Sport
GC zwischen Idealismus und Realismus
Von Thomas Schifferle. Aktualisiert am 10.06.2009 7 Kommentare
Um halb acht Uhr am gestrigen Morgen musste Hanspeter Latour in Zürich am Bellevue sein. Er war pünktlich, aber er hatte sich durch den Verkehr kämpfen müssen. Daran erinnerte er sich, als er dann vor den Gönnern des Griffith-Clubs über die Saison der Grasshoppers redete. Die sei ihm vorgekommen wie die Fahrt zum Bellevue, sagte der Trainer, «nicht jede Ampel stand auf Grün».
Latour und seine Spieler beenden heute gegen den FC Zürich eine Meisterschaft, die alles andere als rund und ruhig verlief. Mit der Vorrunde konnten sie recht zufrieden sein, weil sie sich noch gut auf Kurs zum angestrebten 3. Platz befanden. Mit dem Beginn des März stürzten sie in die Krise, ausgelöst durch die vier Niederlagen in Bern, gegen Sion, in Aarau und Bellinzona innert zwölf Tagen. Sie standen Problemen gegenüber, die für Latour nicht unerwartet gekommen waren. Nachdem in der Winterpause das Kader zahlenmässig ausgedünnt worden war, kündigte er der Klubführung an: «Es kann eng werden.» Und es wurde eng, weil vom Stamm des Herbsts während längerer Phasen gleich die Hälfte fehlte: Smiljanic, Bobadilla, Lulic und Dos Santos sind verletzt (gewesen), Mikari war im Winter zu Sochaux transferiert worden.
Zu viele Verletzte
Besonders ins Gewicht fielen die Dauerabsenzen von Boris Smiljanic und Raúl Bobadilla, vom Abwehrchef und dem besten Torschützen. Das blieb dem Vorstand nicht verborgen, und darum nahm er die Erwartungen, die gemäss Dreijahresplan eine Europacupteilnahme vorgesehen hatten, zurück. Mit dem 4. Rang «müssen wir zufrieden sein», meldet jetzt Erich Vogel, der ab Sommer nur noch Vizepräsident und nicht mehr Sportchef sein will.
Unter den Umständen ist das Ergebnis ordentlich, aber nicht mehr. Latour macht in seiner Rechnung nichts besser, als es ist. Zu 75 Prozent sind für ihn die Erwartungen erfüllt. Die fehlenden 25 Prozent beschäftigen ihn so, dass er immer wieder darauf zu sprechen kommt: auf die verpasste Qualifikation für den Europacup, die er so sehr erhofft hatte.
Latour: Der Glaube an die Mannschaft
Im Vorstand wiederholt Vogel die Vorbehalte an den Auftritten, die im Herbst schon Präsident Roger Berbig formuliert hatte. Auch für Vogel waren sie «zu wenig lustvoll», zu oft eben ein «Geknorze». Seinen Vorgesetzten gesteht Latour diese Kritik zu, damit kann er umgehen. Weit schwerer fiel es ihm, die «Latour raus!»-Rufe, die im Frühjahr in Mode kamen, zu verarbeiten. Und als er in den Zeitungen die eine oder andere Kritik aufspürte, nahm er sich vor: «Ich darf ja nicht dünnhäutig sein. Ich muss Resultate liefern.» Die Mannschaft half ihm mit zuletzt acht Punkten aus vier Runden, seine Position zu stärken. Denn ohne positive Meldungen vom Rasen kann auch er sich nicht bei GC halten.
Seit dem Gewinn der letzten Meisterschaft 2003 verlor GC total 158 Punkte auf den jeweils Ersten, durchschnittlich also 26 pro Jahr. «Es muss meine Motivation sein, diesen Rückstand aufzuholen», sagt Latour im Sitzungszimmer des Campus, geht an den Flip-chart und zeigt, wie er sich die Mannschaft der Zukunft vorstellt. Sie basiert auf dem, was er hat und was aus seiner Sicht gewachsen ist, «und wenn alle da sind, dann ist das gut», fügt er bei, mit der alten Entschlossenheit in der Stimme. Es gibt für ihn im Moment keinen Grund, die alten Pläne zu verwerfen.
