Sport

Marco Strellers leidvolle Geschichte

Von Thomas Schifferle, Crans. Aktualisiert am 27.05.2010

Im Umfeld von EM und WM ist der Nationalstürmer nie glücklich geworden. Jetzt fällt er wieder verletzt aus.

Pechvogel: Marco Streller muss auf die WM in Südafrika verzichten.

Pechvogel: Marco Streller muss auf die WM in Südafrika verzichten.
Bild: Keystone

Vor zwei Wochen sagte Ottmar Hitzfeld: Marco Streller habe sich nach seinen Verletzungen grandios zurückgemeldet, er sei ein grossartiger Leistungsträger. Es war an jenem Tag, als der Nationalcoach in Zürich sein WM-Kader benannte.

Gestern gab er seine erste Pressekonferenz in der nüchternen Umgebung des «Centre de Congrès» in Crans-Montana und warf den kurzen Satz hin: Sie hätten am Morgen trainiert, 11 gegen 11, und Marco Streller sei angeschlagen. Dass er dann von «muskulären Problemen» redete, liess nichts Gutes erahnen.

Am Abend bestätigte sich, dass für den Stürmer die WM in Südafrika beendet ist, bevor sie überhaupt angefangen hat. Die unheilvolle Diagnose hiess: Muskelfaserriss im linken Oberschenkel. Zugezogen hatte er sich die Verletzung am Morgen, nachdem die Mannschaft von Crans-Montana ins Tal hinuntergefahren war, um in Siders im Schatten der mächtigen Aluminiumfabrik Alcan und hinter geschlossenen Türen zu trainieren.

Der verschossene Elfmeter

Streller und die grossen Turniere – das ist keine schöne, sondern eine leidvolle Geschichte. 2004, damals war er erst 23 und einer der stürmenden Hoffnungsträger des Schweizer Fussballs, damals also prallte er im Training auf dem Freienbacher Chrummen so mit Marco Zwyssig zusammen, dass Schien- und Wadenbein brachen und die EM in Portugal ohne den schlaksigen Basler stattfand.

2006 kam die WM in Deutschland. Streller durfte gegen Frankreich das Startspiel der Schweiz beginnen, danach fand er sich auf der Ersatzbank wieder, weil Köbi Kuhn sich lieber auf ein System mit einer Sturmspitze verliess. Die hiess Frei. Im Achtelfinal gegen die Ukraine wurde Streller nach einer Stunde für Yakin eingewechselt. Das berühmte Penaltyschiessen folgte.

Mit Frei und Yakin waren die besten Elfmeterschützen zu der Zeit nicht mehr im Einsatz. Streller musste schiessen, er tat es widerwillig. Einer habe ja die Verantwortung übernehmen müssen, erzählte er später. Er glaubte, der Goalie gehe nach rechts, also wollte er nach links schiessen, «herausgekommen ist dann dieser Sch…», sagte er. Er war kläglich an Goalie Schowkowski gescheitert – und fortan der Buhmann des Schweizer Fussballs.

Die Probleme an der Heim-EM

Dass er vor seinem Versuch mit der Zunge geschnalzt hatte, wurde ihm besonders vorgehalten – als Zeichen von Arroganz. Dabei war die Geste nur Ausdruck seiner Nervosität.

Dann folgte 2008, die EM im eigenen Land. Streller war inzwischen aus Stuttgart nach Basel heimgekehrt und das Feindbild in Schweizer Stadien geblieben. Acht Tage vor dem Beginn des grossen Turniers testete das Nationalteam in St. Gallen gegen Liechtenstein, Streller wurde vom eigenen Publikum wieder ausgepfiffen, wie schon im Herbst zuvor in Genf gegen Holland, und kaum war das Spiel aus, kündete er an, er werde nach der EM aus dem Nationalteam zurücktreten. Er wurde als «Heulsuse» verspottet. Nach einem einzigen Spiel war die EM für Streller beendet. Vergeblich hatten die Ärzte versucht, seine Probleme im Bereich der Adduktoren und Leiste mit schmerzstillenden Spritzen bekämpfen zu können. Bevor Streller operiert wurde, gab er seinen Rücktritt vom Rücktritt bekannt. Er war vom neuen Coach Ottmar Hitzfeld zu beeindruckt, um am Rückzug festzuhalten.

Diesen Sonntag nun war er voller Selbstvertrauen ins Trainingslager eingerückt, denn hinter ihm lag die wohl beste Saison seiner Karriere. Er hatte 30 Tore in 41 Einsätzen geschossen, allein 21 in 29 Meisterschaftsspielen. Zusammen mit Frei bildete er ein starkes Angriffsduo. Doch was wäre eine Saison für Streller ohne Probleme gewesen: Im April fehlte er, weil er sich den Wadenbeinkopf gebrochen hatte, Cupfinal und Finale in Bern verpasste er, weil er sich einen Oberschenkelmuskel gezerrt hatte.

38 von 67 Spielen verpasst

Streller ging in die Vorbereitung der WM auch im Wissen, hinter Klubkollege Frei und Blaise Nkufo Stürmer Nummer 3 zu sein. Jetzt bleibt ihm nur der Platz in der ersten Reihe daheim vor dem Fernseher – wie schon oft in der Vergangenheit. Wegen des Beinbruchs spielte er fast eineinhalb Jahre nicht mehr für die Schweiz, von April 2004 bis August 2005. Nach der Heim-EM fehlte er dem Nationalteam bis zum August des folgenden Jahres. Die Statistik sagt viel darüber aus, wie oft der lebensfrohe Basler unter seinem fragilen Körper litt. Von 67 möglichen Länderspielen seit seinem Beinbruch bestritt er nur 29. Deshalb ist er knapp sieben Jahre nach seinem Debüt erst bei 32 Einsätzen (und 11 Toren) angelangt.

Am gestrigen Nachmittag, als sich die Ärzte mit Strellers Verletzung beschäftigten, trainierte die Nationalmannschaft wieder in der Höhe von Lens. Hitzfeld konnte dabei nur mit 20 Spielern arbeiten. Tranquillo Barnetta bewegte sich abseits der Gruppe, Valon Behrami fehlte gar ganz. Barnetta spürte Schmerzen in der Hüfte, Behrami im Knie. «Nichts Ernstes», sagte Teamarzt Cuno Wetzel. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.05.2010, 07:49 Uhr

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