Rotiert und durchgedreht

Die Niederlage des FC Basel gegen GC muss Paulo Sousa teilweise auf seine Kappe nehmen. Mit seinen umstrittenen Personalentscheiden macht sich der FCB-Trainer angreifbar.

Die Aufstellungen von Paulo Sousa verstehen die meisten Fans nicht. Die Spieler aber offenbar auch nicht.

Die Aufstellungen von Paulo Sousa verstehen die meisten Fans nicht. Die Spieler aber offenbar auch nicht. Bild: Keystone

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Der gestrige Sonntag hätte ein Festtag werden sollen. Zumindest in der Ostschweizer Gemeinde Wil. Dort wollte der Tourismusverein seinen WM-Fahrer Fabian Schär empfangen und ehren, schliesslich wurde dieser beim heimischen FCW in der Challenge League gross. Doch der Nationalspieler des FC Basel musste den Termin kurzfristig absagen, weil Trainer Paulo Sousa am Tag nach der 1:3-Niederlage gegen den Grass­hopper Club zum Training bat.

Die Episode passt zu einem verpatzten Wochenende aus Basler Sicht, sie passt insbesondere zu Fabian Schär, der auf dem Letzigrund unfreiwillig in den Fokus rückte. 36 Minuten nur dauerte sein Arbeitstag, dann wurde er von seinem Trainer Sousa vom Platz geholt und durch Marcelo Diaz ersetzt. Für Schär rückte Taulant Xhaka neben Walter Samuel ins Abwehrzentrum. «Ich wollte mehr Mobilität zwischen den Linien und mehr Power nach vorne», argumentierte der Trainer später.

Schär, sichtlich verärgert, zog es sofort in die Kabine, doch Sousa wies ihm einen Platz auf der Ersatzbank zu; dort flossen dann beim 22-Jährigen die Tränen. Aus Wut und Enttäuschung. Später sagte Schär: «Es tut mir Leid, dass die Emotionen so hochgekommen sind, aber ich war schon sehr enttäuscht und habe mir das alles anders vorgestellt.» Sousa sprach salbungsvoll von einem «fantastic Boy», der Schär sei, «aber es könnte auch eine Lektion für ihn sein, seine Emotionen gegen innen und aussen zu kontrollieren.»

Wieder ohne Marco Streller

Die bemerkenswerte Episode Schär/Sousa trifft den FCB just vor dem ersten grossen Auftritt in der Champions League gegen Real Madrid. Und nicht nur in der Causa Schär gab Sousa am Samstag ein schwaches Bild ab. Mit umstrittenen Personalentscheiden befeuerte der Portugiese die 1:3-Niederlage gegen die kriselnden Zürcher – und machte sich angreifbar.

Ohne Not verzichtete Sousa erneut auf Marco Streller und zauberte dafür den formschwachen Giovanni Sio aus dem Hut. Selbst für einen FCB wirkt es überheblich, wenn er gegen GC auf seinen besten Stürmer verzichtet – und dies nach einer Länderspielpause. Schon im Heimspiel gegen St. Gallen im August blieb Streller draussen, die Basler verloren. Der 33-Jährige ist in er Offensive immer noch unersetzlich.

Auch über die Nomination von Matias Delgado lässt sich trefflich streiten. Am rechten Flügel kommen die Fähigkeiten des ballgewandten Argentiniers am wenigsten zu tragen, doch im Zentrum hatte es am Samstag wieder keinen Platz für ihn, weil Sousa auf Luca Zuffi setzte.

Xhaka der neue Liebling des Trainers

Doch die kernigste Debatte dreht sich zweifellos um die Verteidigung. Dort hat Sousa Taulant Xhaka zu seinem Königsspieler erkoren. Der kampfstarke, aber spielerisch bescheidende Nationalspieler aus Albanien pendelt zwischen den Linien, verteidigt gegen den Ball im Mittelfeld und weicht bei Ballbesitz in eine Dreierabwehr zurück, wo er das Aufbauspiel ankurbeln soll.

Am Samstag opferte Sousa schon nach 36 Minuten Schär und zog Xhaka fix ins Abwehrzentrum zurück. Was Xhaka besser können soll als beispielsweise Marek Suchy, der erneut 90 Minuten zuschauen musste, erschliesst sich dem Beobachter beim besten Willen nicht.

Neben Xhaka hielt Walter Samuel zwar den ganzen Match durch und produzierte wenig Eigenfehler. Doch ein Perspektivspieler ist der Argentinier mit seinen 36 Jahren ebensowenig wie ein Abwehrchef, der Ruhe und Klasse ausstrahlt. Ob Samuel das Tempo in der europäischen Königsklasse mitgehen kann? Zweifel sind erlaubt.

Calla kein Degen-Ersatz

Statt Schär hätte Sousa gegen GC auch Samuel austauschen können. Doch der Oldie, der im Stil eines Feierabendspielers über den Platz trabte, blieb drin. Fragwürdig war am Samstag auch die Wahl der Aussenverteidiger; Davide Calla ist rechts zu schmalbrüstig als Degen-Ersatz; Behrang Safari machte links einen lustlosen Eindruck und spielte blutleer.

Wer sich wie der FCB den Luxus eines 25-Mann-Kaders leisten kann, der wird nach jedem Punktverlust in der Super League mit einer hitzigen Personaldebatte konfrontiert. Wie will man einem Geoffroy Serey Die erklären, dass es ihm nicht einmal mehr auf die Ersatzbank reicht? Warum fungiert ein Juwel wie Breel Embolo nicht einmal auf dem Matchblatt, obwohl er auch in der U21 nicht regelmässig eingesetzt wird? «Wir müssen über die Bücher», meinte Mittelfeldspieler Fabian Frei, «heute hat vieles nicht gestimmt bei uns».

Klar: Mit 18 Punkten aus 8 Spielen ist der Serienmeister auch jetzt wieder in der Spur, was die Buchhaltung betrifft – auch wenn er gestern die Tabellenführung an den FC Zürich abtreten musste. Ein Sieg im nächsten Heimspiel gegen Vaduz, und Rotblau beendet das erste Saisonviertel mit 21 Zählern, was hochgerechnet 84 Punkte ergibt. Und eine Niederlage gegen den neuen Angstgegner vom Letzigrund ist verkraft- und erklärbar, gerade drei Tage vor einem Hammerspiel in der Champions League.

Aber Paulo Sousa wird sich gut überlegen müssen, wie er sein Puzzle künftig taktisch und personell zusammensetzen will. Es macht keinen Sinn, ständig die Reihen zu mischen. Damit entzieht er den Spielern das Vertrauen und schürt den Unmut. Gegen GC wurde rotiert – und durchgedreht. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 14.09.2014, 19:45 Uhr)

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