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Tief im Herzen steckt eine gewisse Wut
Von Florian A. Lehmann. Aktualisiert am 07.01.2011 36 Kommentare
Bekennender und leidender GC-Fan: baz.ch/Newsnet-Sportredaktor Florian A. Lehmann.
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Wie viel Leid erträgt ein Mensch? Genauer gesagt, ein Fussball-Anhänger? Antwort: Wir wissen es nicht. Aber was wir wissen, ist: Ein GC-Anhänger leidet mehr als andere Fussball-Liebhaber irgendwo auf dem Globus. Das wird jede Person bestätigen, die ihr Herz dem Traditionsklub aus Zürich verschrieben hat. Einst ein stolzer Supporter einer Institution mit Gloria und «classe sportive», muss der GC-Fan mittlerweile das Etikett Masochist tragen. Die Geschehnisse rund um den Rekordmeister im Schweizer Fussball bergen mittlerweile genug Stoff für ein Film-Drehbuch namens «Die Offside-Saga».
Dass die Jugendbande von Fussball-Sekundarlehrer Ciriaco Sforza an letzter Stelle der nationalen Super League klassiert ist, ist nicht einmal das grösste Übel aus Sicht des Anhängers. Mit einem Kader von mehr oder weniger talentierten Lehrlingen und einigen verletzten Senioren in der Elite-Klasse zu bestehen, ist fürwahr eine sportliche Herausforderung. Der geduldige Supporter akzeptiert diesen Umstand zähneknirschend, auch, weil ihm der Coach und die Grünschnäbel irgendwie leid tun. Sie geben sich Mühe und haben Mühe, vor allem im gegnerischen Strafraum. «Im Leben, im Leben, geht so mancher Schuss daneben», hat einst die deutsche Ohrwurm-Sängerin Katja Epstein geträllert. Es scheint das Lieblingslied des ausgedünnten Kaders des Tabellenletzten zu sein. Dass es dieser noch schafft, kurz vor dem Christkind den überheblichen Meistern aus Basel mit einem 2:1-Sieg eins auszuwischen, lässt ein anderes Lied von Frau Ebstein hochleben: «Wunder gibt es immer wieder».
Es existieren keine Alternativen
Die Hoffnung stirbt zuletzt, heisst es doch so schön. Ein Überlebensmotto nicht nur für Sforzas tapfere Jugend-Auswahl, sondern auch für die leidgeplagte Anhängerschaft. Diese ist – nach den üblichen Hiobsbotschaften von der finanziellen Front – im neuen Jahr mit einem veritablen Schlag in die Magengrube der kollektiven Seele begrüsst worden: Der Patron, Urs Linsi, hat den Vertrag mit der Stadt zwecks Benützung des Letzigrunds gekündigt. Mit anderen Worten: Ab dem Sommer suchen die Grasshoppers eine neue Bleibe. Sie mutieren vom Mieter zum Obdachlosen oder zum Asylsuchenden – wie es Politiker bezeichnen würden. Dabei haben die Eltern von Linsi ihrem Sohn im Leben bestimmt einmal gesagt: «Junior, verlasse dein Heim erst, wenn du ein neues Zuhause hast.» Es ist möglich, dass der Präsident der Neuen GC Fussball AG diesen Ratschlag fürs Leben vergessen hat. Jedenfalls muss er ab sofort neben Geld zusätzlich ein möbliertes Zimmer mit grünem Rasen finden. Das ist gerade im Millionen-Zürich eine delikate Aufgabe; es ist wohl einfacher, ein offenes Eisfeld in der Sahara aufzustöbern. Oder einen guten und billigen Stürmer auf dem Transfermarkt zu engagieren.
Nun machen Alternativen zum Standort Letzigrund die Runde. Auch da wird es dem Supporter nicht warm ums Herz. Das Aarauer Brügglifeld? Unmöglich, welcher Zürcher will schon mit weissen Socken ein Fussballspiel seines Lieblingsvereins sehen, und das erst noch in einer Bruchbude. Die Winterthurer Schützenwiese? Diese Lösung würde allein schon ein Visa-Problem hervorrufen. Denn Mostindien fängt direkt hinter Effretikon an. Die St. Galler Arena? Ein schönes Stadion zwar, aber wer so weit in den Osten fahren muss, um ein Heimspiel von GC zu sehen, kann ebenso gut in die Mongolei auswandern. Bliebe noch der Vaduzer Rheinpark im Fürstentum Liechtenstein. Zumindest die Aura der fürstlichen Familie könnte für die Fremdarbeiter aus Zürich so etwas wie «a touch of class» bedeuten. Die Frage mit dem Standort Vaduz ist allerdings, ob die Liga und das EDA eine solche Lösung billigen würden. Bliebe noch der Campus in Niederhasli, doch der ist für den Nachwuchs reserviert.
