Lockerer Umgang mit den Doping-Richtlinien in der Bundesliga
Michael Meier, Manager des 1. FC Köln, sagte am Sonntag im «Doppelpass» von DSF, eine einjährige Sperre gegen die Hoffenheimer Spieler Andreas Ibertsberger und Christoph Janker wäre eine «Ungeheuerlichkeit». Deutschlands Alt-Meistertrainer Udo Lattek konnte ebenso wenig verstehen, warum man um zehn Minuten Verspätung ein derartiges Aufsehen machen könne.
Solche Reaktionen sind typisch für eine Branche, die sich mit dem Thema Doping unverändert schwer tut. Dirk-Reiner Martens, Richter am Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne, scheint das nicht zu überraschen. In einem Interview mit der «Welt» aus Berlin erklärt er jedenfalls: Fifa-Präsident Sepp Blatter lasse keine Gelegenheit aus, um zu sagen, Doping beträfe seine Sportart nicht. Blatter sei zudem einer der schärfsten Kritiker der Welt-Antidoping-Agentur (Wada) - «das sagt viel aus».
Die zehn Minuten, die Ibertsberger und Jancker am 7. Februar nach dem Spiel in Mönchengladbach verspätet zur Dopingkontrolle erschienen, mögen auf den ersten Blick eine Nichtigkeit sein. Sie machen gerade einmal 0,002 Prozent eines ganzen Jahres aus. Aber sie bieten Zeit genug, um die Spuren allfälliger Dopingvergehen zu verwischen: um Waschmittel in die Harnröhre einzuführen, was Doping-Substanzen verdeckt, oder um mit einem Katheder den Urin auszutauschen. Wer nicht pünktlich zur Kontrolle erscheine, hält Martens fest, «begeht einen Dopingverstoss».
Den Klubverantwortlichen sind die Regeln bekannt. Der Ablauf ist minuziös vorgeschrieben, wenn ein Dopingkontrolleur in Aktion tritt. Für Spiele der Uefa lautet er so: In der Halbzeitpause werden zwei Spieler jeder Mannschaft ausgelost, dazu zwei auf Reserve. Dieser Auslosung wohnt je ein Vertreter beider Teams bei, und sie ist verdeckt. In der 75. Minute öffnet der Kontrolleur, einer von rund 60 Ärzten mit Uefa-Lizenz, die Umschläge mit den Namen jener Spieler, die an der Dopingkontrolle anwesend zu sein haben - wiederum im Beisein der Klubvertreter. Diese sind verantwortlich, dass die betreffenden Spieler vom Los erfahren.
Nicht anders als bei Velofahrern
Nach dem Schlusspfiff ist jedem Spieler ein Helfer des Kontrolleurs zugewiesen, ein sogenannter Chaperon. Dieser nimmt den zu Kontrollierenden am Spielfeldrand in Empfang und führt ihn zur Kontrolle. Unterwegs darf der Spieler in der Mixed-Zone wohl Interviews geben, «Umwege sind im Prinzip aber nicht erlaubt», sagt Urs Vogel, seit 19 Jahren Mitglied der medizinischen Kommission der Uefa und ehemaliger Arzt der Nationalmannschaft. Ein Umweg wäre der Gang in die Umkleidekabine. Möchte ein Spieler vor oder während der Kontrolle trotzdem duschen, weil er kalt hat, zu verdreckt ist oder es lange dauert, bis er die Probe abgeben kann, «muss der Chaperon mit dem Ausgewählten in die Dusche und diesen die ganze Zeit beobachten können», hält Richter Martens fest.
Für die Schweiz gelten diese Richtlinien auch; mit dem Unterschied, dass in der Swiss Football League nicht der Verband selbst, sondern die Nationale Antidoping-Agentur (Nada) die Tests durchführt. Unmittelbar nach Spielschluss sei keiner der ausgelosten Spieler mehr unbeobachtet durch die Kontrolleure, schildert GC-Medienchef Eugen Desiderato seine Eindrücke aus dem Alltag. Eine Besonderheit ist das indes nicht, so ergeht es jedem Etappensieger in der Tour de France.
Auch in Deutschland sind die Regeln klar. «Laut Statuten müssen die Spieler umgehend zur Dopingkontrolle erscheinen», betont Martens. Vor diesem Hintergrund irritiert die Aussage von Hoffenheims Trainer Ralf Rangnick erst recht, wonach in der Bundesliga die Doping-Richtlinien nicht immer genau befolgt würden und die Spieler vor der Kontrolle noch kurz in die Kabine gehen dürften. Und indem er anfügte, das sei nicht nur in Hoffenheim so, sondern auch bei anderen Vereinen, hat er nur einen Vorwurf an die Fussballer bestätigt: dass sie es in diesem sensiblen Thema nicht genau nehmen.
Der Deutsche Fussball-Bund (DFB) hat sofort reagiert und Rangnick aufgefordert, seine Aussagen zu konkretisieren. Die «Süddeutsche Zeitung» glaubt, dass Rangnick «kein Hirngespinst» verbreitet habe, und zitiert anonym einen Bundesligatrainer: «Es hätte jedem von uns passieren können, nun hat es Hoffenheim erwischt.»
Hintertür für die Hoffenheimer?
Die Rechts- und Verfahrensordnung des DFB schreibt für ein Vergehen wie im Fall von Ibertsberger und Janker «eine Sperre von zwei Jahren» vor. Aber können die Spieler nachweisen, dass kein Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit vorliegt, kann das Strafmass «auf maximal die Hälfte» reduziert werden. Vielleicht öffnet sich den Hoffenheimern gar eine Hintertür. Paragraph 10.5.1 des Wada-Codes besagt: «Weist ein Athlet im Einzelfall nach, dass ihn kein Verschulden trifft, so ist von der (...) Sperre abzusehen.» An den Spielern ist es also zu beweisen, dass sie von der Kontrolle nichts wussten.
Von solchen Manövern hält Armin Baumert gar nichts. Der Vorsitzende von Deutschlands Nationaler Anti-Doping-Agentur findet, dass auch Fussballer lernen müssten, ganz klare Regeln einzuhalten. Darum fordert er für die Hoffenheimer: «Null Toleranz.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.02.2009, 07:56 Uhr
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