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«Sie sind verzweifelt. Jeder kämpft um sein Leben»

Von Vincenzo Capodici. Aktualisiert am 27.05.2011 34 Kommentare

Die Ermittlungen gegen Fifa-Chef Blatter und Herausforderer Bin Hammam seien lächerlich, sagt der renommierte Fifa-Kritiker Andrew Jennings im Gespräch mit baz.ch/Newsnet. Jetzt müssten die Sportminister der Welt bei der Fifa eingreifen.

1/10 Sepp Blatter, seit 1998 Präsident der Fifa und seit 35 Jahren im Dienste des Weltfussballverbands, unter anderem als Generalsekretär (1981–1998). Der 75-jährige Walliser kandidiert für eine vierte Amtszeit – und sollte am Mittwoch auch wiedergewählt werden. Von der Fifa-Ethikkommission ist er am Sonntag in Zürich freigesprochen worden.
Bild: Keystone

   

«Der Schlimmste von allen ist Jack Warner»: Investigativreporter Andrew Jennings.

Andrew Jennings

Der 67-jährige Schotte ist seit Jahrzehnten als Investigativreporter tätig. Sein grosses Thema ist die Korruption im Sport. In seinem internationalen Bestseller «Die Herren der Ringe» thematisierte er die illegalen Machenschaften im Internationalen Olympischen Komitee. Nebst dem IOC widmete Jennings auch dem Weltfussballverband mehrere Bücher. Rechtzeitig zur WM 2006 in Deutschland veröffentlichte Jennings das Buch «Foul!». Darin erhebt er schwere Vorwürfe gegen die Fifa. Es geht um Stimmenkauf, Bestechung und Unregelmässigkeiten beim Ticketing. Jennings schrieb für «The Times», «Daily Mail», «Sunday Times» und «New Statesman». Zudem realisierte er Beiträge für Granada TV sowie BBC Radio und Fernsehen. Vor der Vergabe der Fussball-WM 2018 und 2022 veröffentlichte Jennings auf BBC zwei Reporte über die Korruption in der Fifa. Möglicherweise hatte die englische Kandidatur wegen Jennings keine Chance bei der WM-Vergabe. Diese Woche brachte die BBC in der Sendung «Panorama» eine weitere Dokumentation des Enthüllungsjournalisten. Das Thema war - Korruption in der Fifa. (vin)

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Heute Morgen hat die Fifa im Zusammenhang mit Vorkommnissen rund um die anstehende Präsidentenwahl eine Untersuchung gegen ihren Chef Joseph Blatter eingeleitet. Damit eskaliert der Wahlkampf um das Fifa-Präsidium in Zürich. Schon vor zwei Tagen wurde bekannt, dass der katarische Präsidentschaftskandidat Mohamed Bin Hamman vor der Ethik-Kommission des Weltfussballverbands zu Bestechungsvorwürfen Stellung nehmen muss. Sowohl Bin Hammam als auch Blatter müssen am Sonntag vor der Ethik-Kommission erscheinen.

Diese Untersuchungen seien «lächerlich», meint Fifa-Kritiker Andrew Jennings im Gespräch mit baz.ch/Newsnet. Was komme denn schon heraus, wenn ein Gauner gegen einen anderen Gauner ermittle, fragt der schottische Enthüllungsjournalist, der seit Jahren einer der härtesten Kritiker von Sepp Blatter und der Fifa ist. «Es wird nichts passieren», ist Jennings überzeugt. «Gar nichts. Ausser, dass Blatter wiedergewählt wird.»

Jetzt müssten die Sportminister der Welt beim Weltfussballverband eingreifen. Diese müssten sagen: «Genug ist genug.» Es dürfe doch nicht sein, «dass korrupte Idioten weiterhin den Weltfussballverband regieren», sagt der 67-jährige Journalist.

«Blatter ist Teil des Problems, nicht Teil der Lösung»

Der Zeitpunkt der Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens gegen den 62-jährigen Fussballfunktionär und Geschäftsmann aus Katar sei wohl kein Zufall gewesen, sagt Jennings. Das heute Vormittag eingeleitete Verfahren gegen Blatter, das auf Betreiben von Bin Hammam eröffnet worden ist, sei keine grosse Überraschung. «Diese Leute sind verzweifelt», sagt Jennings, «jeder kämpft jetzt um sein Leben.»

Blatter, der die vierte Amtszeit als Fifa-Präsident anstrebt, habe in den letzten Monaten auffällig oft den Kampf gegen Korruption betont. Aber: «Blatter ist Teil des Problems und nicht Teil der Lösung.» Nach Ansicht von Jennings zeigen die Tatsachen ein zweifelhaftes Bild von der Aufarbeitung illegaler oder zumindest fragwürdiger Geschäfte von hochrangigen Fifa-Funktionären.

Zögerliche Aufklärung in der ISL-Bestechungsaffäre

Der Investigativreporter, der am Fifa-Sitz in Zürich als «Persona non grata» gilt, nennt als Beispiel den Schmiergeldskandal um die pleitegegangene Fifa-Vermarktungsagentur ISMM/ISL mit Sitz in Zug. Laut Jennings sollen rund 100 Millionen Dollar an Fifa-Funktionäre verteilt worden sein. Letztes Jahr stellten die Zuger Strafverfolgungsbehörden das Verfahren ein, nachdem die Beschuldigten im Rahmen eines Vergleichs einen Teil des Schadens beglichen hatten. Laut Jennings versucht die Fifa, die Veröffentlichung des Vergleichsdokuments mit den Namen der mutmasslichen Schmiergeldempfänger zu verhindern. Die Fifa habe es geschafft, dass die Dokumente – wenn überhaupt – erst nach der Präsidiumswahl am 1. Juni publik gemacht werden könnten.

