Sport
Wie aus «Basti Fantasti» die «Deislerin» wurde
Von Sascha Rhyner. Aktualisiert am 02.10.2009
Vor knapp drei Jahren zog sich Sebastian Deisler, einst als eines der hoffnungsvollsten Talente in Deutschland gesehen und im Boulevard als «Basti Fantasti» gepriesen, 27-jährig vom Leistungssport zurück. Verletzungen und vor allem Depressionen hatten seine Karriere geknickt und schliesslich im Januar 2007 beendet. «Für die anderen war ich ein Star – aber ich habe mich gefühlt wie eine Glühbirne, die einsam von der Decke hängt. Nackt», sagte er in einem Interview mit der «Zeit».
Seine Profikarriere begann Deisler bei Hertha Berlin («Der Verein war so unfertig wie ich als Spieler»). «Die waren froh, mich ins Schaufenster stellen zu können. Ich bin unglücklich geworden, als ich versucht habe, andere glücklich zu machen. Ich fühlte mich ein trauriger Clown», erzählte er über seine Zeit bei Hertha.
«Das war mein Genickschuss»
Der eigentliche Knackpunkt, so schildert es Deisler, sei sein Transfer zu Bayern München gewesen. Er habe Dieter Hoeness 2001 darüber informiert, dass er 2002 zum Rekordmeister wechsle. Dieser habe um Stillschweigen gebeten. Doch «Bild» enthüllte den Wechsel – wie auch das angebliche Handgeld in der Höhe von 20 Millionen Mark. «Ich erhielt Drohbriefe», berichtet Deisler.
Auf die Unterstützung des Vereins habe er nicht zählen können. «Er forderte eine Entschuldigung von mir. Ich hätte gelogen. Dieter Hoeness hätte aber sagen müssen: ‹Liebe Fans, es war mein Wunsch, dass ihr es nicht erfahrt›. Stattdessen hat er zugesehen, wie ich aus Berlin hinausgeprügelt wurde. Das ist es, was mir den Fussball versaut hat. Das war mein Genickschuss. Heute weiss ich, dass ich damals hätte aufhören müssen.»
«Sie nannten mich ‹die Deislerin›»
Deisler setzte indes seine Karriere fort – und wurde alsbald von Depressionen geplagt. Er machte diese öffentlich. Nach seiner Genesung wurde er von den Mitspielern gehänselt. «Einige haben mich hinter vorgehaltener Hand ‹die Deislerin› genannt. Die konnten mich nicht mehr ertragen», sagte Deisler im «Zeit»-Interview.
Der Druck wurde ihm schliesslich zu gross, und er ging – ohne Worte der Verabschiedung, ohne E-Mails der Teamkollegen zu beantworten. «Ich konnte damals ein paar Gesichter nicht mehr sehen. Ich habe bis heute niemandem zurückgeschrieben», erklärte er der «Zeit».
«Man muss härter sein als ich, schreiben Sie das ruhig»
Am nächsten Donnerstag erscheint die Biographie unter dem Titel «Zurück im Leben». Für Deisler war es auch eine Therapie. «Ohne dieses Buch hätte ich nicht weitermachen können. Und wenn jemand etwas daraus nehmen kann, umso besser», meinte er im Interview, das mehrere Stunden dauerte, und auf das er sich zwei Tage lang mit einem persönlichen Coach vorbereitete.
Man kann wohl gut verstehen, dass sich Deisler in der Kabine der Bayern nicht wohlfühlte. «In der Bayern-Kabine Mensch zu sein, ist gar nicht so leicht. Du schaffst es nur, wenn du dir sagst, ich bin der Grösste», zitiert der «Stern» aus der Biographie. Dies divergierte mit der Einstellung Deislers diametral. Oft sei er im Bett gelegen und habe gebetet. «Lieber Gott, ich schaff das nicht. Ich habe sogar mein Talent verflucht. Ich war zu gut, um nicht aufzufallen. Ich war zu sensibel für das grosse Fussballgeschäft. Man muss härter sein als ich, schreiben Sie das ruhig.» (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.10.2009, 16:19 Uhr


