Sport

Ivan Ergic: «Spieler werden zum Produkt, Fans zu Konsumenten»

Von Ivan Ergic. Aktualisiert am 14.09.2010 27 Kommentare

«Im Mikrokosmos des Sports existiert fast nichts mehr, worauf man nicht einen Preisaufkleber anbringen könnte», schreibt Ivan Ergic, ehemaliger Captain des FC Basel, in der BaZ.

1/20 Wider die Entfremdung: Beim FCB hob Ivan Ergic (Mitte) die Trennung von Spieler und Fan schon mal auf. Hier beim Spiel FCB–Aarau im Jahr 2007. Hier gibt es weitere FCB-Momente von Ivan Ergic zu sehen…
Bild: Stefan Holenstein

   

Artikel zum Thema

Querdenker Ivan Ergic

Ivan Ergic war von 2000 bis 2009 Spieler beim FC Basel und in dieser Zeit zwei Jahre Captain seiner Mannschaft. Im Jugoslawienkrieg war er mit seiner Familie nach Australien ausgewandert und dort Profifussballer geworden, ehe er als 18-Jähriger von Juventus Turin verpflichtet und in Basel geparkt wurde.

Die Leidenschaft für die Philosophie und sein kritischer Geist haben den serbisch-australischen Doppelbürger zum Schreiben gebracht. Seit einigen Jahren verfasst er Texte für die in Belgrad erscheinende «Politika». Die älteste Tageszeitung des Landes gilt als führendes Blatt. Dort ist auch dieser Text erstmals veröffentlicht worden.

Der 29-jährige Ergic ist seit einem Jahr bei Bursaspor unter Vertrag, trug massgeblich zum überraschenden Titelgewinn in der Türkei bei und spielt nun – nach zwei Teilnahmen mit Basel – erneut in der Champions League, diesmal mit dem Neuling Bursa. In Basel wird er von vielen Fans immer noch hoch geachtet. In einem Interview während seiner Zeit in der Schweiz sagte er einmal: «Das Spiel, die Fans, diese Verbindung gilt es zu behaupten, es ist die Essenz des Spiels.» cok

Stichworte

Die Überkommerzialisierung, die den Fussball und den Sport im Allgemeinen zur Ware hat werden lassen, ist eigentlich nichts anderes als ein Prozess der Entfremdung der Spieler von den Fans. Wie in der Gesellschaft existiert auch im Mikrokosmos des Sports fast nichts mehr, worauf man nicht einen Preisaufkleber anbringen könnte. Als die Leute aus dem «Business» bemerkt haben, was für ein Profitpotenzial im Sport versteckt liegt, schleppten sie ihren Handelsgeist und ihr Kapital in die bis anhin unschuldige menschliche Tätigkeit hinein.

Mit der Zeit verwandelte sich alles in Verkaufsware, und die Professionalisierung und das Marketing haben definitiv und für immer den Sportler vom Fan, im humansten Sinne des Wortes, getrennt. Der Spieler wurde zum Produkt, und der Fan sowie das Publikum sind gewöhnliche Konsumenten respektive zur Kundschaft geworden. Dies ist inzwischen allen klar geworden.

Die Hand von Adam Smith

Mit der Unterstützung der Marketinggurus in den Vereinen und der Bürokraten, die ihren Sitz in der Fifa und der Uefa und keinerlei Ahnung vom Fussball und Sport haben, entstand so eine sportökonomische Struktur, in der die Beziehung zwischen den Fans und dem Sportler von den Marktkräften und deren Logik bestimmt wird. Die famose Smithsche «unsichtbare Hand»* bewegt die Spieler und die Fans wie Figuren, gibt ihnen Identität und Bedeutung, ganz egal, wie sie – insbesondere die Fans – sich dagegen sträuben.

Es ist nicht nur zur Entfremdung gekommen, gleichzeitig wurde die Beziehung zwischen Spielern und Fans auch mystifiziert. Um für die Konsumenten verlockend zu sein, muss der Spieler über eine Unantastbarkeitsaura verfügen. Er muss ein schillerndes Produkt sein, ein Luxusaccessoire, das nur im Schaufenster zu sehen ist. Den Gipfel der Irreführung der Beziehung Fussballer/Fan stellt der Teambus dar. Den meisten Menschen, die Stadien besuchen, muss der neueste Buslook, mit dem die Teams vor dem Stadion erscheinen, aufgefallen sein. Die Fenster sind derart verdunkelt, dass man die Spieler im Bus überhaupt nicht mehr sehen kann. Daneben hinterlassen die obligate Polizeieskorte und die Sicherheitsmannschaften bei der Ankunft den mystischen Eindruck einer königlichen oder diplomatischen Gefolgschaft.

