Sport
«Schauen Sie sich die Gesichter gewisser Trainer an»
Von Christian Brüngger. Aktualisiert am 23.09.2011 4 Kommentare
Artikel zum Thema
Sportpsychologe Jörg Wetzel
Jörg Wetzel (43) arbeitet als Sportpsychologe für das Bundesamt für Sport, ist Dozent und besitzt eine eigene Firma. Er betreut unter anderen den SC Bern und YB.
Rangnick: Sofort Schluss
Wegen Erschöpfung hat Ralf Rangnick (53) seinen Job als Trainer von Schalke quittiert. Rangnick hatte am Neujahrstag nach langem Knatsch mit Mäzen Dietmar Hopp als Trainer von Hoffenheim kapituliert und eine längere Schaffenspause angekündigt. Doch bald liess er sich überreden, bei Schalke die Nachfolge des entlassenen Felix Magath anzutreten. «Nach langer und reiflicher Überlegung bin ich zum Entschluss gekommen, dass ich eine Pause brauche», wird Rangnick nun im Communiqué zitiert. «Die Entscheidung so zu treffen, ist mir unheimlich schwergefallen. Doch mein derzeitiger Energielevel reicht nicht aus, um erfolgreich zu sein und die Mannschaft und den Verein in ihrer sportlichen Entwicklung voranzutreiben.» Rangnick gewann mit Schalke den Cup, stand im Champions-League-Halbfinal und war derzeit in der Bundesliga Neunter. (Si)
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Jörg Wetzel, Schalke-Trainer Ralf Rangnick musste seinen Job wegen eines vegetativen Erschöpfungssyndroms aufgeben. Was bedeutet dies?
Ich kann die Frage nur aus psychologischer Sicht beantworten – also nicht aus medizinischer. Ein vegetatives Erschöpfungssyndrom bedeutet, dass man die Anforderungen nicht mehr erfüllen kann, nicht mehr leistungsfähig ist.
Wie kommt es dazu?
Das ist ein langer Prozess, und viele Faktoren spielen hinein. Etwa die Persönlichkeit. Ein Perfektionist, der sich wenig Zeit nimmt, um zu schlafen, soziale Kontakte zu pflegen oder bewusst zu entspannen, ist stärker gefährdet als einer, der sich besser von seiner Arbeit distanzieren kann. Auch die Art der Entspannung ist wichtig. Mit Kollegen ein Bier zu trinken, mag kurzfristig erholsam sein. Langfristig aber sind andere Entspannungsarten dienlicher. Weitere Faktoren sind der Druck, der eigene wie der äussere, oder wie viel Wertschätzung einem entgegengebracht wird.
Wie kann ein Erschöpfungssyndrom auskuriert werden?
Da hilft nur eine Pause. Sie dauert oft mehrere Monate. Die betroffenen Personen müssen wissen, dass sie allenfalls nicht mehr «die Gleichen sind», wenn sie ins Business zurückkehren.
Gibt es Unterschiede in der Stressbewältigung zwischen Männern und Frauen?
Frauen sind emotionaler, können aber die Emotionen loswerden. Damit schaffen sie Raum für eine ideale Psychohygiene. Wer seine Emotionen hingegen ständig zu kontrollieren versucht, was Männer eher tun, kann urplötzlich explodieren. Nehmen Sie den Fussballer Zinédine Zidane bzw. seinen Kopfstoss im WM-Final gegen Italien als Beispiel.
Sind «Vulkan-Typen» wie Fussball-coach Bernard Challandes eher bevorteilt, da sie ihre Emotionen ungefiltert hinauslassen?
Ja. Schauen Sie sich einmal die Gesichter bestimmter Trainer an, ihre versteinerten Mienen. Die fressen ihren Frust sichtbar in sich hinein.
Sind Trainer grosser Sportarten stärker gefährdet, weil sie unter ständiger Beobachtung stehen?
Ja. Weil sie dermassen beobachtet werden, müssen sie viel vorsichtiger agieren als etwa ein Beachvolleyball-Trainer. Dieser kann sich an einem Fest auch einmal gehen lassen. Einem bekannten Fussball-Coach ist so etwas kaum möglich, wenn er Negativschlagzeilen vermeiden will. Damit wird ihm ein allfälliges Ventil genommen. Eine hohe Aufmerksamkeit kann sehr anstrengend sein.
Können sich Coaches den oft überhöhten Erwartungen entziehen?