Die Bemerkung des FCZ-Präsidenten
Kein sportlicher Erfolg, kein Geld, kein Heim – GC steckt tief im Schlamassel. In einem Punkt muss der Anhänger dem Chef-Sanierer Linsi, dem seit seinem Amtsantritt wenig zu gelingen scheint, recht geben: Die Miete (inklusive Kosten für Polizeieinsätze) im Letzigrund ist mit rund 3 Millionen Franken happig – ein Fall eigentlich für den Mieterverband. Es ist verständlich, dass sich Linsi und seine Vorstandskollegen Gedanken machen. Ob allerdings der eingegangene Weg und vor allem der Zeitpunkt der richtige ist, scheint nicht nur für die Hoppers-Familie fraglich. Die grösste Schweizer Stadt ist einem rigiden Sparkurs unterworfen. Doch in diesen schweren Stunden für die Hoppers finden sogar Worte des FCZ-Präsidenten Ancillo Canepa Gehör, der moniert, dass nicht nur die subventionierten Kulturinstitutionen wie Schauspielhaus und die Oper zur Stadt gehören, sondern auch die beiden Zürcher Fussballklubs. Tja, Herr Canepa, wo Sie recht haben, haben Sie recht.
Bei GC ist in den letzten Jahren so vieles falsch gemacht worden, dass selbst Zynikern das Lachen im Halse stecken bleibt. Der tiefe Fall der einst guten Marke GC ist ein Lehrbeispiel für jeden Manager-Kurs, wie man es im «Daily Business» auf gar keinen Fall machen darf. Schon das allein strapaziert die (depressive) Gefühlslage des treuen Anhängers aufs Schärfste.
Es bleibt die Wut
Aber noch hat die Ohnmacht den Optimismus nicht vollends verdrängt. Denn tief im Herzen steckt auch eine gewisse Wut. Und diese richtet sich nicht nur an die in den letzten Jahren unfähigen Funktionäre der GC-Fussballer, sondern auch an gewisse Exponenten aus der Wirtschaft und der Politik. Am 7. September 2003 hat es eine Volksabstimmung über ein neues Fussball-Stadion in Zürich-West gegeben. Der städtische Souverän hat sich klar dafür ausgesprochen. Heute zeigt der Kalender das Jahr 2011, der viel zu früh abgerissene Hardturm steht nicht mehr, und in der Ortschaft ist man weit davon entfernt, ein neues, reines Fussball-Stadion zu realisieren. Das einzige, was der Betrachter auf dem Areal heutzutage sieht, ist nicht nur eine Bauruine, sondern einen Schandflecken für die Stadt.
Überall geht es vorwärts mit modernen Stadien (oder es gibt sie schon): In global wichtigen Citys wie Luzern, Thun oder Neuenburg. Aber Zürich, die sogenannte Wirtschaftsmetropole des Landes, bringt es nicht fertig, ein Fussball-Stadion auf die Beine zu stellen. In Basel, Bern, St. Gallen und in der Romandie lachen sie sich krumm über die sonst in vielen Fragen so selbstsicheren Puritaner von der Limmat, die offenbar unfähig sind, einen Entscheid an der Urne in die Tat umzusetzen.
Die Erinnerungen an die Kiesgrube
Ach, waren das noch Zeiten, als im heimischen Hardturm gekickt wurde. Und die FCZ-Fans vor den Derbys jeweils sagten: «Jetzt gehen wir in die Kiesgrube.» Heute ist der Übername passender denn je.
Dieser Fakt ist ein weiterer Stich ins Herz des GC-Fans, der ja ebenfalls heimatlos ist. Und wenn der Supporter die ganze Geschichte mit dem Niedergang seiner Lieblinge und das Zürcher Fussball-Stadion-Drama nochmals Revue passieren lässt, kommt ihm der passende, deutsche Titel eines Film-Klassikers in den Sinn: «Denn sie wissen nicht, was sie tun». (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 07.01.2011, 10:09 Uhr
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36 Kommentare
Herr Lehmann, es ist wunderbar und, obwohl niederschmetternd, sehr erfrischend geschrieben. Durch Ihren Artikel konnte ich mein neustes Hobby Masochismus richtig fröhnen. Nur etwas stört mich als Winterthurer sehr. Mostindien...tztztztztz... Die Schützenwiese wäre perfekt, da GC mehr Fans ausserhalb der Stadt Zürich hat. Antworten