Der Sportler: Kein Mitmensch, sondern eine Marketingstatue

Es gibt keine Knaben mehr, die hinter dem Bus herrennen, um ihre Helden zu sehen. Sie befinden sich eher in einem Geschäft, in dem sie an den Ärmeln ihrer Eltern ziehen, damit diese ihnen die neuesten Fussballschuhe der Fussballstars aus dem Fernsehen kaufen, von denen sie fasziniert sind. Und wenn einige Vereine die kompakte Ankunft des Teams mit dem Bus nicht mehr praktizieren, so existieren in allen modernen Stadien unterirdische Parkhäuser, die mit den Umkleidekabinen und der VIP-Loge direkt verbunden sind, sodass die Spieler, die mit den Autos ankommen, nicht mal für einen Augenblick gesehen werden können.

Solche Vorkommnisse, für viele vielleicht vernachlässigbare Kleinigkeiten, stellen die letzte Stufe der Entfremdung innerhalb der Sportindustrie dar. Genau darüber schrieb Debord**, nämlich dass innerhalb der Spektakelgesellschaft alles voneinander derart entfernt ist, dass heutzutage jede Beziehung, sogar die menschliche, durch Bilder und Vorstellungen vermittelt wird. Der Fan steht zum Sportler nicht in einer Beziehung wie zu einem anderen Mitmenschen, sondern in einer zu dessen medialem Bild oder der Marketingstatue, die er verkörpert.

Einst gingen die Spieler mit dem Fans Bier-Trinken

Der Fussballer und der Fan haben keinen Treffpunkt mehr. Es ist zu erwarten, dass es, nach der elitären kapitalistischen Lebenslogik, zur gesellschaftlichen Abtrennung des gut bezahlten Sportlers selbst kommen wird. Er hat keine Berührungspunkte mehr mit dem gewöhnlichen Menschen, was sein Fan eigentlich ist. Einst gingen die Spieler nach den Matches spontan mit den Sportfans zu den gleichen Treffpunkten, tranken ein Bier und tauschten Erfahrungen aus, während sie sich heute nicht mehr kennen.

Die sportlichen Superstars und Sternchen leben und bewegen sich in einer Art gesellschaftlicher «Séparées» und sind vollkommen unantastbar geworden. Der moderne Sportler hat eine Hollywoodisierung der eigenen Persönlichkeit erlebt, ohne dies überhaupt zu merken, die mit gleichen Techniken erfolgte, mit denen einst die mächtigen Produzenten der grossen Studios ihre Schauspieler nicht nur auf der Leinwand, sondern auch in deren Privatleben mystifizierten, damit sie noch anziehender wurden.

Beziehung einer Firma zu ihrer Kundschaft

Innerhalb des Sports selbst oder des eigentlichen Spielerlebnisses, dort also, wo das Verhältnis Spieler/Fan wenigstens einigermassen spontan sein sollte, ist es ebenfalls künstlich. Beginnend bei der pflichtgemässen Publikumsbegrüssung vor Spielbeginn bis zum fast rituellen Applaus am Spielende in Richtung der Fans, als Dankbarkeitsausdruck für die Unterstützung. Und sollte allenfalls das Spiel verloren gehen und die frustrierten Spieler können es kaum erwarten, sich in die Umkleidekabine zu flüchten, so warten am Spielfeldrand Medienbetreuer oder Manager auf sie, die sie zurückbeordern, um das Publikum zu grüssen, das in diesem Moment selbst genervt ist und höchstwahrscheinlich zornig pfeift.

Diese Beziehung unter Zwang ist nichts anders als eine geplante Beziehung einer Firma zu ihrer Kundschaft, die zufrieden gestellt werden soll, da der Kunde König ist. In diese Art von Relationen fallen auch verschiedene Promotionstätigkeiten wie organisierte Autogrammstunden oder Fanclubbesuche, die von den Spielern mehr oder weniger als eine Art Bestrafung erlebt werden. All dies sind Vertragsverpflichtungen, die jede ernsthafte Handelsgesellschaft, die auf ihre Beziehung zu den Konsumenten achtet, zuerst bei der Vertragsunterzeichnung mit Angestellten, also den Spielern, absichert. Diese Beziehungsart ist ein Äquivalent für das gekünstelte Lächeln der Verkäuferin, die in den letzten Stunden ihrer Arbeitszeit, obwohl sie vor Müdigkeit fast umfällt, den Kunden zu charmieren versucht.

