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Putins «Grüezi»

Von Ueli Kägi und Thomas Schifferle. Aktualisiert am 03.12.2010 425 Kommentare

Der russische Ministerpräsident flog doch noch in Zürich ein. Aber erst, nachdem sein Land den Zuschlag für die WM 2018 erhalten hatte. Eine Stunde dauerte seine Audienz – er stellte sich auch kritischen Fragen eines Engländers.

1/10 Er hats wieder mal gerichtet: Wladimir Putin, Russlands Regierungschef.

   

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Es war ein einziger Schrei der russischen Delegation, lange und schrill, nachdem Sepp Blatter das Couvert geöffnet und den Zettel herausgezogen hatte. Russland hatte da drauf gestanden. Der stellvertretende Ministerpräsident Igor Schuwalow erklärte: «Sie haben uns mit der WM 2018 beauftragt. Wir versprechen, Sie werden es nicht bereuen. Zusammen schreiben wir Geschichte.»

Für später war eine Pressekonferenz der Wahlsieger versprochen. Alexei Sorokin, Präsident des Bewerbungskomitees, erschien und hatte nur eine Meldung zu machen. Es würden bis 21 Uhr keine Fragen beantwortet. Die Ehre, den Triumph zu geniessen, sollte und wollte allein Wladimir Putin geniessen.

Um 17.30 Uhr flog Putin in Kaliningrad los, eine Stunde nach der offiziellen Bestätigung, dass Russland die WM erhält. Ein bisschen verspätet war er dann, und alle warteten geduldig auf den Ministerpräsidenten des Riesenreichs mit den neun Zeitzonen und der gut 414fachen Fläche der Schweiz. In vorderster Reihe des Auditoriums in der Zürcher Messe tat das selbst Milliardär und Chelsea-Besitzer Roman Abramowitsch. Normalerweise scheut er die Öffentlichkeit. Jetzt posierte er gar zwei- oder dreimal für persönliche Erinnerungsbilder. Es war nur ein Detail, ein kleines zumal, aber so vielsagend für diese Stunde des russischen Triumphs.

Fussball ersetzte Heizung

Halb 10 war kurz vorbei, als Putin die mächtige Bühne betrat und problemlos allein ausfüllte. «Grüezi», sagte er, ein «good evening» folgte, dann hob er in tadellosem Englisch zu einem Monolog an. «Zuerst möchte ich Präsident Blatter danken. Es ist uns eine Ehre, die WM erhalten zu haben. Ich sage aus tiefstem Herzen: Danke.» Wladimir Wladimirowitsch begann, eine Geschichte zu erzählen aus seiner Jugend in Leningrad – von der Stadt, die im Zweiten Weltkrieg so schwer beschädigt und in der er 1952 geboren worden war, von Tagen ohne Strom, Essen und Heizung – «ohne Heizung im russischen Winter», betonte er und sagte: «Aber wir hatten den Fussball. Der half uns sogar in dieser traurigen Zeit. Fussball bringt einen Funken in das Leben von Jungen und Alten.»

Und er redete weiter, erzählte von der Bedeutung der Bewerbung für Russland und verkündete: «Sie können mich beim Wort nehmen: Die Stadien werden fertig sein, sie werden modern sein, wir geben uns alle Mühe, dass sich die Gäste wohl fühlen. Sie werden visafreien Zugang in unser Land haben und Gratisreisen zwischen den Städten. Das ist nicht schlecht, das ist überhaupt nicht schlecht.» Sagte er und lächelte, beendete die fünfminütige Rede («Danke für Ihre Aufmerksamkeit») und gab die Runde frei für Fragen.

Putin gab sich offen, offensiv, «seien Sie nicht bescheiden», sagte er einmal, «Sie können Ihre Frage stellen». Und er redete und redete, als wolle er jede Minute auskosten. Natürlich war da auch die Frage, warum er nicht schon zur Präsentation der Kandidatur angereist sei. Er antwortete auf diese und jene Art, sagte, der Entscheid sei sehr kompliziert gewesen, doch überzeugend war er dabei nicht. Am Ende stand nur der eine Satz: Er habe das aus Respekt vor der Fifa getan, die von anderer Seite unhaltbar und unfair unter Druck gesetzt worden sei.

Der Traum vom WM-Titel

Fünf Premierminister und ein künftiger König machten in Zürich den Knicks vor der Fifa-Exekutive. Ob er denn ein clevererer Premier sei, weil er vor der Wahl darauf verzichtet habe, wurde Putin gefragt. Er schüttelte den Kopf so, dass man spürte, was er empfand, nämlich dass er geschmeichelt war. «Danke vielmals», sagte er schliesslich, «das höre ich gerne.» Er redete von den Folgen der Finanzkrise, beruhigte aber mit dem Hinweis, dass sein Land «500 Milliarden Dollar Goldreserven» habe, und versprach, ganz Politiker: «Die Wirtschaft wird wieder aufblühen.»

Ein Engländer fragte: «Wurde England bei dieser Wahl betrogen?» Putin, bekannt als Politiker der harten Hand, blieb ganz entspannt. «Nein», sagte er und erntete Lacher von seinen Landsleuten. Was ist mit dem Rassismus, der im russischen Fussball ein grosses Problem ist? «Ethische Intoleranz gibt es überall, auch im Westen von Europa, in der ganzen Welt», entgegnete er, «aber wir werden dieses Problem bekämpfen.»

Putin ist der Mann der Grossanlässe. 2013 findet die Universiade in Kazan statt, 2014 die Olympischen Winterspiele in Sotschi und danach eben die Fussball-WM. Was ihm lieber sei, die Winterspiele oder die WM ins Land zu holen? Er habe es einfach gerne, wenn Russland eine Wahl gewinne, antwortete er. Und dass er es gerne hätte, wenn die russische Mannschaft 2018 siegen würde, schob er noch nach. Eine Stunde dauerte seine Audienz. Dann ging er – von zehn Bodyguards bewacht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.12.2010, 06:40 Uhr

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425 Kommentare

Lorenzo Balmelli

02.12.2010, 20:29 Uhr
Melden

wir brauchen di fifa nicht in zürich. niemand braucht die fifa! soll sie ihren hauptsitz gleich mit in die wüste verlagern! Antworten


Werner Fürst

02.12.2010, 19:52 Uhr
Melden

Und jetzt, nach dieser feinfühligen, ergreifenden Zeremonie der Weltmeisterschafts-Vergabe, zu der Hohe Häupter zur FIFA-Hütte pilgerten, stünde Herr Sepp Blatter die Würde - nachdem es mit dem Friedens-Nobelpreis (noch) nicht geklappt hat - eines Ehren-Kardinals unbedingt zu. Er, der den Menschen so viel Freude bringt! Antworten



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