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GC – schönreden, lächeln, untergehen
Von Ueli Kägi und Thomas Schifferle. Aktualisiert am 29.11.2010 16 Kommentare
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Als die Grasshoppers am Samstag gegen Bellinzona 2:3 verloren, spielte Ciriaco Sforza seine liebste Rolle: die des unaufgeregten, zuversichtlichen Trainers. Sein Auftritt hatte einen wahrlich demonstrativen, theatralischen Zug. Er nahm seine Zuversicht aus der letzten halben Stunde des Spiels mit einem Sturmlauf und zwei Toren vom 0:3 zum 2:3. «Mit Herz, nach vorne, mit Qualität» habe sein Team in dieser Phase gespielt, das sei ein gutes Zeichen, sagte er. Und: «Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir unseren Weg nach oben machen.»
Es gehört zum Prinzip von diesem GC, überzeugt zu sein, dass alles besser wird. Eine andere Erklärung für den flächendeckend verbreiteten Optimismus kann es nicht mehr geben in diesen Tagen. Das führt dazu, dass die Fakten ausgeblendet werden. Und die sind beunruhigend.
Siege nur gegen St. Gallen
Die Grasshoppers haben von ihren jüngsten elf Ligaspielen eines gewonnen. Sie leiden unter ihren vielen Absenzen und spielen mit einer verstärkten U-21. Sie verteidigen miserabel, dafür stehen zehn Gegentore in den letzten drei Partien. Sie liessen Bellinzona mit drei ernst zu nehmenden Angriffen drei Tore erzielen. Sie konnten in bislang 16 Spielen nur zweimal gewinnen – beide Male gegen St. Gallen. Sie haben in der Super League am wenigsten Tore erzielt. Sie stehen am Ende der Rangliste. Und wenn nicht alle Eindrücke täuschen, werden sie auch bis zur Winterpause dort bleiben. Sion auswärts und Basel im Letzigrund sind die letzten Gegner der ersten Saisonhälfte.
Ein «Diamantenschleifer» sei Sforza, hat Urs Linsi dem «Tages-Anzeiger» im Mai gesagt, weil er aus Talenten aus dem Nachwuchs begehrte Spieler forme. Darauf baut das Überlebenskonzept des früheren Nobelklubs, der keine Gönner mehr hat, die Millionen sprechen. Er will Jahr für Jahr die besten Spieler verkaufen und damit das chronisch gewordene Defizit von 5 Millionen Franken ausgleichen. Er gab während und nach der vergangenen Saison ein paar seiner Schlüsselfiguren und grössten Talente (Zarate, Ben Khalifa, Lulic, Seferovic) wirtschaftlich erfolgreich weiter.
Linsis geflügeltes Wort
Aber danach konnte er die entstandenen Lücken nicht vernünftig schliessen. Dafür war die Nachwuchsabteilung nicht gut genug besetzt, weil beim Werben um die besten Jungen im Land längst das Geld bestimmt (und Basel, YB sowie der FCZ den Takt vorgeben). Und weil frühere Klubführungen die Nachwuchsarbeit vernachlässigt hatten, bevor Linsi ein altes Konzept neu lancierte – in der wirtschaftlichen Not lancieren musste.
Anders gesagt: Sforza fehlt jetzt der wesentlichste Werkstoff, um ein Diamantenschleifer sein zu können: der Rohdiamant. Seine Grasshoppers zeigen in diesen Tagen unverrückbare Anzeichen eines Krisenklubs. Sie sind in dieser Zusammensetzung qualitativ ungenügend und in dieser Verfassung nur eines: Abstiegskandidat. Darüber spricht im Verein allerdings niemand. Der Klub lebt lieber die Zuversicht. Das tut der Trainer. Das tun die meisten seiner Spieler. Das tut der Präsident. Nach dem 0:1 Ende Oktober bei YB verkündete Sforza: «Wir greifen noch an.» Und Urs Linsi strahlte glücklich und prägte den Satz, der bereits zum geflügelten Wort geworden ist: «Es kommt schon gut.»