Anspruchsvolle, ungeduldige Fans

Der Fan ist sich endlich bewusst geworden, dass er auf einen ganz gewöhnlichen Konsumenten und Kunden reduziert wurde. Und während sich der Spieler als verwöhnter Star verhält, geriert sich der Erstere selbst als verwöhnter Gast oder Besucher, der sein Ticket bezahlt hat und sich wünscht, dass man ihm eine hochklassige Partie und wenn möglich eine Show abliefert. Falls er als Konsument unzufrieden sein sollte, hat er jedes Recht, auf seine Art und Weise seinen Unmut zu äussern. Selbst die, die ihrem Verein am ergebensten sind und sich somit klar vom klassischen Konsumenten abgrenzen, verlieren immer häufiger die Geduld, was sich in Tiraden und Zurufen äussert.

In der Zusammensetzung der Parolen, Beleidigungen und Pfiffe, mit denen die Fans die Fussballer beehren, ist vielleicht das Skandieren der Fans der deutschen Bundesliga am bezeichnendsten. Bei den ersten schlechten Resultaten oder falls ihr Team nicht erwartungsgemäss spielt, hört man praktisch vom ganzen Stadion sofort: «Scheissmillionäre!» Darin ist das ganze verborgene Wesen der modernen Sportproduktion und deren Bestimmung beinhaltet. Dem Profisportler im hyperkommerzialisierten Sport wurden enorme Geldmengen und Beachtung zuteil, sodass sämtliche Frustrationen über das gewöhnliche Fussballresultat bis hin zur elementaren gesellschaftlichen Ungerechtigkeit auf ihn abgewälzt werden. Er wurde von jenen exponiert, die dirigieren und tatsächlich Inhaber der Sportwirtschaft sind, von jenen, die in all dem unberührt bleiben.

Sich mit Entzündungshemmern vergiften

Der Fussballer und der Fan sind empathisch getrennt – und dies ist die schlechtest mögliche Entfremdungsart. Wären sie einander näher, dann hätte der Spieler mehr Gefühl für den Fan, der sein letztes Geld für die Saisonkarte oder ein fernes Gastspiel ausgibt, während andererseits der Fan mehr mit dem Spieler mitfühlen würde, der sich unter konstantem Druck befindet und gezwungen ist, sich mit Entzündungshemmern zu vergiften oder Kortison einzunehmen.

So aber haben sowohl der eine als auch der andere die klar definierten Rollen und Erwartungen. Beide sind Opfer der brutalen Erfolgslogik und der Kommerzialisierung, die ihnen aufgedrängt worden sind, nur mit einem Unterschied, wie Karl Marx dies formulieren würde: dass sich der eine in seiner Entfremdung bequemer fühlt. Aber auch das ist fraglich. Es ist fast unmöglich, der Beziehung zwischen dem Spieler und dem Fan einen Sinn zu geben und auf ein höheres Niveau als auf rein kommerziellen Determinismus hochzuheben. Zuerst müssten sich beide Seiten vollkommen der eigentlichen Entfremdung und deren Wesen bewusst werden, um sich einander nähern zu können.

* Adam Smith, schottischer Ökonom und Moralphilosoph (1723–1790).
** Guy Debord, französischer Künstler, Autor, Filmemacher und Philosoph (1931–1994).
(Basler Zeitung)

Erstellt: 14.09.2010, 18:07 Uhr

27
Werbung

27 Kommentare

Reto Kuenzli

15.09.2010, 18:09 Uhr
Melden 2 Empfehlung 0

Ivan Ergic, ein Mensch, der mich beeindruckt. Einer, der offenbar nicht nur Fussball spielen kann. Einer eben, der das ganze System hinterfragt. Einer der denkt, der kritisch ist und das auch meisterhaft zum Ausdruck bringen kann. Einer, der mit den Fans in der Muttenzer-Kurve steht wie du und ich. Alles Dinge, die ich toll finde. Wenn da nur das viele Geld nicht wäre, das auch er gerne kassiert. Antworten


cenk bulut

17.09.2010, 21:02 Uhr
Melden 2 Empfehlung 0

Ivan kritisiert den Kapitalismus in seiner Totalität und einige werfen ihm dann vor,dass dem System eben eine Totalität immanent sei.Krank.Jeder Beruf hat seine Funktion im Kapitalismus.Ob er jetzt ein Bäcker oder Bankchef ist, spielt eben KEINE Rolle.Ivan tut einfach das,was er gerne macht. Er spielt Fussball, weil er es liebt F zu spielen. Ob er nun wenig oder viel verdient,ist dem System egal. Antworten



Umfrage

Schafft es Xhaka, sich beim Grossclub durchzusetzen?