Den Fall ISMM/ISL thematisiert Jennings auch in seiner neusten BBC-Dokumentation «Fifa – die Schande des Fussballs», die diese Woche ausgestrahlt worden ist. Stimmen die Fakten im Report des schottischen Journalisten, ist die Fifa ein Hort der Korruption. Im Fifa-Exekutivkomitee soll ein Drittel der 24 Mitglieder in Korruptionsfälle verwickelt sein. In der Dokumentation tauchen immer wieder dieselben Namen auf, insbesondere Issa Hayatou (Präsident des afrikanischen Kontinentalverbands), Nicola Leoz (Präsident des südamerikanischen Kontinentalverbands), Ricardo Texeira (Präsident des brasilianischen Verbands) und Jack Warner (Präsident des nord- und zentralamerikanischen sowie karibischen Verbands). «Der Schlimmste von allen ist Warner», sagt Jennings im Gespräch mit baz.ch/Newsnet.

Fifa-Funktionäre mischen im Ticket-Schwarzhandel mit

Im BBC-Film präsentiert Jennings einen neuen Zeugen, der belastende Aussagen über Warner macht. Ein Ticket-Broker aus Norwegen sagt, dass ihm der aus Trinidad und Tobago stammende Fifa-Vizepräsident vor der Fussball-WM 2006 in Deutschland mehr als 800 Schwarzmarkt-Billette verkauft haben soll. Für die Tickets im Wert von 82'000 Euro habe Warner 242'000 Euro kassiert. Gemäss der Dokumentation kontrollierten hochrangige Fifa-Funktionäre rund 40 Prozent des Schwarzhandels.

Jennings bezeichnet Jack Warner als mächtigen Strippenzieher in der Fifa. Bei der Wahl des Fifa-Präsidenten am nächsten Mittwoch werde Warner der Königsmacher sein, wenn sein Verband Concacaf einstimmig votiere. Inzwischen laufen auch gegen Warner Ermittlungen der Fifa-Ethik-Kommission – im selben Korruptionsverfahren wird gegen Blatter-Herausforderer Bin Hammam ermittelt. Dabei geht es um ein Treffen der karibischen Fussball-Union am 10. und 11. Mai, bei dem der Präsidentschaftskandidat aus Katar dabei war und Geld für Stimmen angeboten haben soll.

Schmiergeldzahlungen sollen bereits bei der Vergabe der WM 2018 und 2022 eine Rolle gespielt haben. Nach Recherchen von Jennings und anderen britischen Journalisten steht Katar im Verdacht, den Zuschlag für die WM 2022 mit enormen Bestechungszahlungen erkauft zu haben. Die Fifa, so Jennings, weigere sich aber, die Sache aufzuklären.

«Die Fifa muss zerstört und neu aufgebaut werden»

Im Kampf um das Fifa-Präsidium hat Bin Hammam die Chancen eines Aussenseiters. Ist die Kandidatur des Katarers wegen des jüngsten Korruptionsverdachts erst recht aussichtslos? Das wisse er nicht, sagt Jennings. Es spiele auch keine grosse Rolle, wer als Fifa-Präsident gewählt werde. Auch Bin Hammam sei Teil des korrupten Systems. Bin Hammam fordere zwar mehr Transparenz in der Fifa, gleichzeitig behaupte er, dass es in der Fifa keine Korruption gebe und dass die Exekutivmitglieder ehrbare Personen seien. «Das ist natürlich Nonsens», hält der schottische Reporter fest, der in seiner BBC-Dokumentation die kritisierten Fifa-Funktionäre bei einem Kongress in Paris mit seinen Rechercheergebnissen konfrontierte. Hayatou, Leoz, Texeira, Warner – alle weigerten sich, mit Jennings zu sprechen. Und Blatter sagte lediglich: «Ich spreche nicht darüber.»

Im BBC-Report zieht David Mellor, einst Vorsitzender einer britischen Fussball-Taskforce, ein ernüchterndes Fazit: «Die Fifa ist nicht zu retten. Sie muss zerstört und neu aufgebaut werden.» Steht es wirklich so schlimm um die Fifa? Jennings gibt eine unmissverständliche Antwort: «Ja, das ist so.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.05.2011, 12:43 Uhr

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34 Kommentare

hans nötig

27.05.2011, 14:09 Uhr
Melden 34 Empfehlung

Ach, "FIFA" ist noch nicht in den Duden aufgenommen worden als Akronym für das Wort "Korruption"? Kompliment jedoch an Herrn Jennings, das nenne ich noch Journalismus, da können sich sehr viele gehörig was abschneiden. Antworten


Dominiq Büttiker

27.05.2011, 14:02 Uhr
Melden 29 Empfehlung

Die Fifa wird für die Stadt Zürich zunehmend zu einem Image-Problem. Warum bieten wir Platz für eine korrupte Organisation und begünstigen diese auch noch steuerlich?Bei der echten Besteuerung der kommerziellen Firma "Fifa" ist vorwärtszumachen und politisch sollte Einfluss auf eine Absetzung von Blatter genommen werden.Sollte die intransparente und zerstrittene Fifa Zürich verlassen, umso besser! Antworten



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Stand: 27.05.2012 14:31
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Stand: 25.05.2012 15:24
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