Die Verantwortlichen glauben nicht nur an eine Rückrunde wie in der vergangenen Saison, als die Mannschaft in 18 Partien 39 Punkte gewann und sich von Rang 5 auf Platz 3 verbesserte. Sie rechnen sogar damit. Wieso aber soll es wieder so sein – so ideal, so stürmisch, unterhaltsam, erfolgreich?
Wer soll helfen?
Bei GC steht jetzt der gealterte Benito und nicht mehr der hochtalentierte Sommer im Tor. Sie haben keinen Zarate und Ben Khalifa mehr, die zusammen 22 Treffer erzielten oder wie Zarate auch noch 10 Treffer vorbereiteten. Jetzt haben sie noch Zubers, Freulers, Emegharas, Grafs, Lenjanis, Langs, aber wenigstens von denen ganz viele. Den 16 bislang eingesetzten Mittelfeldspielern und Stürmern gelangen in 132 Einsätzen 11 Tore.
Wer denn soll diese Bilanz aufbessern? Cabanas und Rennella, verbrauchtes Knie der eine, verletzungsanfällige Muskulatur der andere? Vielleicht kehren der Altmeister und das (Sturm-)Talent im Frühling zurück, aber sie werden dann monatelang nicht mehr gespielt haben. Callà? Er ist jetzt ins Mannschaftstraining zurückgekehrt, aber nach seinen vielen schweren Knieverletzungen kann er alles andere als ein dauerhafter Hoffnungsträger sein. Der junge Riedle? Der unbekannte Silas? Es wäre vermessen, auf sie zu setzen.
Auf dem Papier, mit gesunden Spielern, mögen die Grasshoppers zu gut besetzt sein für den Abstiegskampf. Das heisst es in Deutschland von Schalke auch. Nur gibt es einen Unterschied: Schalke leugnet wenigstens die Realität nicht. Und was heisst schon: zu gut? Mit den tatsächlichen personellen Voraussetzungen und der mentalen Belastung im Abstiegskampf kann bei GC niemand ernsthaft mit einer sorgenfreien Rückrunde rechnen. Zudem werden sich die personellen Gegebenheiten nicht verbessern, wenn die Führung an ihren Überzeugungen festhält.
Der Fehler mit Salatic
Die finanzielle Vernunft des Moments, aber nicht der Weitblick bestimmt den Kurs und verankert Prinzipien. Die alternden Boris Smiljanic (34) und Ricardo Cabanas (bald 32) stehen nicht für die spielerische Zukunft. Der Vertrag von Veroljub Salatic läuft im nächsten Sommer aus.
Eine Vertragsverlängerung mit dem 25-Jährigen wäre ein Zeichen, dass der Klub für die Rückkehr an die Spitze wenigstens plant. Salatic ist im aktuellen Kader der Einzige, der die Führungsrolle eines Smiljanic, eines Cabanas einmal wirkungsvoll ausfüllen könnte. Der Klub jedoch will die finanziellen Forderungen des Mittelfeldspielers nicht erfüllen. Er ist nicht einmal bereit, wenigstens zu verhindern, dass Salatic im nächsten Sommer ablösefrei weggeht. Das ist naiv, fahrlässig gar, weil er doch jeden Franken braucht. Und genau das droht ihm: dass Salatic nach zehn Jahren keine Lust mehr hat auf die Grasshoppers. Jedenfalls dürfte es nicht überraschen, wenn er nächstens über seinen Abschied informiert. «GC auf dem Weg zur Billigmarke», stand an dieser Stelle im September vor einem Jahr zum Einstand von Urs Linsi als CEO. GC-Zentralpräsident Andres Iten verteidigte damals das Konzept, konsequent auf Junge zu setzen. Er deutete an, es soll gar so konsequent verfolgt werden, dass GC «den sportlichen Abstieg in Kauf nehmen würde». Und schob den fatalen Satz nach: «Das wäre kein Unglück.» Sforza und seine Mannschaft sind auf dem besten Weg, herauszufinden, ob das wirklich kein Unglück wäre. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.11.2010, 13:09 Uhr
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16 Kommentare
Seit langem ein Artikel der gut ist, weil er Fakten präsentiert und die dann auch gründlich untersucht. Leider ist so eine Qualität Mangelware, und dies auch in anderen Bereichen... Ich würde GC noch nicht abschreiben, aber sie stehen auf des Messers Scheide. Antworten

