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Kein Wunder, sondern bittere Real-ität

Von Marcel Rohr, Madrid. Aktualisiert am 17.09.2014 15 Kommentare

Der FC Basel wird zum Start in die Champions League von Titelverteidiger Real Madrid mit 1:5 überfahren. FCB-Trainer Sousa hatte sich im defensiven Bereich wieder etwas Neues ausgedacht – ohne Erfolg.

Schnellzug trifft auf Güterzug. Reals Gareth Bale (am Ball) erzielt das 2:0, dem Basler Teamsenior Walter Samuel bleibt nur noch das Zuschauen.

Schnellzug trifft auf Güterzug. Reals Gareth Bale (am Ball) erzielt das 2:0, dem Basler Teamsenior Walter Samuel bleibt nur noch das Zuschauen.
Bild: Keystone

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Der Start in die europäische Königsklasse ist dem Schweizer Vorzeigeclub – nicht ganz unerwartet – missraten. Das 1:5 gegen Real Madrid ist keine Jahrzehntklatsche wie das 0:7 gegen Bayern München im März 2012. Aber etwas mehr hatten sich die Basler im stillen Kämmerlein bestimmt ausgerechnet, zumal Real Madrid nicht in Bestform schien und die letzten beiden Liga-Spiele verloren hatte. Doch es kam anders.

Vor einem Jahr hatte der FCB die Champions-League-Saison mit einem 2:1-Sieg gegen Chelsea eröffnet. Es war das Wunder von London. Gestern erlebte er höchstens das blaue Wunder von Madrid, weil er in allen Belangen überfordert war. 14 Minuten lang vermochte der Schweizer Serienmeister das 0:0 zu halten, er spielte sich sogar zweimal ansehnlich durchs Mittelfeld der Spanier.

Doch dann kombinierten sich diese am rechten Flügel erstmals durch, nach einem Doppelpass mit James Rodriguez schoss Nacho auf das Tor, Marek Suchy lenkte den Ball unglücklich ab – 1:0 für Real. Damit war bei den Königlichen der Bann gebrochen, jetzt lief der Ball mühelos durch die Reihen. Nach einer halben Stunde erzielte Gareth Bale das 2:0, vorangegangen war ein herrlicher Steilpass von Luka Modric. Nun schienen im Estadio Bernabéu alle Dämme zu brechen. Cristiano Ronaldo erhöhte nur eine Minute später auf 3:0, James Rodriguez schoss per Abstauber das 4:0 (37.), die Abwehr der Basler hatte sich längst in Luft aufgelöst. «Wir standen zu weit auseinander und waren phasenweise zu naiv», sagte Trainer Paulo Sousa später, «deshalb konnte uns Real wehtun».

Diesmal eine Dreierkette

Nach der 1:3-Niederlage gegen GC vom Samstag hatte sich Sousa im defensiven Bereich wieder etwas Neues ausgedacht. Er schickte mit Schär, Samuel und Suchy eine Dreierreihe auf den Platz, die Aussenbahnen sollten Xhaka (rechts) und Safari (links) verriegeln. Was in der Super League in dieser Zusammensetzung noch nie ausprobiert wurde, sollte nun plötzlich für die Königsklasse genügen – reines Wunschdenken. In Sachen Tempo und Zweikampfhärte erreichte die rotblaue Abwehr zu keiner Sekunde Champions­-League-Format.

Doch es gab auch Lichtblicke. Derlis Gonzalez, der junge Stürmer aus Paraguay, vermochte noch vor der Pause auf 1:4 zu verkürzen (38.). Er hatte einen schönen Steilpass des agilen Luca Zuffi gekonnt abgeschlossen – allerdings war der Schuss haltbar, was die Beziehung des strengen Madrider Publikums zum zunehmend umstrittenen Keeper Iker Casillas nicht vereinfachen wird.

Die Spanier drosselten das Tempo

Wenigstens konnten die Basler das 1:4 in die Kabine retten und sich neu sammeln. In der zweiten Hälfte liessen sie weniger zu, allerdings drosselten die Spanier nun merklich das Tempo und taten nur noch das Nötigste. Die Gäste aus der Schweiz dagegen mühten sich nach Leibeskräften, vor allem Gonzalez sorgte immer wieder für Unruhe vor dem Real-Tor. Beinahe gelang ihm das 2:4, doch Iker Casillas lenkte den Ball zur Ecke (67). Und Fabian Schär hatte Pech mit einem Pfostenschuss (76.)

Für die Real-Stars hatte die zweite Halbzeit reinen Pflichtcharakter, und die Stars Gareth Bale und Cristiano Ronaldo übertrieben es mitunter mit ihrem Eigensinn.

Herrlich herausgespielt war dagegen das 5:1 von Karim Benzema nach einem Doppelpass mit «CR7» – der Franzose hämmerte den Ball wuchtig unter die Torlatte (79.). Das wars dann vom weissen Ballett an diesem milden Dienstagabend. Der Titelverteidiger hatte seine Pflicht erfüllt und alle Ikonen im Angriff ihr obligates Goal geschossen: Ronaldo, Bale, Rodriguez, Benzema. Wenn sie voll durchgezogen hätten, wäre auch ein 9:1 möglich gewesen. Doch dies kümmerte Trainer Carlo Ancelotti wenig. «Wir haben in der Offensive Lösungen gefunden, Tore geschossen und dann den Match kontrolliert, das Bernabéu war happy», meinte der «Mister» von Real.

Weit weg von gutem Niveau

Und der FCB? Wer eine Niederlage in der Champions League gegen Real Madrid beklagt, jammert auf höchstem Niveau. Ein 1:5 in der Fussball-Kathedrale von Europa: Das ist schon anderen Teams passiert. Doch die Mannschaft von Paulo Sousa war weit weg von jenem Niveau, das es für eine Sensation gebraucht hätte. Die Abwehr wirkte nicht eingespielt, die Automatismen fehlten, weil Sousa zum x-ten Mal umgestellt hatte.

Und im Angriff fehlte es halt doch an der nötigen Durchschlagskraft, was auch nicht nur erstaunt, wenn mit Shkelzen Gashi der beste Torjäger 90 Minuten lang auf der Ersatzbank sitzt. Die vielen Personal- und Taktikwechsel werden die Debatten um den Portugiesen nähren; es wird nicht ruhiger um Paulo Sousa, schon gar nicht nach einem 1:5. Das ist bittere Real-ität. (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.09.2014, 07:36 Uhr

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15 Kommentare

felix berger

17.09.2014, 08:21 Uhr
Melden 105 Empfehlung 5

Real spielt zu Hause mit einer soliden 4er Kette und Sousa meint das Rad neu erfinden zu müssen und spielt Auswärts mit drei Innenverteidigern die so noch nie zusammen gespielt haben und zwei Aussen die verriegeln oder stürmen sollten – dafür fehlt im Mittelfeld ein Abräumer. Sousa ist definitiv noch in der Ausbildungsphase und blamiert so seine Spieler und den FCB. Antworten


michael thomas

17.09.2014, 08:27 Uhr
Melden 83 Empfehlung 4

Zum Glück war für Real die zweite Halbzeit nur noch leichtes Auslauftraining. Gegen Real haben schon bessere Mannschaften hoch verloren (Schalke 04 zu Hause). In der aktuellen Verfassung ist der FCB kein Kandidat für einen nationalen Titel. Gewinnt er die nächsten Spiele gegen Winterthur und Vaduz nicht, wird das teure Missverständnis Paulo Sousa vermutlich entlassen. Wir hoffen auf Besserung. Antworten