Jakupovic und Linz werden GC verlassen
Ja, wenn alle da sind . . . Eldin Jakupovic aber wird sicher gehen. Zum einen hat GC nicht die 1,25 Millionen Euro, um ihn von Lokomotive Moskau zu übernehmen, zum anderen zieht es den Goalie ins Ausland, möglicherweise zu Tottenham. Roland Linz, der Leihstürmer der Rückrunde, kann nicht bleiben, solange Sporting Braga finanzielle Forderungen für eine definitive Übernahme stellt, die für GC nicht einmal im Ansatz erfüllbar sind.
Bobadilla ist der Stürmer, den es früher oder später in eine grössere Liga drängt. Nach einem Gespräch am Mittwoch ist Latour «ganz zuversichtlich», dass der Argentinier noch eine Saison in Zürich bleibt. Vogel gibt sich da reservierter, verweist auf einen Gesprächstermin, den er am Samstag mit Bobadilla hat, und will alles Weitere offen lassen, weil keiner wissen könne, was sich auf dem internationalen Transfermarkt tue.
Bei Smiljanic ist die Fitness das grosse Problem. Zum dritten Mal in Folge hat er den Grossteil einer Saison verpasst, diesmal wegen der Achillessehne und des Knöchels. Bis er wieder spielen kann, wird es möglicherweise September sein.
Vogel: Kein Stadion, kein Geld
In der Branche heisst es, dass Vogel gar fleissig dabei sei, weitere Spieler anderen Klubs anzubieten. Dass er aktiv auf dem Markt ist, gibt er zu, und das sei er, weil er Möglichkeiten suche, um Spielern wie Toko, Zuber, Lalombongo oder Riedle andernorts zu mehr Einsatzminuten zu verhelfen. «Aber ich biete sicher keinen Bobadilla, Lulic, Zarate oder Cabanas an», sagt er, «nein, nein, nein.»
GC wird es schwer genug fallen, nur schon die Substanz zu erhalten, geschweige denn sie zu vergrössern, wie das nötig wäre, um mit realistischen Chancen in den nächsten Titelkampf steigen zu können. Für personelle Träumereien fehlt angesichts des chronischen Defizits von 4 bis 5 Millionen Franken jeglicher Spielraum. Solange unsicher ist, ob das neue Stadion kommt, so lange steigt auch kein Investor ernsthaft bei GC ein. Vermutet Vogel einmal. Und sagt darum mit Blick auf allfällige Begehrlichkeiten Latours: «Es besteht die Chance, dass wir ihn bei den Transfers enttäuschen müssen.»
Ein Torhüter wird kommen müssen. Yann Sommer vom FC Basel ist einer der Kandidaten, über Andrea Guatelli redet Vogel gerne mit dem FCZ, falls der denn zu vernünftigen Konditionen zu haben sei. Für alles andere gilt Vogels Feststellung: «Im Moment ist gar nichts definitiv.» Oder um mit Latour zu reden: Die Ampeln stehen vorwiegend auf Rot. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.06.2009, 15:08 Uhr
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7 Kommentare
Endlich Mal wieder kein GC Bashing oder Latour Bashing oder Erich Vogel Bashing Zeitungsartikel. Guter Artikel. Fehlt nur noch ein Interview von HPL und Erich Vogel dazu. Es gibt nicht nur den hyppen und urbanen möchtegern Trendy-Supi Klub FCZ. Es gibt auch GC. Und GC hat Tradition und sehr viele Anhänger in der ganzen Schweiz. GC wird an die Spitze zurückkehren... Antworten
GC ein Team, welches absolut in der Lage ist um den Titel mitzuspielen. Als Smiljanic (+Vallori) noch nicht verletzt war, hatte GC noch am wenigsten Gegentore kassiert. Mit Lulic haben sie den best Spieler von Bellizona und mit Calla den besten Spieler von St.Gallen geholt. Zudem haben sie mit Zarate und vorallem Bobadilla einen erstklassigen Sturm. Die U21 hat extrem Potenzial! Das kommt gut!!! Antworten











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