginiertes Fussballfeld. Es ist die grösste Silvesterfeier des Landes, bei der rund 20'000 Menschen in Kiew sinnbildlich das Tor ins Jahr der Fussball-EM aufstossen. Die Ukraine richtet die Euro im Juni 2012 gemeinsam mit Polen aus. Und wann liesse sich eine Party besser proben als zu Silvester?

Dass die EM «ein Fest wird», davon sind die Gastgeber überzeugt. Zumindest wiederholen Ukrainer und Polen den Satz seit vielen Monaten wie ein Mantra. «Die Europameisterschaft wird nicht nur ein grossartiges Fussballturnier. Sie wird auch ein Fest für den gesamten Kontinent», schwärmt beispielsweise Alexander Popow vom Kiewer Organisationskomitee. Die ukrainische Hauptstadt ist Austragungsort des EM-Finals. Auf dem Majdan soll im Sommer 2012 eine Fanmeile mit Public Viewing für 70'000 Besucher entstehen und die herbeigesehnte Partystimmung kanalisieren und zugleich anheizen. Zur Sicherheit gab es den Probelauf zu Silvester.

Mobile Generatoren für die Scheinwerfer

Wie nötig der war, zeigt eine Episode, die sich um die goldenen Tore rankt. Kurz vor dem Jahresende hatten Techniker Zweifel an der Belastbarkeit des Kiewer Energieversorgungssystems angemeldet. Und so mussten die Veranstalter mobile Grossgeneratoren heranschaffen, um die Scheinwerferketten mit Strom zu versorgen. Nicht auszudenken, wenn zu Silvester mit einem gewaltigen Knall die goldenen Tore explodiert wären. Kiew hätte zum Start ins EM-Jahr in tiefer Dunkelheit gelegen. Es wäre eine fatale, aber womöglich nicht die falsche Botschaft gewesen. Denn schon jetzt beschreiben Kritiker die Ukraine als ein «Land der Finsternis».

Die Zweifel, ob der grösste rein europäische Flächenstaat des Kontinents der richtige Ort ist, um dort dieses viel beschworene fröhliche Fussballfest zu veranstalten, wachsen umso schneller, je näher der Turnierstart heranrückt. Selbst im Co-Gastgeberland Polen fragen Zeitungskommentatoren bereits: «Können wir es uns erlauben, mit dieser Ukraine gemeinsam eine Fussball-Europameisterschaft zu veranstalten?» Hintergrund ist der «Schauprozess gegen Julija Timoschenko», von dem der ukrainische Box-Weltmeister und Oppositionspolitiker Witali Klitschko im Interview spricht. Das autoritäre Regime von Präsident Wiktor Janukowitsch hat die «schöne Julija» mit dem berühmten blonden Haarkranz einsperren lassen, weil sie dem Staatschef politisch Paroli bietet. So sieht es Klitschko. Und so empfinden es hörbar auch die meisten Fussballfans im Land. Beim Eröffnungsspiel der Kiewer EM-Arena gegen Deutschland im November (3:3) empfingen die Zuschauer den Präsidenten mit einem gellenden Pfeifkonzert.

Timoschenko und die Hunde

Pünktlich zu Silvester deportierte die ukrainische Justiz Timoschenko in eine Strafkolonie im entlegenen Osten des Landes. Das Echo in der europäischen Presse ist verheerend. Von Demütigung und Willkür ist die Rede. Doch nicht nur die Politik bietet viel Anlass zu Kritik. Da ist zum Beispiel auch die Sache mit den Hunden. Seit Wochen schlagen Tierschützer aus dem In- und Ausland Alarm. Häscher würden in den ukrainischen EM-Städten massenweise streunende Hunde und Katzen einfangen, um sie mit Gift zu liquidieren und die Strassen für Fussballtouristen zu säubern. Von mobilen Tierkrematorien ist die Rede. Es sind haarsträubende Berichte, die der Überprüfung vor Ort nicht immer standhalten. Dass es ein Tötungsprogramm gab, bestreitet allerdings nicht einmal die Regierung in Kiew. Sie hat die «Liquidierungen» inzwischen verboten. Doch Zweifel bleiben, ob das Morden tatsächlich aufhört.

Die Hundehatz wirft ein grelles Schlaglicht auf den Umgang der Ukraine mit dem Fussballturnier. Allerorten versuchen die Veranstalter, das Bild zu schönen. Bei der Gruppenauslosung Anfang Dezember flimmerten europaweit Hochglanzszenen aus den Spielstädten Charkow, Donezk, Kiew und Lemberg über die Fernsehschirme, die in den Augen Ortskundiger mit der Realität kaum etwas gemein hatten. Charkow und Donezk sind Industriemetropolen ohne nennenswerte touristische Attraktivität. Und die wunderschöne Lemberger Altstadt, die auf der Welterbe-Liste der Unesco steht, kämpft seit Jahrzehnten gegen den Verfall.

Bessere Bedingungen in Polen

«Ich glaube dennoch, dass die Fans aus dem Westen, wenn sie erst einmal hier sind, das Land und seine Menschen lieben werden», sagt Mathias Brandt. Der Kölner Entwicklungshelfer berät das ukrainische Organisationskomitee. Er bemüht sich um eine realistische Einschätzung der Lage rund fünf Monate vor dem Eröffnungsspiel am 8. Juni. «Es gibt allerlei Defizite, aber die Ukrainer geben ihr Bestes und sind mit Begeisterung dabei», sagt er. «Defizite» gibt es vor allem bei der Infrastruktur, die in einem erbärmlichen Zustand ist. In den Spielorten fehlt es an Hotels. Es bleiben auch Zweifel, ob die für brutale Prügeleinsätze gegen Demonstranten geschulte ukrainische Polizei in der Lage sein wird, bei einem Fussballfest für Sicherheit zu sorgen

Im Co-Gastgeberland Polen ist die Lage anders. Der EU-Staat hat zwar ebenfalls mit Verzögerungen beim Bau von Stadien, Strassen, Bahnhöfen und Flughäfen zu kämpfen. Hinzu kommen Probleme mit gewaltbereiten Hooligans und ein Endlos-Skandal um Korruption im Fussballverband PZPN. Dennoch haben internationale Beobachter wenig Zweifel daran, dass Polen seinen Teil der EM ohne Pleiten, Pech und Pannen über die Bühne bringt. Im Land selbst macht allerdings inzwischen ausser dem Mantra vom europäischen Fussballfest ein weiterer Satz die Runde: «Wir müssen nur aufpassen, dass nicht allzu viel Schatten aus der Ukraine auf Polen fällt.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.01.2012, 18:46 Uhr

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2 Kommentare

Nadine Kugler

04.01.2012, 20:04 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Na ja, alles ist ja nicht das Gelbe vom Ei in der Ukraine (in der Schweiz ja auch nicht), aber "Land der Finsternis" ist schon ein bisschen arg übertrieben. Das wäre wohl eher Weissrussland. Antworten


Peter Müller

04.01.2012, 22:07 Uhr
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Möglicherweise wäre ein Ukraine Guide eine Hilfe für Hrn. Krökel. Charkow zählt 20 Museum und hat kulturell also mindestens soviel zu bieten wie Glasgow - dort würde keiner reklamieren. Die Stadien in der Ukraine sind super - Donezk speziell und da Frankreich dort spielt - wird das eine super Ambiance werden. Von Donezk ans Meer sind es gerade 100 Km. Antworten



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EndeSchweiz - Deutschland5:3
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Stand: 26.05.2012 20:56
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Stand: 26.05.2012 17:02
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Stand: 27.05.2012 08:00
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Stand: 25.05.2012 14:45
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