Kaum. Sie müssen lernen, diese Ansprüche zu relativieren, und sich genau beobachten, was mit ihnen in diesem Scheinwerferlicht als Person passiert. Eines aber muss jeder Involvierte, ob Trainer oder Athlet, wissen: Druck ist wesentlicher Bestandteil des Sports. Er muss folglich lernen, mit ihm umzugehen. Wie er dies tut, ist natürlich sehr unterschiedlich.
Hilft Lebenserfahrung, um Stress- und Drucksituationen besser begegnen zu können – oder sind unverbrauchtere Trainer resistenter?
Mehrere Einflüsse sind prägend. Wer wie Ciriaco Sforza ein Spitzenfussballer war, kennt die Mechanismen seines Sports schon, bevor er Trainer wurde. Er kann sie auf seine Arbeit als Coach besser übertragen. Wichtiger als eine erfolgreiche Karriere aber ist, was man daraus lernte. Ein Trainer darf Fehler begehen, er muss sich entwickeln können. Nur sollte er die gleichen Fehler nicht zu viele Male wiederholen.
Ralf Rangnick gehört mit 53 Jahren zu einer mittleren Trainergeneration. Tut sich diese einfacher, über Schwächen zu reden, als die alte?
Nach meiner Erfahrung betrachtet die jüngere und mittlere Generation Sportpsychologie als einen von vielen Bausteinen, um die eigene Leistung zu verbessern. Sie wollen lernen, sich weiterentwickeln. Viele Ältere mögen die Sportpsychologie spannend finden, sagen aber: «Ich will nichts Neues mehr lernen.»
Spieler leiden ebenso unter Stresssituationen. Die Einflussfaktoren sind aber teilweise andere. Welches sind die entscheidenden?
Erst einmal muss man Einzel- und Teamsportarten unterscheiden. Nehmen wir sehr trainingsintensive Sportarten wie Turnen oder Marathon. Das hohe Trainingsvolumen führt oft zu einem körperlichen Verschleiss, was gepaart mit einer Leistungsstagnation zu Frust und gar Erschöpfungssymptomen führen kann. Zumal viele dieser Einzelsportler die Stagnation durch noch mehr Training zu überwinden versuchen. Das ist gerade der falsche Ansatz, führt sie in einen Teufelskreis. Stattdessen müssten sie die Erholung fördern.
Wie ist es bei Teamsportlern?
Dort ist die Wertschätzung – die äussere beispielsweise der Fans sowie die innere etwa des Trainers – entscheidend. Nehmen wir Fussballer. Sie verfügen dank der hohen medialen Präsenz auch oft über einen entsprechenden Status. Fehlt die Wertschätzung, kann eine Negativspirale einsetzen. Entsprechend wichtig ist es, ein intaktes Selbstwertgefühl zu besitzen und genau zu wissen, was einen antreibt.
Wie gross ist die Gefahr, dass ein Spieler innerhalb eines Teams ausgegrenzt wird, wenn er zu seiner Überforderung steht?
Die Spieler wissen genau, mit wem sie ihre Anliegen besprechen können. Oft kommen diese zwar aus dem gleichen Gebiet, aber aus einem anderen Verein. Im eigenen definiert sich vieles ausschliesslich über die Leistung.
Einzelathleten können sich nicht hinter ihren Kollegen verstecken. Sind sie im Bezug auf Stresssymptome verletzlicher?
Ich vereinfache: Einzelsportler sind härter im Nehmen, obschon die Verletzlichkeit gleich hoch ist. Einzelsportler nehmen sich oft auch weniger wichtig.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.09.2011, 10:16 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
4 Kommentare
«Schauen Sie sich die Gesichter gewisser Trainer an»
Das Fussballtrainer ein stressiger Job sein kann, ist wohl auch Nicht-Psychologen bekannt. Aber, ein seriöser Psychologe, der sich auf Ferndiagnosen (über TV) verlässt? Ist doch auch mal was Schönes. So ein bischen, wie wenn ich die Aufstellung der Nati vom Sofa aus kommentiere...
Antworten
Toll, wie in Deutschland mit "Burn Out" umgegangen wird. Da wird offen kommuniziert und der Patient sehr ernst genommen. In der Schweiz ist das, aus meiner eigenen Erfahrung, leider noch nicht so. Unsere Leistungsgesellschaft hat noch nicht gelernt, dass psychische Erschöpfung eine ernst zunehmende Krankheit. Ich hoffe, dass in Zukunft auch in der Schweiz offener kommuniziert wird. Antworten


Bitte warten


